Hamburg

Karin Beier spendiert der Staatsoper die erste eigene "Nase"

Die Hamburgische Staatsoper (Archivbild).

Die Hamburgische Staatsoper (Archivbild).

Foto: picture alliance

Die nächste Spielzeit eröffnet die Staatsoper mit Schostakowitschs "Die Nase", inszeniert von Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier.

Hamburg. Das wurde auch mal Zeit. Seit ihrer eigenen, riesigen Schauspielhaus-Eröffnungsproduktion „Die Rasenden“, bei dem das Ensemble Resonanz 2014 als musikalische Grundierung mitwirkte, hatte sich Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier Generalpause beim Thema Musik-Theater verordnet. So viel an der Kirchenallee zu tun, so wenig Kalender-Freifläche. Dass Beier nun beim Staatsopern-Spielzeitauftakt mit einer Inszenierung von Schostakowitschs Groteske „Die Nase“ in der Staatsoper gastieren wird, ist die wohl größte Überraschung im Premierenpaket, das die drei Dammtorstraßen-Chefs am Freitag vorstellten.

Damit die erste Hamburger Version der „Nase“ auf hierarchischer Augenhöhe stattfindet, übernimmt Generalmusikdirektor Kent Nagano das Dirigat (Premiere: 7. September). Für die Hauptrolle des Kowaljow ist Parade-Bariton Bo Skovhus gebucht, der gerade in der Münchner Staatsoper in Kreneks „Karl V.“ glänzte. Kleiner, feiner Schostakowitsch-Bonus ist dessen Operettchen „Moskau, Tscherjomuschki“ in der Opera stabile.

In der nächsten Saison startet eine neue Hamburger Strauss-Trilogie

Die fünfte Spielzeit von Georges Delnon, Kent Nagano und John Neumeier wird im Premierenbereich von Standardgrößen geprägt; während eine Regie-Auftragslinie ausläuft, beginnt die nächste. Die Da-Ponte-Trilogie wird nach dem raffiniert verschachtelten Herheim-„Figaro“ und der kunterbunten Fritsch-„Così“ mit einer „Don Giovanni“-Interpretation durch Jan Bosse enden. Auch Calixto Bieitos Verdi-Dreier endet: Nach einem intensiven „Otello“ und einer bildstarken Bühnenfassung des Requiems zieht er mit dem „Falstaff“ einen Schlussstrich; die Partie des prallen Lebemanns soll Ambrogio Maestri singen. Musikalische Leitung wird Axel Kober haben, der hier Strauss’ „Frau ohne Schatten“ dirigiert hatte.

Andererseits startet in der nächsten Saison eine neue Hamburger Strauss-Trilogie: Dmitri Tcherniakov beginnt diese Aufgabe, gemeinsam mit Nagano am Pult, mit der „Elektra“, in der Hauptolle: Elena Pankratova. Nur zum Vergleich: 1973 hatte August Everding inszeniert, während Karl Böhm dirigierte, Birgit Nilsson sang die Elektra, Leonie Rysanek die Chrysothemis und Astrid Varnay die Klytämnestra. Eine weitere höchstdramatische One-Woman-Show ist Bellinis „Norma“. Dort wird es ein Wiedersehen mit der Regisseurin Yona Kim geben, die Peter Ruzickas Intellektuellen-Oper „Benjamin“ in Hamburg uraufgeführt hatte. Als Norma ist Marina Rebeka vorgesehen.

Nagano dirigiert Messiaens „Saint François d’Assise“

In Ermangelung eines wirklich komplett passenden Etiketts erinnerte Nagano für Messiaens Monumentalwerk „Saint François d’Assise“ an Messiaens eigene Umschreibung „spectacle“. Als Ex-Schüler und Mitarbeiter an der Uraufführung dieses Monolithen des 20. Jahrhunderts ist Nagano die ideale Wahl, um das Stück ein Vierteljahrhundert nach der Pariser Uraufführung nun endlich, im Mai 2020, in Hamburg zu realisieren. In tragenden Rollen wirken Johannes Martin Kränzle und Anna Prohaska mit.

