Musik für Kinder

Hip-Hop für die Kleinsten: So klingt das Kinderzimmer

Erweckungserlebnis Live-Konzert:
Die junge Anhängerschar beim Konzert von Deine Freunde in der Fabrik kann sich noch nicht so recht zwischen Euphorie und Erstaunen entscheiden

Erweckungserlebnis Live-Konzert: Die junge Anhängerschar beim Konzert von Deine Freunde in der Fabrik kann sich noch nicht so recht zwischen Euphorie und Erstaunen entscheiden

Foto: www.malzkornfoto.de

Neue Musik für die Kleinen. Passgenau werden junge Hörer an Hip-Hop, Folk und Pop herangeführt. Auch Altmeister Rolf Zuckowski ist Fan.

Hamburg.  Cool hängen sie an der Absperrung vor der Bühne. Sie tragen ihre lässigsten Sweatshirts mit Tierdrucken und Superhelden-Motiven. Und als der Beat einsetzt, springen sie auf und ab, winken mit den Armen, singen mit. Ein ganz normales Hip-Hop-Konzert in der Fabrik in Altona? Nein. Denn da ist dieses Leuchten in den Augen, das so besonders stark strahlt. Und die Hände versuchen, die Lichtstrahlen einzufangen, die über die Köpfe hinweg huschen. Außerdem ist da immer wieder dieser absichernde Blick nach hinten. Sind sie noch da? Mama und Papa? Onkel und Tante? Oma und Opa?

Die Fans, die sich da am frühen Abend versammelt haben, sind jung, sehr jung. Im Schnitt fünf bis acht Jahre alt. Eine neue Zielgruppe für einen Markt, der boomt: Kindermusik. Seit geraumer Zeit schießen neue Alben für die Kleinsten aus dem Boden wie Kitas und Krabbelgruppen in gut gentrifizierten Gegenden. Die (oft mit starker Hamburger Beteiligung entstandene) Auswahl reicht von Songwriter-Folk auf der Kompilation „Unter meinem Bett“ über die Reihe „Giraffenaffen“, die Traditionelles auch mal mit Techno verjüngt, bis zu pädagogisch Wertvollem wie dem Projekt „Eule findet den Beat“, das Musikstile mit Songs und Storys erläutert. Und dann ist da eben der Hip-Hop der Hamburger Formation Deine Freunde, deren Konzerte meist so schnell ausverkauft sind, wie ein Kind „Will ich haben!“ rufen kann.

Früh lernen die Kids die Rituale des Pop, die Mechanismen der Verknappung

„Suche Karte, muss sonst weinen“ steht auf dem Schild, das ein Junge die Einlassschlange vor der Fabrik entlang trägt. Früh lernen die Kids da die Rituale des Pop, die Mechanismen der Verknappung. Drinnen unterdessen: hoher Aufregungs- und Geräuschpegel. Eine Multifunktionsmutter filmt mit dem Handy, während Klein-Erna auf ihren Schultern wippt. Verwackelte Erinnerungen vom ersten Konzert. Vom ersten Hype. Von diesem ersten Gefühl, wenn die Band, die wochenlang in Wohn- und Spielzimmer aus der Anlage plärrte, auf einmal leibhaftig auftritt.

„Gebt uns eure Kinder!“ fordern Florian Sump, Lukas Nimscheck und Markus Pauli zum ohrenschonend heruntergedimmten Kopfnicker-Sound. Und das ist durchaus ernst gemeint. Denn ein großer Bereich vor der Bühne ist mit rot-weißem Flatterband für die Mini-Meute abgesperrt. Direkt dahinter: Eltern, die auf Kinder starren.

Andere weiter hinten nutzen die Gelegenheit, sich im Loslassen zu probieren. Das Konzert – ein Übungsplatz, sich auch mal aus dem Bild zu helikoptern. Und das mit ruhigem Gewissen. Denn der Spaß ist ein absolut harmloser. Die Texte über Hausaufgaben, Heimweh und Hasen haben mit dem Eltern-Schreck-Genre Gangsta-Rap in etwa so viel gemein wie Ottensen mit einem sozialen Brennpunkt.

Nach anderthalb Stunden sind viele der kurzen Rap-Fans bereits ziemlich brummkreiselig über ihrem Energie-Level. Doch, so viel Pop-Gesetz ist bereits verinnerlicht, als Zugabe gibt’s den Hit „Schokolade“ über Omas ­Naschi-Schublade. Und wie da alle aus voller Kehle „Yeah“ schreien im Saal, zeigt sich: Der Hip-Hop hat die Jüngsten infiziert. Ein Erweckungserlebnis.

In einer Welt allgegenwärtiger Bildschirme hält auch die Popkultur früher Einzug ins Leben. Was sich die Generation davor noch über Beatles- und Elvis-Platten der Eltern erschlossen hat oder aus den Unterhaltungsshows im TV (Udo Jürgens! Otto Waalkes!! Albano und Romina Power!!!), wird nun passgenau zugeschnitten. Früher war das Erwachsenenmusik, die auch für Kinder funktionierte. Heute ist es umgekehrt. Und gerade Eltern, die eine veritable Musiksammlung im Regal oder auf dem Rechner haben, sind hoch erfreut über die Genre-spezifische Nachwuchsbeschallung. „Das ist doch nur für Eltern, die cool sein wollen“, heißt es böse in einem Internetkommentar. „Endlich nicht mehr immer nur Rolf Zuckowski“, raunen hingegen viele Väter und Mütter. Dabei ist der unvermeidliche Meister des eingängigen Kinderliedes selbst Wegbereiter des neuen Trends.

