Dorf-Geschichten

Zug mit Liedermacher Rolf Zuckowski durch Blankenese

Mediterranes Flair so nah an der 
Großstadt: Rolf Zuckowski am Strand der Elbe

Mediterranes Flair so nah an der Großstadt: Rolf Zuckowski am Strand der Elbe

Foto: Andreas Laible / HA

Kneipen, Läden, Kino – und ein Dachgeschoss mit Elbblick: Das ist es, was Liedermacher Rolf Zuckowski an Blankenese liebt.

Der Größte für die Kleinen – er war natürlich selbst mal ein Kind. Ein Seefahrerkind genau genommen. Sein Vater schipperte häufig monatelang weit entfernt von zu Hause über die Weltmeere, doch er gab seinem Sohn zwei Dinge mit, ohne die Rolf Zuckowski kaum der bekannteste Kinderliedermacher Deutschlands geworden wäre. Zum einen besorgte er seinem Jungen in einer Sonnabendnacht eine Gitarre, indem er die Zeche für einen Theken-Nachbarn übernahm, der nicht mehr zahlen konnte. Immerhin hatte der Fremde das Instrument dabei. Zum anderen sagte Vater Zuckowski – mit 1,68 Metern nicht gerade ein Hüne – zu seinen Kindern gerne den Satz: „Die Kleinen sind nicht nur dazu da, die Großen am A ... zu lecken.“

Rolf Zuckowski lernte früh, dass das Große von allein auf sich aufmerksam macht, der Blick auf das Kleine dagegen gelenkt sein will. Keinem Künstler gelingt das so konsequent und über so viele Jahre wie dem Hamburger, aufgewachsen in Winterhude, erwachsen geworden in Blankenese, alt geworden bislang gar nicht. 68 Jahre können ja so oder so ausfallen. Wer wie Zuckowski immer die Zukunft an seiner Seite hatte, dessen Gesicht wird vielleicht faltiger, sein Geist aber jünger.

Zuckowski weiß das Kleine zu schätzen. Nicht nur kleine Menschen, er mag auch kleine Länder und kleine Räume. Am liebsten hält er sich im Dachgeschoss seines Hauses an den Süllberg-Terrassen auf. Einen Stehempfang könnte er auf diesen paar Quadratmetern nie geben, dabei liegt hier die Quelle für so viel Applaus, dass er ein riesiges Fest rechtfertigen würde. Tage- und vor allem nächtelang schrieb Zuckowski in der Dachkammer Lieder, Texte, Ohrwürmer. Brauchte er eine Pause, blickte er aus dem kleinen Fenster auf die Elbe, meistens nach rechts. Denn ein Seefahrerkind blickt immer elbabwärts Richtung Meer, dort, wo die große weite Welt beginnt ...

Blankenese stellt eine kleine Welt für sich dar. Eine hübsche Welt. Das Herz des Viertels ist der Markt, der viermal die Woche vor der evangelischen Kirche stattfindet. Hierher kommt man nicht, weil man vielleicht Gemüse bräuchte, sondern um einen Klönschnack zu halten. Manche Dame sieht dabei so adrett gestylt aus, als wolle sie danach noch zu einer Konfirmationsfeier. Mal eben in Jogginghose und ungekämmt auf die Straße, auf die Idee kämen Blankeneser nur in Notfällen. Man sagt übrigens „Ich gehe ins Dorf“, wenn man in Blankenese einkauft. Manche Lokalpatrioten fahren monatelang nicht in die Stadt, also in die Innenstadt von Hamburg, und sind stolz darauf. Denn von der Wiege bis zur Bahre gibt es gibt im Dorf fast alles, was man braucht. Ein Krankenhaus, ein Amtsgericht, sechs Schulen, ebenso viele Apotheken, jede Menge Gastronomie, Läden, ein Kino, zwei Segelvereine und einen Bestatter. Seemann heißt er, wie passend für ein altes Fischerdorf.

