Sopranistin

Asmik Grigorian – gefeierte Salome in der Elbphilharmonie

Die Sopranistin Asmik Grigorian probt im Resonanzraum in Hamburg.

Die Sopranistin Asmik Grigorian probt im Resonanzraum in Hamburg.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Bei den Salzburger Festspielen wurde die Sopranistin zur Sensation erklärt. Nun muss sie die Akustik im Großen Saal meistern.

Hamburg.  Es gab ganz eindeutig schon eine Asmik Grigorian vor dem Abend des 28. Juli 2018. Mittdreißigerin, aus Litauen. Die Mutter: berühmte So­pranistin, der Vater: berühmter Tenor. Sie selbst wurde ebenfalls Sängerin, nachdem sie in Vilnius Klavier und Chordirigat studiert hatte. Eine ordentliche Karriere folgte, schöne Engagements, größere Partien und größeres Kritikerlob hier, da und dort stehen im Lebenslauf. Alles lief okay, eigentlich.

Doch seit diesem einen Juli-Abend in Salzburg gibt es auch eine gänzlich andere Asmik Grigorian. Diese Frau wurde bei den Festspielen in der Felsenreitschule bewundert, bejubelt, gefeiert, zur größten Sensation erklärt, seit dort 2002 eine gewisse Anna Netrebko in einem „Don Giovanni“ über Nacht zum Star ausgerufen wurde.

Als Castellucci vor Grigorian auf die Knie ging

Dieser „Salome“-Hype ist aber nur ganz zu verstehen, wenn man damals leibhaftig erlebt hat, wie diese Grigorian in Romeo Castelluccis welterschütternder, radikaler Strauss-Inszenierung diese schöne, grausame Prinzessin sang, spielte. War. „Es war einer dieser sehr speziellen Abende, an denen Publikum und Bühne eins werden“, erinnert sie sich. Und dieser Moment, als Castellucci beim Schlussapplaus vor ihr auf die Knie ging? „Den werde ich mitnehmen, wenn ich aus diesem Leben gehe.“

Das Künstler-Leben ging seitdem weiter für Grigorian; ihr selbst kommt es ohnehin nicht so vor, dass es sie doppelt gäbe. „Ich mache nichts anderes als vorher. Für mich ist es aber sehr wichtig, eines zu verstehen: Ich bin jetzt sichtbar.“ So viele Rollenangebote verzückter Intendanten seien in den Tagen danach gar nicht gekommen, berichtet sie. Eher Vorschläge für CD-Aufnahmen. War aber wohl nicht das Passende dabei, denn konkreter wird sie nicht.

Schostakowitschs 14.: „Musikalisch sehr tricky“

Nun ist sie kurz in Hamburg, probte unter dem mit Plastik-Wasserflaschen bestückten Kronleuchter im Resonanzraum. Am Freitagabend ist Konzert, mit den Streichern vom Ensemble Resonanz und einigen Schlagzeugern. Elbphilharmonie, Großer Saal, Schostakowitschs 14. Sinfonie. Ein klein besetztes, sprödes, todernstes Spätwerk. Nichts, was man nebenbei weghören könnte.

Neben ihr auf der Bühne wird Matthias Goerne sein, die beiden waren im Sommer 2017 in Salzburg der arme Soldat Wozzeck und seine Marie gewesen. Auch eines dieser katastrophal endenden Stücke über Leben, Leiden und Tod. „Aber im Leben und in der Kunst geht es doch ständig um Liebe und Tod“, sagt sie und holt danach etwas weiter aus. „Ich mag dieses Stück von Schostakowitsch sehr: musikalisch sehr tricky, stimmlich sehr hart. Und in einigen Passagen spiele ich nur eine erzählende Nebenrolle, das ist neu für mich.“

Die Hamburger Konstellation ergab sich aus einem größeren Planungs-Hin- und-Her der Resonanzler mit einigen Dirigenten und Ideen. Ende vom Lied: Das Stück steht diesen Sommer erneut in Grigorians und Goernes Kalender; dann in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern. Und als Salome wird sie in der Felsenreitschule wieder den Kopf des Jochanaan fordern.

