Country vs. Schlager

Literaturhaus-Duell mit Carsten Brosda in Texas-Flagge

Mit der Schlagerleidenschaft von Literaturhauschef Rainer Moritz (l.) kann Kultursenator Carsten Brosda nur wenig anfangen.

Mit der Schlagerleidenschaft von Literaturhauschef Rainer Moritz (l.) kann Kultursenator Carsten Brosda nur wenig anfangen.

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Kultursenator liebt Country, Literaturhaus-Chef Rainer Moritz Schlager. Nun gab's die Revanche – dieses Mal noch enthemmter.

Hamburg. Als kurz vorm Showdown der Innensenator mit Cowboyhut auf dem Kopf und Bier in der Hand in den in Vorfreude vibrierenden Festsaal des Literaturhauses marschierte, war dem Allerletzten klar: Hier und heute gab es keine Scheu. Zurückhaltung war fehl am Platz und fast alles erlaubt. Selbstverständlich auch Alkohol, das ging schon aus dem Veranstaltungstitel hervor: „Alkohol und andere Laster – Countryzeit, Schlagerzeit“.

Und so durfte nämlicher Andy Grote, gemeinsam mit Kultur-Staatsrätin Jana Schiedek übrigens, die sich ihre Kopfbedeckung von Literaturhaus-Chef Rainer Moritz geliehen hatte, mal aus der Polit-Rolle fallen und auf Seriosität pfeifen. Sportstaatsrat Christoph Holstein kam ohne Hut, gehörte aber auch so eindeutig zu den Brosda-Supporters. Carsten Brosda gegen Rainer Moritz, Kultursenator gegen Literaturhaus-Chef, Country gegen Schlager, „The Night Before“ gegen „Komm in meinen Wigwam“, Lee Hazlewood gegen Heino: Das war das Programm einer überaus komischen Veranstaltung.

Literaturhaus-Duell ein bisschen wie Karneval

Wo der Americana-Kenner Brosda Perlen aus Übersee ausgrub, fischte Schlager-Profi Moritz im germanischen Flachwasser und wusste damit sein Publikum auf das Köstlichste zu unterhalten. Wobei bei Zeilen wie „Das schönste Mädchen in den Bergen das heißt Siouxcity-Sue./In einem Wigwam in Montana wohnt sie im Land von Winnetou./Sieben Tage, sieben Nächte sucht’ ich sie in der Prärie./Ein Regenbogen in bunten Farben wies mir den Weg./Da fand ich sie! Sie sah mich an mit Märchenaugen/Es war Liebe auf den ersten Blick“ auch die Abteilung Politik lachte. Und weil Sozialdemokraten schon länger bekanntlich nicht viel zu lachen haben, freute man sich mit ihnen gleich doppelt über einen außergewöhnlichen Literaturhausabend.

Ja, diese zweite überschwänglich als Duell inszenierte Zusammenkunft von Moritz und Brosda war noch unterhaltsamer als die erste im vergangenen Jahr, weil noch enthemmter. Ein bisschen wie Karneval, und das lag nicht nur an den Hüten oder am gepflegten Bildungsbürger-Süffeln in den sonst so hehren Hallen der Literatur, sondern an der Außeralltäglichkeit der Kommunikation: Brosda und Moritz schenkten sich zwischen Songeinspielungen und Liederklärungen nichts.

Da wurde mit Inbrunst der Geschmack des anderen diskreditiert, wobei zumindest einer von beiden damit natürlich vollkommen Recht hatte. Brosda war es auch, der sich theatralisch in eine Flagge des US-Bundesstaats Texas einwickelte, um die bösen Geister des Schlager abzuwehren.

Moritz – oberster Apostel des Schlagers

Und Brosda war es, der extra-trocken die feucht-fröhliche Schlagerekstase des so schmerzlosen wie kundigen Moritz auflaufen ließ. So entzückt das Publikum von den Countryschätzen (Willie Nelson „I Gotta Get Drunk“! Merle Haggards „The Bottle Let Me Down“!) war, so losgelöst und völlig aller hochkulturellen Zurückhaltungszwänge entbunden zeigte es sich dann bei Howard Carpendale, dessen „Tür an Tür mit Alice“ es inbrünstig mit dem notorischen „Who the fuck is...“ konterte. Fand das Publikum, das sonst die deutsche Gegenwartsliteratur aufregend zu finden versucht, etwa erstmals ganz zu sich?

Dass Gastgeber Moritz, dessen Playlist ein Selbstläufer war, aber ohne die ironischen Kommentare des Meisters durchaus weniger Wirkkraft gehabt hätte, insgesamt für mehr Amüsement – und darum ging es ja an diesem Abend – sorgte: eh klar. Ist er der Gott of Schlager, um mit dem Osnabrücker Entertainer Christian Steiffen zu sprechen? Vielleicht nicht ganz. Aber der oberste Apostel des Schlagers dann schon.

Auf Emmylou Harris, die sie beide verehren, konnten sich Moritz und Brosda am Ende übrigens wieder einigen. Und die meisten Gläser standen, wenn nicht alles täuscht, am Politiktisch.