20.000 machten mit bei Zuckowskis Konzertreise „gegen den Strom“

Die Beliebtheit des Stadtteils führt jedoch auch zu Problemen. Der Ortskern ist häufig verstopft, die Parkplätze reichen vorn und hinten nicht. Morgens kommen viele Pendler aus dem Westen, die ihr Auto irgendwo in den Straßen abstellen und mit der S-Bahn weiter in die Innenstadt fahren. Geld für das Parkhaus am Bahnhof gibt niemand aus, denn jeder weiß: Tickets werden in Blankenese so gut wie nie verteilt. Ein Himmel für Falschparker, ein Ärgernis für viele Anwohner.

In Blankenese ist also nicht immer alles im Fluss, aber auf jeden Fall am Fluss. Die Fischer errichteten ihre Häuser alle mit den Vorderfenstern in Richtung Elbe; so hatten sie ihre Lebensgrundlage stets vor Augen. Es entstand ein Häuser-Mischmasch aus verschiedenen Stilepochen, die aber alle in dieselbe Richtung zu gucken scheinen. Will man dem Stadtteil also wirklich ins Gesicht schauen, muss man sich ihm vom Wasser aus nähern. Wunderschön liegt das Treppenviertel vor einem. Fast 5000 Stufen bilden zusammen einen riesigen, zusammengewürfelten Balkon. Kein Platz ist besser, um Kreuzfahrtschiffe und Container-Riesen zu bestaunen. Mit den ganz Großen auf Augenhöhe zu sein, das ermöglicht Blankenese.

„Wer hier angekommen ist, der will nie wieder weg“, sagt Zuckowski. Die Elbe ist für ihn nicht einfach nur ein Fluss. Er identifiziert sich mit dem Strom, macht sich Gedanken um die geplante Vertiefung und die ökologischen Folgen. Ob es wirklich richtig sei, dass die Großreedereien den Häfen ihre Größe diktieren könnten? Zuckowski bezweifelt es.

Nach dem Fall der Mauer hat er der Elbe ein gigantisches Projekt gewidmet. Er organisierte eine Konzertreise „gegen den Strom“ von Cuxhaven bis hinauf nach Tschechien mit vielen Kinderchören, die sich kennenlernen und so Freundschaft schließen sollten. „Die Elbe war meine Chance, etwas ganz Persönliches zur Wiedervereinigung beizutragen“, sagt Zuckowski. Das „Persönliche“ hatte am Ende unglaubliche Ausmaße: 20.000 Menschen waren beteiligt. Es gab 23 Konzertstationen, und 40 Chöre diesseits und jenseits der Elbe sangen Songs von Rolf Zuckowski – dem ersten Kinderliedermacher von ganz Deutschland. Noch heute ist er das Zugpferd des Vereins Elbkinderland, der sich um das musische Miteinander von Kindern und Jugendlichen an der Elbe kümmert, regelmäßig Austausche von Chören sowie Konzerte organisiert und vermitteln möchte, an was für einem besonderen Fluss man lebt.

Um nicht nur den Nachwuchs zu erreichen, hat Zuckowski auch ein Programm im Planetarium auf die Beine gestellt. Bei „Alles im Fluss“ spürt man als Zuschauer, welche Faszination die Elbe auf Zuckowski ausübt. „Sie steckt so voller Rätsel, selbst wenn ich sie bis zum Rest meines Lebens rauf- und runterfahre, könnte ich nicht alle ihre Geheimnisse ergründen“, sagt Zuckowski, der schon früh von seinem Vater erzählt bekam, selbst auf Hawaii spüre man die Elbe noch – in homöopathischen Dosen.

Ein A380 zieht im Hintergrund vorbei. Zuckowski schaut aus dem Fenster. Für den Bau des Riesenvogels wurde das Mühlenberger Loch zugeschüttet, was 2004 für große Proteste sorgte. Man befürchtete immensen Lärm und große Umweltschäden. Es entbrannte eine Diskussion, bei der den Blankenesern vorgeworfen wurde, sie stellten Partikularinteressen vor das Gemeinwohl. Zuckowski hat die Montagehallen des Airbuswerks nicht direkt, aber immerhin schräg vor seiner Nase. Die Entwicklung beobachtete er von seinem Balkon aus. „Ich war mit dem Bau nie im Krieg, aber dass man der Bürgerbewegung reinen Egoismus unterstellt hat, das fand ich nicht in Ordnung. Man hätte besser mit uns umgehen können.“

