Künstliche Intelligenz

Philosophisches Café: Ist ein Smartphone intelligent?

Das neuen Moderatoren-Duo des Philosophie-Cafés: Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger.

Das neuen Moderatoren-Duo des Philosophie-Cafés: Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Furioser Auftakt in die zweite Runde der beliebten Veranstaltung und eine eindeutige Antwort auf eine entscheidende Frage.

Hamburg.  Das war ein furioser Auftakt in die zweite Runde des Philosophischen Cafés. Furios und unbedingt forsch, stellenweise sogar auftrumpfend. Oder wie soll man das sonst nennen, wenn der erste Gast nach dem Philocafé-Relaunch auf der hehren Bühne des Literaturhauses Sätze wie diese raushaut: „Kunst ist der Feind, sie gaukelt uns etwas vor, das wir nicht sind.“ „Philosophie ist das, was die Religion sein will, nur eben auf die richtige Weise.“ „Nietzsche war einer der schlechtesten Philosophen aller Zeiten, den man gerade noch so überhaupt einen Philosophen nennen kann.“ „Kant war völlig verrückt, nach unserem heutigen Wissen.“

Der das alles sagte, war Markus Ga­briel, Bonner Philosoph, ehemaliges Wunderkind der Denkerabteilung und einst mit 29 Jahren schon Lehrstuhlinhaber. Manche halten ihn für eine Art Philosophie-Populisten, das wollen wir an dieser Stelle ganz entschieden ins Positive wenden: Der Mann redet über schwierige Materie so, dass auch Normalhirne verstehen, was er meint. Zumindest in etwa. Zumindest manchmal. Und so war es ein völlig nachvollziehbares Fazit, das Wolfram Eilenberger am Ende eines spritzigen, vor Ideen schäumenden Abends zog. „Sie sprechen anders über Philosophie“, sagte er in Richtung Gabriels. Was diesen augenscheinlich freute. Bucherfolge („Warum es die Welt nicht gibt“) sind das eine, Imagepflege und Auftreten das andere: Das Selbstbewusstsein Ga­briels, das pauschale und markige Aussagen gebiert und das die Philosophie, jene Kampfbahn der Argumente, als große Herausforderung sieht, ist eine ziemliche Schau.

Da braucht es einen fähigen Moderator. Oder besser noch: zwei. Den erwähnten Wolfram Eilenberger und dazu noch Barbara Bleisch, die man beide aus dem Schweizer Fernsehen kennt, wo sie regelmäßig in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ auftreten und auch dank ihrer Autorentätigkeit in der Szene einen guten Ruf genießen. Für das Literaturhaus, das die Reihe „Philosophisches Café“ seit zwei Jahrzehnten veranstaltet, war die Verpflichtung von Eilenberger/Bleisch als Nachfolger des exakt jene 20 Jahre amtierenden Gastgebers Reinhard Kahl ein kleiner Coup. Bei ihrem Debüt im Literaturhaus traten die Zürcherin Bleisch und der Berliner Eilenberger übrigens nur ausnahmsweise im Doppel auf. Künftig werden sie sich abwechseln.

Maschinen, die Menschen beherrschen

Als Forum für die Themen der Gegenwart und des Zeitgeistes hat sich das Format, in dem stets namhafte Intellektuelle zu Gast sind, längst etabliert. Mal ist es nah dran an dem, was man gemeinhin „Lebenswirklichkeit“ nennt, mal ist es eher ein Gedankenabenteuer, ein stark in Richtung der Theorien abbiegendes Manöver. Die Veranstaltung mit Gabriel bewegte sich zwischen beiden Polen. Was Gabriel über unsere Realität sagt, die es seiner Meinung nach nicht als alle umfangende, allgemeingültige, sich lediglich perspektivisch brechende Einheit gibt, sondern nur als Ansammlung von Sinnfeldern, mochte manchem der Veranstaltungsgäste, die sich auf den Abend vorbereitet hatten, bekannt gewesen sein.

Doch, das traute man den Anwesenden zu. Dass sie sich im Vorfeld, Stichwort: Vorbeugung von Hirnknoten, schlau machten, was sie denn zu gewärtigen haben würden. Die Besucher des Philosophischen Cafés sind übrigens auch rein äußerlich anders als die von stinknormalen Autorenlesungen. Sie sitzen nicht entspannt und zurückgelehnt. Sondern nach vorne strebend, mit emporgerecktem Nacken, der Weisheit und dem Verständnis entgegen, in der Hoffnung, alles oder wenigstens ein bisschen nachzuvollziehen.

Was war der aktuelle Bezug an diesem Abend, an dem nicht allein gedacht, sondern auch viel gelacht wurde – zum Beispiel, als Barbara Bleisch so verloren in dem Power-Denken Gabriels war wie mutmaßlich jeder andere auch, dass sie ihm maximal erdend ein Was-heißt-das-jetzt-genau entgegenwarf? Der aktuelle Bezug war die allgegenwärtige Rede über die Künstliche Intelligenz. Da will (und darf dem eigenen Verständnis nach) die Philosophie in Person Markus Gabriels nicht schweigen. Also, werden uns dereinst die Maschinen und Roboter beherrschen? Oder, wie Barbara Bleisch erst einmal ganz grundsätzlich wissen wollte: Ist ein Smartphone eigentlich intelligent?

Gabriel musste sich kritischen Fragen stellen

Es folgte: der umfassend tröstlichste Moment nicht nur des Abends und da gleich zu Anfang, sondern des gesamten Diskurses. Nein, antwortete Gabriel nämlich einfach und schlicht. Jede vom Menschen hergestellte Hardware habe keine Intelligenz. Intelligenz sei gleichbedeutend mit der Möglichkeit, Probleme möglichst schnell zu lösen, sagte Gabriel sinngemäß, um dann in der ihm typischen unkompliziert aufgestellten Gleichung fortzufahren: „Probleme kann man nur lösen, wenn man eines hat. Smartphones haben keine Probleme.“

Während seines Ideen-Vortrags, dessen Sprunghaftigkeit die Moderatoren nach Kräften einzufangen suchten, was bei einem Schnelldenker und Thesen-Automaten wie Gabriel freilich nicht gelangen kann, musste der sich aber auch kritische Nachfragen des Publikums gefallen lassen. Die ein wenig durchsichtige Aufwertung der menschlichen Intelligenz durch Abwertung der Maschinen („Das Smartphone hat nicht mehr Bewusstsein als die Alster“) war in ihrer Grundsätzlichkeit – ein Hauptmerkmal des Gabriel-Denkens – so erschlagend, dass man glatt hätte vergessen können, dass von Menschenhand „klug“-gepimpte Programme eben doch, Denkfiguren hin oder her, den Menschen immer weiter ins Hintertreffen geraten lassen.

Und es war dennoch ein augenöffnender Abend, kurzweilig und gut getaktet, mit souveränen Gastgebern. So kann es weitergehen.