Asmik Grigorian ist Extremistin

Beeindruckt oder gar eingeschüchtert wirkt sie ob dieser noch neuen Flughöhe nicht. Ganz im Gegenteil. Extremistin sei sie, sie könne nur ganz oder gar nicht. „So bin ich wohl. Ich gebe immer das Maximum, damit können nicht alle umgehen.“ Also: frontales Anknipsen der Präsenz fürs Interview, komplettes Abknipsen zwei Sekunden danach und sofort auf dem Smartphone die dann wichtigen Dinge regeln. Das könnte auch mindestens übercool wirken, bei ihr wirkt es vor allem konzen­triert, mit Leib und Seele effektiv.

Für Selbstzweifel ist gerade deswegen immer noch reichlich Platz genug hinter ihrem strahlenden Lächeln. „Wir alle zweifeln immer.“ Und natürlich ist so ein Erfolg wie der im vergangenen Jahr überwältigend. „Er hat auch mich überwältigt.“ So weit wie möglich weg in einer ganz anderen Richtung weitermachen, um Vergleichen mit sich selbst zu entgehen? „Dann würde ich ja etwas ändern. Ich halte es für richtig, rein gar nichts anders zu machen. Partien zu vermeiden, die doch so ganz und gar ich sind? Das wäre Angst und Weglaufen. Und das will ich nicht.“

Und überhaupt: Sobald sie im Rampenlicht ist, ist Schluss mit Grübeln: „Auf der Bühne zweifle ich nie. Es ist dann immer nur gerade noch genügend Asmik da, um einige Stellen stimmlich zu kontrollieren. Abgesehen davon gibt es einzig meine jeweilige Rolle.“

Jedes Mal Lampenfieber

Alles im Lot also? So nun auch nicht. „Ich denke niemals, dass ich gut genug bin. Jede Sekunde, denke ich, könnte besser sein.“ Ihr ­Leben, eine Achterbahnfahrt offenbar. Lampenfieber, die Berufskrankheit Nummer eins? „Immer.“ Vor fünf Jahren dachte sie, sie müsste wegen dieser Panik den Job hinwerfen; es ist und bleibt Arbeit, „jeden Tag, dem Körper Kontrolle beizubringen“.

Ihre „Salome“-Sensation hat Grigorians Vater nicht mehr miterlebt, er starb 2016. „Doch ich glaube, er singt mit mir. Und nach seinem Tod kam es mir so vor, als ob ich die doppelte Kraft hätte.“ Auf die Frage nach der immer größeren Überhitzungsgefahr von Sänger-Karrieren hat sie eine Antwort parat, die zu ihrer Einstellung passt: „Natürlich würde ich als Kind von Sängern auch gern sagen: Ja, eine Karriere sollte sich schrittweise entwickeln, man muss vorbereitet sein. Es tut mir auch jedes Mal so leid, wenn ich extrem talentierte Sängerinnen und Sänger sehe, die sich fast umbringen, bis sie 40 sind. Aber andererseits: Wir alle haben unsere Wege. Vielleicht wollen sie ja auf diese ganz schnelle Tour große Stars werden“, was übersetzt wohl heißt: Ach na ja, macht doch, meins wäre das nicht. Denn: „Ich mag, wie meine Karriere verläuft: sehr langsam, aber in die richtige Richtung.“

Wenig später hat das iPhone Feierabend. Denn Matthias Goerne will mit ihr für ein Konzert in Vilnius, wo sie Isoldes „Liebestod“ zu singen hat, noch etwas am Deutsch des Texts feilen. Die Pflicht ruft, und das geht immer vor.

Konzert: Honegger: Sinfonie Nr. 2/Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 14. 20 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal. Evtl. Restkarten.