Es geht also nicht immer nur aufwärts in Blankenese, mindestens genauso oft bergab, vor allem im Treppenviertel. Nicht alle Wege dort sind befahrbar, unzählige Gänge schlängeln sich um schmucke, alte Häuser. Zum Strandweg an der Elbe führt einzig die Blankeneser Hauptstraße hinab – viel Spaß bei der Parkplatzsuche am Ende der Einbahnstraße. Also lieber ohne Auto anreisen und die „Bergziege“ nehmen, die Buslinie 48, die ab S-Bahnhof Blankenese verkehrt. Zuckowski steigt gern mit seinem vierjährigen Enkel ein, wenn die beiden ein kleines Abenteuer erleben wollen. Die wendigen Busse schlängeln sich durch die engen Straßen. Als schreckhafter Passagier schaut man am besten nicht hin, wie nah die Häuser oder Mauern einem kommen.

Hügel in Hamburg, das hat schon Seltenheitscharakter, im Gegensatz zu den Harburger Bergen sind die in Blankenese aber auch von oben bis unten bebaut. Oben Leben mit Panorama-Blick, unten mit Beach-Feeling. „Ich kenne auf der ganzen Welt keine ähnlich schöne Wohnlage. San Francisco, Sydney? Vielleicht. Aber diese mediterrane Stimmung so nah an der Großstadt ist einmalig“, sagt Zuckowski.

Unten am Strand gibt es einen Fähranleger, offiziell heißt er „Blankenese“, die Einheimischen sagen „Op’n Bulln“. Er erhielt seinen Namen nicht von dem Vieh, das bereits um das Jahr 1000 mit Fähren über die Elbe gebracht wurde, sondern von einem sehr bulligen Schiff, das dort im 19. Jahrhundert fest verankert war. Auf dem Anleger gab es früher eine grüne Bank, die „Lästerbank“. Gemütlich sitzend, kommentierte man dort in den 1920er-Jahren den Zustand der vorbeifahrenden Schiffe (es gab damals noch keinen Schiffs-TÜV). Heute sind die Bänke aus Edelstahl, schöner sitzt es sich nun direkt am Wasser. Im Fischclub beispielsweise bestellt man Riesengarnelen zum Riesling und nimmt im Geiste einen Tag Urlaub. Bei Sonnenschein und ein paar Grad mehr stellt Blankenese hier tatsächlich das dar, als was es sich gerne bezeichnet: die Riviera Hamburgs.

Einziges Manko aus Sicht der Bürger: Es fehlt eine regelmäßige Fährverbindung in die Stadt. Sie würde viel mehr Touristen und Tagesausflügler bringen und gleichzeitig die Verkehrsproblematik entspannen. Am Wochenende mutieren Elbchaussee und Strandweg häufig zu einem einzigen Stau, vor allem bei gutem Wetter.

Für Zuckowski muss nicht alle Tage Sonnenschein sein. Gegen ein paar Windstärken hat er nichts einzuwenden, im Gegenteil: „Ich mag es, wenn der Regen gegen die Scheiben peitscht. Das Kommen und Gehen der Wolken, das ist so belebend. Windstille finde ich langweilig.“ Zuckowski taugt nicht als Mann zum Verweilen. Der Sänger schätzt es, in Bewegung zu sein. Viele seiner Songs sind – wenn nicht in seinem Dachgeschoss – auf Zug- oder Autofahrten entstanden, so auch sein Klassiker „In der Weihnachtsbäckerei“.

1985 befand sich Zuckowski nach einem Konzert auf dem Heimweg. Er rief zu Hause an, sein Sohn hatte aber keine Zeit, mit ihm zu sprechen: „Wir machen Plätzchen, kannst du später noch mal anrufen?“ Bis zur Ankunft in Blankenese hatte Zuckowski das Lied über die Faszination des Backens fertig. Sofort sang er es seinen Kindern vor, sein Sohn Andreas wiederholte die Melodie – allerdings leicht verändert. Und genau so blieb sie, denn das Kind ließ sich von seinem Vater nicht davon überzeugen, die ursprünglich komponierte zu trällern.

