Theaterkritik

Kleist am Thalia: Eine Portion Klamauk zu viel

 Jens Harzer als Amphitryon/Jupiter und Marina Galic als Alkmene: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Jens Harzer als Amphitryon/Jupiter und Marina Galic als Alkmene: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Foto: Armin Smailovic;armin

Leander Haußmanns „Amphitryon“-Inszenierung schöpft zum Ende der Saison am Thalia Theater ihr Potenzial nur unzureichend aus.

Hamburg.  Die Götter sind verrückt geworden. Sie treiben ein närrisches Spiel mit den Irdischen. Das ist der Gedanke, auf den Regisseur Leander Haußmann lustvoll einsteigt und mit dem er – zum Abschluss der Saison im Thalia Theater – in seiner Lesart von Heinrich von Kleists „Amphitryon“ ein vergnügliches, mit viel Erotik aufgeladenes, aber wenige Erkenntnisse bereithaltendes Verwechslungsspiel abliefert.

Dabei geht es nicht zimperlich zu. Erst fährt Merkur in die Gestalt des braven Dieners Sosias. Sebastian Zimmler bestreitet die ersten zwanzig Minuten des Abends in der Doppelrolle allein vor dem samtroten Vorhang, bis ihm der Schweiß vom strähnigen Haar tropft. Grandios irrlichtert er zwischen dem gelangweilten, unbeholfenen Erdling und dem ausgefuchsten, experimentierfreudigen Gott. Und taucht seine Gemahlin Charis (Antonia Bill) auf, mit der ihn eine Art Hassliebe verbindet, wird mit zunehmender Lust und Härte gedemütigt und auch mal beherzt hin- und hergeohrfeigt.

Aus dem Vorhang schält sich bald das zweite Paar. Alkmene hingebungsvoll in den Armen eines Mannes, den sie als ihren Gatten Amphitryon wähnt. Es ist aber der Göttervater Jupiter, der hier die Abwesenheit des Feldherren auf dem Schlachtfeld in Theben ausnutzt, und – vorzeitige Rückkehr vorgaukelnd – mit ihr eine Liebesnacht verbringt. Jetzt knetet er gönnerhaft ihren Arm.

Kleists Sprache, ins lässige Bad der Gegenwart getaucht

Haußmann will die klangvolle, aber eben auch sperrige, ungewohnte kleistsche Sprache mit einem Höchstmaß an heutiger urbaner Lässigkeit aufbrechen und setzt dabei auf die bohemenhafte Hippie-Eleganz der Figuren: das Langhaar strähnig, das Ganovenbärtchen schief. Dazu Kleider von Kostümbildnerin Janina Brinkmann, die Offenherzigkeit und Glamour verbinden. Das gibt die Figuren allerdings manchmal der Lächerlichkeit preis, die mit einer Extradosis Klamauk noch unterstrichen wird. Der Clou der Inszenierung ist vor allem die Besetzung. Denn anders als in der Inszenierungsgeschichte üblich, werden nicht nur Sosias und Merkur, sondern auch Amphitryon und Jupiter von einem Schauspieler gespielt. Die Verwechslungsgeschichte tritt damit in den Hintergrund, und manches an Situationskomik entfällt. Der Identitätskonflikt ist in die einzelnen Figuren verlegt.

Jens Harzers Jupiter ist seiner zwar gewiss, muss jedoch, um in Liebesabenteuern zum Zuge zu kommen, andere Gestalten annehmen. Nun zwickt ihn die Frage, ob Alkmene denn nun den Gemahl oder den Geliebten empfangen habe. Marina Galics wunderbar von Kraft und Aufrichtigkeit getragene Alkmene kann in ihm nur ihren Ehemann sehen. Den Gott erkennt sie nicht, weder jetzt noch später. Die Wortduelle, die sich Galics Alkmene mit Jupiter beziehungsweise Amphitryon liefert, zählen zu den tiefenschärfsten Höhepunkten des Abends. Denn den martert die Frage: Wer bin ich, wenn auch ein anderer beansprucht, ich zu sein?

Richtig kompliziert wird es in der Liebe

Als sich nach 45 Minuten endlich der Vorhang öffnet, gibt er den Blick auf eine Art hölzerne Showtreppe mit Türen und Verwinkelungen frei, erschaffen von Bildhauer Via Lewandowsky. Wer hier durch eine Tür geht, kommt als ein anderer wieder heraus. Eine eindringliche Setzung, die sich die Inszenierung leider viel zu wenig zu eigen macht. An der Spitze prangt in Neonbuchstaben „Good“, wobei sich bei jeder Nennung des Namens Jupiter ein „O“ verabschiedet. Ein bezeichnendes Wortspiel. Kleist hatte Zweifel an der Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erkennen. Und so sehr man sich an diesem Abend fragen mag, warum man dieses Stück ausgerechnet jetzt inszenieren soll: Die Frage ist von höchster Aktualität.

Noch nie war das eigene Selbst so wenig konturenscharf wie heute. Richtig kompliziert wird es aber in der Liebe. Wenn man sich seiner selbst nicht gewiss ist, auch seiner Rolle etwa als Diener im gesellschaftlichen Gefüge, bleibt nur der Blick zum Gegenüber. Das muss misslingen, weil ja das Gegenüber nicht ist, was es zu sein vorgibt – oder ein Doppelgänger des eigenen Ichs ist. Und so verfallen auch die Figuren, ob Mensch oder Gott, auf der Bühne zunehmend dem Wahnsinn. Alkmene stolpert, die Beine verrenkend, über die Treppe. Sosias schleppt seinen geschundenen, eingegipsten Körper an Krücken an die Rampe. Jens Harzers Amphitryon steckt sich eine rote Feder ins Haar und führt eine delirierende Mikrofon-Show auf.

Der Träger des Iffland-Rings übertreibt die Komik

Der neue Iffland-Ringträger ist eine ideale Besetzung für die bedeutungsvolle Kleist-Sprache, die er eindringlich, fast konzertant darbietet. Grandios wechselt er sichtbar zwischen Jupiter und Amphitryon auf der Bühne hin und her. Aber auch er flirtet mit mancher Albernheit, wenn er etwa am Mikrofon mit Haarkranz sein Volk einschwört. Mit plattem Klamauk übertreibt es Leander Haußmann hier gerne einmal. Und so lässt die Inszenierung, obwohl von dem gesamten Quartett mit Hingabe gespielt, nur selten von der Oberfläche in die Tiefe blicken. Die Konflikte bleiben ungelöst. Das letzte, resignierte Wort hat Alkmene, die einzige Figur, die hier ganz bei sich ist: „Ach“.

„Amphitryon“ nächste Vorstellungen

14.5. 19.00, 18.5. 19.30, 19.5. 19.00, 9.6. 19.00, 11.6. 20.00, 22.6. 15.00, 23.6. 15.00, Thalia Theater, Karten unter Telefon 32 81 44 44