Hamburg

Stehende Ovationen für Hamburgs neuen Chefdirigenten

Der erste Hamburger Konzerttermin des Jahres brachte Sylvain Cambreling auf die Bühne des Großen Saals der Laeiszhalle, Ende Januar ist er dort wieder zu hören.

Der erste Hamburger Konzerttermin des Jahres brachte Sylvain Cambreling auf die Bühne des Großen Saals der Laeiszhalle, Ende Januar ist er dort wieder zu hören.

Foto: Daniel Dittus

Beim Haspa-Neujahrskonzert in der Laeiszhalle wurden die Symphoniker Hamburg und ihr neuer Chef Sylvain Cambreling gefeiert.

Hamburg.  Gründlicher als damit kann man sich in wenigen Takten kaum blamieren. Diesen zweiten Schlag beim Walzer-Rhythmus einen Drittel Herzschlag neben den Schlag zu setzen, damit er das gewisse, dieses leicht verschlamperte Etwas hat – für alle Nicht-Wiener Orchester ist das in etwa so einfach, wie drei Minuten lang auf gar keinen Fall an einen kleinen rosa Elefanten mit Dauerwelle zu denken. Schon deswegen war es beachtlich bis bewundernswert, mit welcher Konsequenz das diesjährige Haspa-Neujahrskonzert auf genau dieses musikalische Kunststück ausgerichtet wurde. Wie virtuos, gekonnt und nicht bloß gewollt die ganze Chose, natürlich mit dem Donau-Walzer, schön blau über die Ziel­linie tänzelte, bevor der Applaus losbrach und die stehenden Ovationen kamen.

Lieber weniger Schwung als Volldampf

Der mittlerweile elfte Neujahrskonzert-Durchgang war für den Franzosen Sylvain Cambreling, den neuen Chef­dirigenten der Symphoniker Hamburg, seine Premiere vor der hiesigen Gesellschaft; bestanden hat er sie, nach zwei ungemein temperamentvoll durchdirigierten Stunden, mit Haltungs-Bestnoten. Nach dem einmaligen „Ausflug“ in die Elbphilharmonie, „den historisch korrekt: zweiten Saal der Stadt“ (Symphoniker-Intendant Daniel Kühnel bei seiner Begrüßung, bevor er auswendig Tucholskys Wunschkonzert-Gedicht „Das Ideal“ vortrug) war man für diesen Spezial-Einsatz als Jahresauftakt nun wieder in der Laeiszhalle am guten alten Johannes-Brahms-Platz; Heimspiel für das Residenzorchester.

Zurück also, vor randvollem Haus, mit einem motivierten Orchester, das generell mit Spaß, mit Schmäh bei den Wiener Portionen und schon ziemlich raffiniertem Klangcharme in den französischen Abschnitten des Programms dabei war. Wo alle Beteiligten mit einem Programm glänzten, in dem es vor Höchstschwierigkeiten, in amüsante Leichtigkeiten verpackt, nur so wimmelte.

An den Anfang und an das Ende kamen als sichere Nummern und Genre-Rahmen einige allseits beliebte Strauß-Klassiker, die „Fledermaus“-Ouvertüre, der „Rosen aus dem Süden“-Walzer, die „Tritsch-Tratsch-Polka“ und die „Unter Donner und Blitz“-Polka. Cambreling nahm und verstand all das aber eher wie mit Vorsicht zu behandelnde Ballettmusik, veredelt durch den Hintergedanken eines Franzosen an impressionistische Zartheit und den diskreten Charme des Uneindeutigen. Also lieber mit etwas zu wenig Schwung in die Drehungen als mit Volldampf, die Polka-Etappen blieben auf Ausgewogenheit bedacht.