1987 trat Rolf Zuckowski mit dem Lied bei „Wetten, dass ...?“ auf, seitdem kann keine deutsche Familie dem Song während der Adventszeit entkommen. Teilweise mehrmals am Tag wollen die Kleinen hören „... zwischen Mehl und Milch macht so mancher Knilch eine riesengroße Kleckerei, in der Weihnachtsbäckerei.“ Wen diese Penetranz nervt, dem sei gesagt, dass Kinder Wiederholungen brauchen. Nicht nur „alle Jahre wieder“.

Harmonisch wie in einem Kinderlied ging es im noblen Elbvorort nicht immer zu. Die 68er-Unruhen hatten hier ein Zentrum: die Tchibo-Filiale an der Blankeneser Bahnhofstraße (befindet sich heute auf der gegenüberliegenden Straßenseite). Dort trafen sich Jugendliche, tranken Kaffee für 30 Pfennig, rauchten Haschisch und träumten von Flower-Power und antiautoritären Schulen. Einige nahmen die revolutionären Gedanken zu ernst, darunter die Journalistin Ulrike Meinhof. In ihrer Villa an der Ferdinands Höh formierte sich die Rote Armee Fraktion.

Ja, es gab auch dunkle Zeiten in Blankenese. Eine traurige, zugleich hoffnungsvolle Geschichte handelt von den jüdischen Kindern von Blankenese. Nach Kriegsende fanden 300 von ihnen in der Villa der Familie Warburg Zuflucht. Sie hatten das KZ Bergen-Belsen überlebt, in dem fast alle ihre Familien verloren hatten. Im Kinderheim von Blankenese wurden sie nach vielen Jahren wieder in den Arm genommen und lernten das Lachen neu.

Treffen sich ein Amerikaner und ein Blankeneser ...

Nur wenige wissen heute noch von dieser Episode. Dafür scheinen alle ganz genau zu wissen, was der Blankeneser im Allgemeinen ist: nämlich reich. Viele Villen befinden sich tatsächlich seit Generationen in Familienbesitz und wären theoretisch viele Millionen Euro wert. Allein: Niemand will verkaufen, wenngleich der Erhalt der teilweise windschiefen und feuchten Gebäude ins Geld geht. „Davon hat der Blankeneser doch genug“, spricht das Klischee. Der Blankeneser mit seinen um die Schulter geworfenen Merinopullovern und seinen SUV-Mamis. „Dabei handelt es sich lediglich um die Zugezogenen“, behaupten die Alteingesessenen, der Treppenadel. Natürlich diskret, hinter vorgehaltener Hand.

Der laute Auftritt, das Protzen und Verschwenden, darauf steht der Blankeneser nicht. Er mag vielleicht Geld haben, weiß aber auch immer genau, woher es kam und wie man es beisammenhält. Erwartet er sechs Gäste zum Kaffee, kauft er sechs Stücke Kuchen und teilt sie jeweils in zwei Hälften. Zwei ganze Stücke Kuchen an einem Nachmittag, also bitte, in Hamburgs Westen gibt man sich bescheidener.

Doch grundsätzlich vertragen sich die Nachbarn hier gut. „Wir pflegen eine liebevolle, freundliche Distanz“, sagt Zuckowski. Man grüßt also höflich, lässt sich aber in Frieden. Niemand würde sich ungefragt beim Nachbarn zum Kaffee einladen, weil der gerade scheinbar untätig in seinem Garten sitzt. In Notfällen ist man jedoch sofort zur Stelle. Drei- bis viermal im Jahr gibt es beispielsweise Überschwemmungen. Wer sich dann gerade beim Golfen auf Madeira befindet, während das Wasser der heimischen Garage näher rückt, der kann sicher sein, dass sein Nachbar den Mercedes rechtzeitig in Sicherheit fährt. Blankeneser, die in Strandnähe wohnen, lassen immer einen Schlüssel beim Nachbarn.

Dazuzugehören, das stellt allerdings eine Herausforderung dar. „Zum Fremdenverkehr aber rechnet hier alles, was nicht mindestens elf Jahre ansässig ist“, schrieb Blankeneses Poet Hans Leip. Der Dichter von „Lili Marleen“ lebte seit 1932 auf dem Süllberg und formulierte die bekanntesten Blankenese-Verse: „Ein Kleingebirg aus bunten Muscheln, darüber dick die Wolken kuscheln“. Für viele reichen Leips geforderte elf Jahre allerdings längst nicht aus, um als einheimisch zu gelten. Sogar Zuckowski sagt, dass er kein echter Blankeneser sei, obgleich er bereits seit 1971 dort wohnt. Am besten ist man also seit mindestens drei Generationen ansässig.