Beim Deine-Freunde-Konzert läuft Zuckowski besonnen, auch stolz durch die Fabrik. Das graue Haar locker zurückgekämmt, der Schritt leicht federnd. Der gebürtige Hamburger hat mit Liedern wie „In der Weihnachtsbäckerei“ und „Wie schön, dass Du geboren bist“ einen immerwährenden Kinderkanon geschaffen. Jetzt ist er Mentor für Gerapptes. Bei seiner Gründung vor vier Jahren wollte sich das Trio – in ironischer Anspielung auf den Übervater – noch Rolf Zuckopfnicks nennen.

„Ihr braucht einen Namen, der länger trägt“, riet der Inspirator, als er die drei im Studio besuchte. Zuckowski erkannte das Potenzial der Band und gründete das Label „noch mal!!!“, um Deine Freunde zu unterstützen. Seine „Frischzellenkur“, wie er es nennt.

Der 68-Jährige ist neugierig geblieben – und redet mit fast wissenschaftlicher Freude über seine Erkenntnisse. „Ich lerne viel dazu. Ich hätte nicht gedacht, dass die Rhythmusstrukturen und Sprachmuster des Hip-Hop Sechs- und Siebenjährige erreichen“, erklärt der Komponist. Es sei nicht ganz leicht, Kinder in der heutigen Medienvielfalt zielgruppengerecht anzusprechen. „Das war zu meiner Zeit noch einfacher.“ Bei manchen arg aufgepeppten Pop-Stücken, die derzeit auf dem Markt sind, fragt er sich allerdings, ob die Nummern „lebensbegleitend“ werden. „Inwiefern Kinder daran reifen und wachsen können, wird sich zeigen“, sagt er nachdenklich. Völlig überzeugt ist er hingegen von „Eule findet den Beat“, einem Musikhörspiel ab sechs Jahren, das er ebenfalls mit „noch mal!!!“ betreut.

Nachdem die Eule auf der ersten CD unter anderem einen Rock-Maulwurf, eine Punk-Katze und einen Reggae-Papagei kennengelernt hat, geht sie nun „Auf Europatour“. Am 11. März erscheint dieser zweite Teil, den sich die Hamburgerinnen Charlotte Simon und Christina Raack mit Nina Grätz aus Berlin ausgedacht haben. Wie die Eule da einem irischen Folk-Fuchs und einem französischen Chanson-Flamingo begegnet, soll im April zudem im Theater Schmidtchen auf St. Pauli zu erleben sein. „Das Projekt ist toll und wertvoll, denn es regt zum Fragenstellen an, zum Gespräch mit den Eltern“, schwärmt Eule-Pate Zuckowski.

Wie sich das live anhört, mit den Maulwürfen und den Füchsen, dem Rock und dem Folk, das demonstrieren – ebenfalls in der Fabrik – einige den Tieren optisch nicht ganz unähnliche Musiker. Beim Release-Konzert des Albums „Unter meinem Bett“ ist der Saal allerdings bestuhlt. Brezeln mümmelnd hocken die Sprösslinge auf Mamas Schoß, rennen mit Papa noch mal aufs Klo, schauen dann gebannt auf die Bühne – auf die charmant zerzausten Männer mit den Akustikgitarren, denen man abnimmt, dass sie es vielleicht auch nicht so genau nehmen mit dem Aufräumen, mit all den Regeln. Die sich aber zusammen als Freunde durchwuseln, wie es Wolfgang Müller im „Lied von den Wölfen“ schildert.

Der Hamburger hat Songwriter-Kollegen wie Gisbert zu Knyphausen, Moritz Krämer und Jan Plewka zusammengetrommelt, um wilde Rock-Tobe-Stücke, aber vor allem auch erzählerische Lausch-Nummern einzuspielen. Und die Kleinen, die kleben mit offenen Mündern oben an der Empore. Seifenblasen schweben herab. Ein Kinderwunderland, das allerdings noch ein wenig konstruiert wirkt. Denn richtig Stimmung kommt erst auf, als Bernd Begemann ins Rampenlicht tritt.

Der Entertainer muss nur einmal gedehnt „Hallooo!“ sagen, schon ruft ein Mädchen: „Der ist lustig!“ Sein Hit „Unten am Hafen“ zündet auf einer Bandbreite, wie es gerne auf Spiele-Packungen steht: „von 0 bis 99 Jahren“. Viele der hippen Eltern haben zu dem Song früher auf dem Kiez getanzt, jetzt reichen sie ihn an den Nachwuchs weiter wie ein gutes Stück Porzellan. „Je lauter ihr mitsingt, desto besser werde ich tanzen“, erklärt Bespaßungsonkel Begemann. Und die Menge macht quietsch-albern mit. Wie beim Kindergeburtstag nach einer Überdosis Limo. Der Glücksrausch des Live-Erlebnisses.