Ravels Zauber wirkte

Tiefgründig interessant und reizvoll wurde es durch die Kontraste zum Gewohnten, die anderen Aromen und Duftnoten, die Cambreling in seinen Gala-Auftritt mitbrachte. Nach einem derart rasant aufgedrehten Wiener Walzer mit Ravels „Pavane pour une infante défunte“ weiterzumachen, mit einem drastischen Stimmungsumschwung ins getragen Melancholische also – das muss man sich erst einmal trauen. Und ohne ein Tutti, das von jetzt auf gleich wie auf Zehenspitzen spielt, wäre man damit als Dirigent verraten und verkauft gewesen, auf verlorenem Chefposten. Doch die Symphoniker konnten und wollten. Flitterwochen-Euphorie macht so einiges mehr möglich. Ravels lieblich arrangierter Zauber wirkte.

Buchstäblich zauberhaft: die Idee, mit Paul Dukas’ „Zauberlehrling“ die Disneyland-Version von Berlioz’ „Symphonie fantastique“-Hexensabbat durch den Großen Saal wirbeln zu lassen. Im Kopfkino der Kindheit flackerten sofort die klassischen Zeichentrick-Szenen mit Micky Maus und dem störrischen Besen aus „Fantasia“ los, während das Kontrafagott-Solo lostapste; Cambreling war hier ganz in seinem Element, es war das reine, geradezu kindliche Vergnügen an Musik. Auch ohne Goethes Worte aus der vertonten Ballade ein Gedicht von einem Bravourstückchen.

Doppelt bravourös war der Auftritt der jungen moldawischen Violinistin Alexandra Conunova. Mit einem der beiden Polonaisen-Konzertstücke, die sich der Übergeiger Henryk Wieniawski auf die eigenen Virtuosenfinger geschrieben hatte, war es nicht getan; nach der Pause kam sie für Waxmans „Carmen-Fantasie“ ein weiteres Mal auf die Bühne, schon wieder Filmmusik aus Hollywood vom Feinsten. Die populärsten Stellen aus Bizets Oper, vom im Umgang mit Special Effects trainierten Waxman für den anderen Übergeiger Jascha Heifetz ins Aberwitzige gesteigert. Und mit fast allen Spieltechnik-Sperenzchen – außer blind eingesprungenen Pirouetten auf dem Griffbrett – gewürzt, wovor man als Interpret zu Recht panische Angst bekommen kann.

Pfiffiges Stück als Verbeugung

Conunova aber schien all das nicht groß zu belasten, sie jonglierte virtuos und mit höchstkonzentrierter Lässigkeit mit den Aufgaben, mit einem Ton, der süffig war und beherzt, rund, satt und groß auftrumpfend. Als exotischen Stresstest für das gesamte Orchester hatte Cambreling mit Saint-Saëns’ „Bacchanale“ aus dessen Sandalen-Oper „Samson et Dalila“ eine weitere angenehme Überraschung aufgeboten. Die von Cambreling angekündigte Orgien-Szene war noch nicht zu hören, dafür aber ein Repertoire-Höhepunkt, den man hierzulande nicht ständig erlebt.

Das wohl stärkste, pfiffigste Stück des Morgens hatte den zweiten Konzert-Teil eröffnet, auch als Verbeugung vor dem diffizilsten Jubilar dieses Musikjahrs, vor dem Gemüts-Pariser aus Köln: Jacques Offenbach. Mit der reizend perlenden Ouvertüre aus „Orphée Aux Enfers“ empfahl sich Cambreling ebenso eindringlich wie elegant als kompetente Stimmungskanone für den Umgang mit den schwersten Klassikern der überhaupt nicht leichten Muse.

Nächstes Cambreling-Konzert: 31.1., 19.30 Uhr, Laeiszhalle, Gr. Saal. Rameau: Suite aus „Castor et Pollux“, Fauré: Suite aus „Pelléas et Mélisande“, Schumann: Sinfonie Nr. 3 „Rheinische“. CD-Tipp: „Messiaen. Die Orchester-werke“ Sylvain Cambreling, SWR Sinfonie­orchester. 8 CDs, SWR Classic, ca. 38 Euro.