Früher wurde dieses Unter-sich-bleiben-Wollen übertrieben: Von den 250 Einwohnern Mitte des 17. Jahrhunderts hatten fast vier Fünftel die Namen Stehr, Bohn, Schuldt und Breckwoldt. Die Pinneberger Amtsprotokolle aus den Jahren 1610–1633 dokumentieren, dass bei 26 von 34 Ehepaaren beide Ehepartner aus Blankenese stammten, nur acht kamen von außerhalb. Es wurde damals über gewisse Inzuchtprobleme getuschelt, aber es gibt auch einen hübschen Witz zum Thema Familienstammbaum: Treffen sich ein Amerikaner und ein Blankeneser. Der Ami sagt: „Ist das nicht toll, ich kann meine Vorfahren bis zu Kolumbus zurückverfolgen.“ Antwortet der Blankeneser müde lächelnd: „Eva aus dem Paradies soll ja eine geborene Breckwoldt gewesen sein.“

Die verschworene Gemeinschaft brachte die besten Fischer und Schiffer der Welt hervor. Sie galten als mutig und nicht gerade zimperlich. Die Legende besagt, dass einer von ihnen 1401 den entscheidenden Anteil bei der Gefangennahme von Klaus Störtebeker hatte. Mit einer List soll der Blankeneser auf das Schiff des Piraten gelangt sein und Blei in das Steuerruder gegossen haben, woraufhin das manövrierunfähige Schiff leicht zu entern war. Der Ruf der Blankeneser Schiffer reichte rund um den Globus. 1866 lagen einmal 42 Blankeneser Frachtschiffe gleichzeitig im Hafen von Rio de Janeiro. Und an der ostasiatischen Küste soll ein Kapitän 1870 den Wunsch geäußert haben, nach Hamburg zu telegrafieren, woraufhin der Telegrafierer fragte: „Sie meinen das Hamburg bei Blankenese, oder?“ Doch schließlich verdrängten die tideunabhängigen Dampfschiffe die Blankeneser Segelschiffe, und eine jahrhundertealte Tradition ging zu Ende.

Andere Traditionen konnten sich bis heute erhalten – wie das Osterfeuer und das Rummelpottlaufen. Dabei gehen verkleidete Kinder am Silvesterabend mit einem Topf von Haustür zu Haustür und singen oder sagen plattdeutsche Reime auf. Der Brauch erhält jedoch zunehmend Konkurrenz durch Halloween. „Das finde ich schade“, sagt Zuckowski „denn gerade das Plattdeutsche ist doch ein Stück Heimat.“

Dem Blankeneser wird eine Bewahrer-Mentalität nachgesagt. Angeblich sind die Menschen am nördlichen Geestrücken der Elbe keine besonderen Fans des Wandels. Schon wieder so ein Vorurteil, denn allein der Wille zur Modernisierung hat im Oktober 2013 zur Gründung der Blankeneser Interessensgemeinschaft (BIG) geführt. Die Mitglieder würden den Ortskern gern attraktiver gestalten, die Wirtschaft vor Ort ankurbeln.

Noch gibt es viele inhabergeführte Geschäfte. Noch sieht man wenige Ketten. „Wir können nur hoffen, dass keine weiteren Immobilien-Filialen eröffnen, davon haben wir wirklich genug“, sagt Zuckowski. Er mag Läden mit Seele. Wie den Eisenwarenhändler Bernklau, der auch einzelne Schrauben verkauft. Den Bäcker Körner, der als einziger in Blankenese noch selbst backt. Den Buchhändler Kortes mit der großen Auswahl an regionaler Literatur. Das Feinkosthaus Ahrend, wo man das Fleisch genau so bekommt, wie man es für die Rezepte braucht. Die Kaffeerösterei Carroux. Den Schreibwarenhändler Pilorz. Das Bettenhaus Rumöller, das seit mehr als 100 Jahren besteht. Die Traditionslokale wie Schuldts Kaffeegarten und die Teestube Lühmann, deren Besitzerin sich für den Erhalt des alten Blankenese einsetzt.

