Premierenkritik

Unterirdisch gut: John Neumeier mit „Orphée et Eurydice“

Die Sänger Andriana Chuchman (M.) als "Eurydice" und Dmitry Korchak (r.) als "Orphée"

Die Sänger Andriana Chuchman (M.) als "Eurydice" und Dmitry Korchak (r.) als "Orphée"

Foto: dpa

Orphée wird in der Inszenierung des Hamburger Ballett-Chefs zum Choreografen-Genie. Viel Applaus – und einige Buhrufe.

Hamburg. Liebe, die den Tod, die Vergänglichkeit besiegt, das ist ein zeitlos faszinierender Menschheitsmythos. In John Neumeiers Version der Oper „Orphée et Eurydice“ (1774) von Christoph Willibald Gluck, die jetzt Premiere in der Staatsoper hatte, wird Orphée zum Choreografen-Genie. Eben noch herzt er in der Probe seine Primaballerina Eurydice, um sich wenig später mit ihr erbittert zu streiten, woraufhin sie effektvoll ihr Auto auf der Bühne gegen eine Wand setzt und stirbt.

Die Rahmenhandlung ist ganz nach dem Geschmack von Hamburg-Ballett-Chef John Neumeier, der in dieser Inszenierung nicht nur die Choreografie verantwortet, sondern auch die Inszenierung, die Bühne, die Kostüme und das Licht.

Präsenter Sopran von Andriana Chuchman

Auch deshalb legt er die Pariser Fassung von 1774 zu Grunde, in der der Komponist ausdrücklich eine Vielzahl von Tanzszenen vorsah. Orphée, prägnant und ausdrucksstark gesungen von Dmitry Korchak, betrauert den Verlust seiner Liebsten. Als schwarz gewandeten Schatten gelingen den Tänzerinnen und Tänzern des Hamburg Balletts starke Trauer-Tableaux, in denen sie mit fliegenden Armen und zusammensinkenden Körpern zu ungewohnt freien, modernen Bewegungen finden.

Als Eurydice erhält Andriana Chuchman erst später Gelegenheit, ihren präsenten Sopran zu erheben, vorerst ist sie im Reich der Toten zum Schweigen verdammt. Orphée trauert in einer recht konventionellen Wohnecke, die wie häufig bei Neumeier an die Kunst des Surrealisten René Magritte erinnert. Orphées Bühnengehilfe Amor ist es, der ihn über einen wohlmeinenden Jupiter-Spruch informiert, der ihm die Chance verschafft, Eurydice im Totenreich zu besuchen.

Bei Neumeier ist Amor die in Jungs-Garderobe gekleidete Marie-Sophie Pollak. Sie gibt mit hellem Timbre einen eindringlichen, intensiven Auftritt als Schicksalsbotin, während Korchak sich bald mit Mühe durch einige scharfkantige Koloraturen kämpft.

Reise ins Reich der Toten

Eine romantische Burg-Kulisse, Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“, zerlegt sich in drei Teilen zu einem abstrakten Raum, dem gelungensten des Abends. Hier will Orphée, gefangen in den wahnhaften Gedanken seiner Verzweiflung hinab ins Reich der Toten steigen.

So einfach ist das aber nicht, die Geister der Unterwelt, die Furien, wollen ihn davon abbringen. In diesem starken zweiten Akt begeistert das Corps de Ballet mit Dynamik und Eleganz in langen fließenden Gewändern und dramatisch umrahmten Augen. Eine gekonnt düsterromantische Gruftie-Atmosphäre. Überdeutliche Zeichen, wie die auf dem Kopf an der Decke hängende Barke, die Fährmann Charon im Mythos über den Acheron in den Hades steuert, hätte es da nicht gebraucht.

Wächter der Unterwelt agieren grandios

Einen grandiosen Auftritt legen die drei Wächter der Unterwelt hin. Im gepanzerten Cerberos-Dekor glänzen sprungstark Aleix Martinez, Ricardo Urbina und David Rodriguez. Als tänzerische Wiedergänger des noch durch die Ewigkeit – und Wahn – getrennten Liebespaares verzaubern der akkurate Edvin Revazov und die ätherische Anna Laudere mit atemberaubender Bewegungsharmonie.

Die kraftvollen Chorgesänge unter Eberhard Friedrich geben den Hütern der Unterwelt eine vielstimmige Gestalt, flankiert vom ansehnlichen Spiel des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter Alessandro de Marchi. Weil er die Furien so hartnäckig bittet, darf Orphée schließlich ins Elysium.

Wiederbegegnung der Lebenden und der Toten

Die Welt aus Liebe und Vertrauen, es ist eine lichte, freundliche Welt mit seligen Geistern in versöhnlichem Weiß. Laudere und Revazov finden hier, flankiert von zwei weiteren Paaren, zu einem ihrer grandiosen, mit Hebe- und Drehfiguren gespickten Pas de Deux zusammen.

Es kommt zur Wiederbegegnung der Lebenden und der Toten – und wie von Armor übermittelt, trifft Orphée seine Eurydice wieder und schaut sie nicht an. Die aber ereilen bittere Zweifel an den Gefühlen ihres Zurückholers. Der fliehende Blick, die Hand, die die ihre meidet, das Herz ist erkaltet, so denkt sie. Und weil Orphée es nicht aushält, sie dieser Qual auszusetzen, schaut er sie schließlich doch an. Die zuvor ausladend dramatische Andriana Chuchman verstummt, weggetragen von den Schatten des Todes.

Es kommt zu einer Art Happy-End

Zurück in seiner Kammer stimmt Orphée das berühmte Klagelied an und will sich nun im Tod mit seiner Liebe vereinen, da rettet Gehilfe Amor die Situation, klärt die komplizierte Götter-Logik auf und es kommt doch noch zu einer Art Happy-End – wenn auch nur in der Kunst, im Ballett „Der Totentanz“, das Orphée kreieren will.

Je weiter die Inszenierung auf das Ende zuläuft, desto geschmeidiger, auch gefälliger werden die Bilder. Das Bühnenbild aus Häuserrahmen wird hektisch immer wieder umgruppiert. Die Kostüme leuchten in Violett und Olivgrün, die Schnitte sind zum Teil eigenwillig geometrisch, aber immer die Körper umschmeichelnd. Es gibt schöne große Gruppentableaux des Corps de Ballet. Und es gibt einen dagegen arg steifen Hochzeitstanz des Traumpaares Revazov und Laudere.

Die Liebe bleibt ein wahnhafter Traum. Rettung gibt es auf Erden nur in der Kunst. Das ist soweit ein schöner Gedanke. Der Kult des schöpferischen Genies ist ein Thema, das sich durch viele Choreografien Neumeiers zieht. Als Rahmenhandlung für „Orphée et Eurydice“ ist er wenig zwingend. Und so mischen sich in den starken Schlussapplaus auch ein paar deutlich missfällige Buhs.

Orphée et Eurydice 6.2., 9.2., 12.2., 16.2., 19.2., 23.6., jew. 19.30, Hamburgische Staatsoper, Große Theaterstraße 25, Karten unter T. 35 68 68; www.staatsoper-hamburg.de