Allerdings nicht im Opernhaus, sondern in einer noch zu klärenden Bühnenraum-Version im Großen Saal der Elbphilharmonie, die Delnon entwerfen will. Herzenswunsch von ihm und Nagano, von Anfang an, betonte der Intendant, und nach dem Erfolg mit Widmanns Oratorium „ARCHE“ der nächste philharmonische Ausfallschritt ins Außergewöhnliche. „Das Licht wird eine wichtige Rolle spielen“, orakelte Delnon und versprach passend zur religiös-mystischen Thematik „eine Art Meditation, ein Ritual“.

Eine Neumeier-Choreografie zu Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“

Als Kassenfüller und Publikumsliebling-Format bewährt haben sich die „Italienischen Opernwochen“, sie starten am 8. März 2020. Auf der Gästeliste der Staatsoper finden sich dafür einige populäre Namen, allen voran der Ex-Tenor Plácido Domingo mit drei Abenden als Simon Boccanegra in der gleichnamigen Verdi-Oper. Rolando Villazón singt im November in Debussys „Pelléas et Melisande“ den Pelléas (und Anna Prohaska die Mélisande); Barbara Hannigan kehrt im Februar für die Marthaler-„Lulu“ zurück.

Seine fünfte Hamburger Saison hat Ballett-Intendant John Neumeier natürlich längst hinter sich, für ihn beginnt im Herbst Nummer 47, unter dem Leitmotiv „Erzählungen“. Ein Bestandteil seiner Spielzeit ist die mittlerweile fünfte „Hamlet“-Version von ihm. Auftakt der Spielzeit soll am 8. September die Wiederaufnahme vom „Sommernachtstraum“ sein. Die erste Premiere: eine Neumeier-Choreografie zu Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“ zu Musik von Glass und Ives. Als zweite Premiere wird Christopher Weeldon seine Shakespeare-Adaption „The Winter’s Tale“ präsentieren, die die Ballett-Tage am 14. Juni eröffnet.

Die Philharmoniker umspielen das Thema Beethoven

2020 ist Beethoven-Jubiläumsjahr. Also der ideale Anlass, beim Umgang mit diesem Komponisten eben nicht auf den programmatischen Trampelpfad einzuschwenken und das Thema stattdessen zu „umspielen“. Für die Philharmoniker-Konzerte heißt das: das Genre „Sinfonie“ grundsätzlicher anzugehen. Die praktische Umsetzung bringt Referenzwerke von Mahler, Brahms, Mendelssohn oder Bruckner ins Angebot, um sie möglichst neu zu betrachten und zu hinterfragen.

Ergänzt wird dieses Um-die-Ecke-über-Beethoven-Nachdenken durch mehrere Kammermusik-Runden, für die als zeitgenössische Kontrapunkte sieben Komponisten mit Aufträgen bedacht wurden. Ein Schlüsselwerk dieser Spielzeit soll Beethovens „Missa solemnis“ sein, die im Februar erklingt. Fünf der zehn regulären Abo-Programme wird Nagano selbst dirigieren. Bei den Gastdirigenten sucht man ähnlich funkelnde Namen vergeblich.

Open-Air-Format auf dem Rathausmarkt geht in die Verlängerung

Für die Anbindung der Institution Philharmoniker in die DNA der Musikstadt Hamburg ist ein Chor-Projekt geplant, bei dem das Profi-Orchester mit hiesigen Chören in der Elbphilharmonie auftritt. Als begeisterungsbildende Maßnahme im Rahmen der insgesamt fünf „Akademie-Konzerte“ werden Ende August das Berlioz-Te Deum und als Hommage an den gebürtigen Hamburger Mendelssohns „Die erste Walpurgisnacht“ erarbeitet.

Auch das noch neue Open-Air-Format auf dem Rathausmarkt geht in die Verlängerung, am 31. August, dann mit Brahms’ Erster und Gershwins „Rhapsody in Blue“. Eindeutig uneindeutig blieb Nagano bei der Frage, ob und wann je wieder Philharmoniker-Abo-Konzerte im Großen Saal der Laeiszhalle stattfinden.