Schade sei, dass der Apple-Shop zugemacht hat, findet Zuckowski. Gern habe er sich mit den Angestellten über die neueste Software unterhalten und gefachsimpelt über Technik. „Kleinstgeräte faszinieren mich“, sagt der Liedermacher und zeigt sein iPhone 6. „Mein ganzes Büro in einem Kasten, sehr praktisch.“

Für Auftritte von „Rolf und seinen Freunden“ gibt es strenge Regeln

Für seine Arbeit stellte die Entwicklung der digitalen Mehrspultechnik Ende der 80er-Jahre einen Meilenstein dar. Vorher musste der Liedermacher so lange immer wieder neu aufnehmen, bis ein Stück perfekt war. Jetzt konnte er gelungene Teile zusammenfügen, was vor allem den mitmachenden Kindern den Druck nahm, jeden Ton perfekt zu treffen.

Zuckowski hat immer viel Wert darauf gelegt, dass seine jungen Sängerinnen und Sänger keinem Stress ausgesetzt wurden, was bei Fernsehshows und Live-Auftritten schon mal vorkam. Nicht nur einmal geriet er so mit einer ungeduldigen Aufnahmeleiterin aneinander. Den Bandnamen „Rolf und seine Freunde“ nahm sich Rolf Zuckowski zu Herzen. Er wollte tatsächlich der Freund der Kinder sein, nicht nur ein Chorleiter. Wahrscheinlich erklärt das den großen Erfolg des Liedermachers. Seine ganze Zuneigung galt und gilt tatsächlich den Kindern auf der Welt. Zuckowski glaubt, dass ein Kind seine Seele am besten durch Singen und Musizieren spüren kann. Schon als kleiner Junge empfand er bei nichts anderem so viel Freude, nicht mal, wenn er mit seinem geliebten Roller durch Winterhude gurkte. „Singen ist das Ursprünglichste überhaupt. Ein Universum, das Türen öffnet“, sagt Zuckowski, der bedauert, dass in Deutschland zu wenig Musikunterricht an den Schulen angeboten wird. Blankenese sei da eine lobenswerte Ausnahme. „Hier gibt es tolle Musiklehrer.“

68 Jahre alt ist Zuckowski im Mai geworden. „Zum Glück bin ich noch fit“, sagt er. Er wird es garantiert noch eine Weile bleiben. Denn Zuckowski ist der personifizierte Optimismus. „Was könnte ich als Nachkriegskind anderes geworden sein als ein Optimist? Es konnte ja nur besser werden. Dieser Gedanke steckt tief in mir drin. Den Kindern von heute ist Optimismus viel schwerer zu vermitteln“, sagt Zuckowski. Spätestens als Mutter oder Vater werde aber jeder zum Glauben an das Gute gebracht: „Eltern haben eine Verpflichtung zum Optimismus.“

Als in den 80er-Jahren die Meinung aufkam, es sei unverantwortlich, in die von Atomraketen und Umweltverschmutzung bedrohte Welt Kinder zu setzen, griff Zuckowski aus Protest gegen die Pessimisten zur Gitarre und schrieb einen Song, den er heute am liebsten mit seiner Tochter Anuschka singt, die inzwischen ebenfalls Kinder hat: „Seht alle her, wir sind die Narren mit den Kinderkarren, die Träumer, die sich für die Zukunft rüsten, wir Optimisten. Wie könnten wir mit Kindern leben, ihnen Zukunft geben, wenn wir bei Nacht nichts von der Sonne wüssten? Wir Optimisten.“

Die Lebensenergie, die Zuckowski durch seine drei Kinder und vier Enkel erhält, manchmal fasst er sie noch in Melodien, komponiert neue Lieder, unterstützt junge Künstler, übernimmt kleine Auftritte für den guten Zweck. Aber Konzertreisen macht er nicht mehr. Die Zeiten im Tourbus sind vorbei. Rolf Zuckowski fährt lieber Bergziege mit seinem Enkel.