Messe in Hamburg

Affordable Art Fair: Hier gibt es viel Kunst für wenig Geld

In Memoriam Lynn Hershman: Collage „Eyes“ von Dennis Busch

In Memoriam Lynn Hershman: Collage „Eyes“ von Dennis Busch

Foto: Gudberg Nerger

Die Messe punktet von diesem Donnerstag an mit Qualität und jungen Ideen. Von den 75 anwesenden Galerien kommen 40 aus dem Ausland.

Hamburg.  Wollen wir mit den Geistern und Häuptlingen anfangen? Oder mit den internationalen Kunst-galerie-Engeln, dem Jungen Blut Südafrika, dem Londoner Augensturm? Eine schwere Frage für jeden, der die Kunstmesse „Affordable Art Fair“ besucht, die jetzt für vier Tage auf der Hamburg Messe läuft. Übersetzt lauten einige Galerienamen genau so, und das bringt die Fantasie in Gang. Im vierten Jahr hat die Messe zwar nicht an Umfang, wohl aber an Qualität und Atmosphäre gewonnen. Aus 150 Bewerbern wurden 75 Galerien ausgewählt, 20 aus Hamburg sind dabei und 40 aus dem Ausland. Die Preise für Kunst liegen zwischen 100 und 7500 Euro, und die Gäste reisen inzwischen schon vielfach aus München und der Schweiz an.

Überwiegend kann man hier in den etwas kleiner gewordenen Messeboxen wirklich gute Kunst finden. Grelle Meterware ist bisweilen auch dabei, aber das stört nicht wirklich. Allein schon, weil so viele überregionale und internationale Galerien mit ihren Künstlern da sind, lohnt sich ein Besuch, echte Kunst-Fans, die nicht auf die großen Messen fahren wollen, können hier womöglich sogar die spannenderen Entdeckungen machen.

Ein leiser zierlicher Mann namens Bonomi Walter vertritt die International Art Gallery Angels in Rumänien. Was an diesem Stand hängt oder ruht, zwingt einen zum sofortigen Anhalten. Die einzige rumänische Künstlerin ist Alexandra Muresan, alle anderen sind Italiener. Man fühlt sich ein bisschen an die Arte Povera erinnert, denn es wird oft mit „armem Material“ gearbeitet, Giorgio Tentolini fertigt verschwommene Porträts aus 15 Schichten Tüll, und alle fünf versammelten Künstler sind Meister der Langsamkeit und der spirituellen Versenkung. Alexandra Muresan hat aus Hasendraht eine Art Nest geformt, in das sie ganz vorsichtig flüssiges Glas getropft hat. Aus diesem Glas wachsen, so zart, dass man sie kaum sieht, einzelne hohe Stängel. „Growth“ heißt diese unglaublich zerbrechliche Arbeit, die einem den Atem verschlägt. Nicht weit davon steht ein Selbstporträt, wieder ein Nest aus Hasendraht, diesmal hat das hineingeträufelte Glas blutrote Schlieren ... Von Weitem sehen diese Skulpturen wie Müll aus, von Nahem sind sie Zeugen von Verletzlichkeit, Schutz und einer eigenartigen Form der Stärke.

Weiter entfernt schätzt sich Raquelle Azran glücklich, den 83 Jahre alten Meister der vietnamesischen Kunst, Phung Pham, vertreten zu dürfen. Die Galeristin mit Sitz in Hanoi, New York und Tel Aviv hat aber auch einige wundervolle jüngere Künstler im Programm, zum Beispiel Dinh Thi Tham Poong (Jahrgang 1970), die ihre Figuren auf bedrucktes, handgemachtes Papier setzt und Erinnerungen an das traditionelle Leben in ihrem Heimatdorf mit ihrem einsamen, isolierten Dasein in der anonymen Großstadt zusammenbringt.

Interessante, auch kritische Positionen zeitgenössischer Fotografie, filmischer Foto-Storys und Arbeiten auf der Schwelle zur Malerei hat die Galerie Sensor Sztuki aus Lodz zu bieten. Wie gewohnt haben auch die Chiefs & Spirits aus Den Haag wieder hoch spannende Künstler präsentiert. Von Stefan Gross hängen einige „Salat“-Köpfe als giftig blau-bunt marmorierte Reliefs an der Wand, und die vielfach mit der Hand durchlöcherten comicartigen Bilder von Toyin Loye bieten ein zeichenhaftes Spiel mit geometrischer Flächenaufteilung, Oberflächen, Hintergrund und Farb-Akzenten.

Sehr befreiend wirkt es ja immer, wenn in einer solchen Ansammlung konzentriert bestückter Boxen auch mal Weite gewagt wird. Den einen, kleineren Freiraum füllt wieder die Künstlergruppe „We are visual“ mit ihrer Siebdruckwerkstatt, den zweiten die von der Hochschule für Bildende Künste kommenden „Emerging Artists“. Unter ihnen muss man Robert Velle­koops nächtlich-abstrakte Stadtlandschaften sofort ins Herz schließen.

Den dritten, größten Platz hat der Kurator Wolf Jahn mit interessanten künstlerischen Positionen aus elf Hamburger Galerien bestückt, darunter auch hoffnungsfrohe Newcomer. Das ist ein kluger Schachzug, um jüngeren Galeristen eine erste Plattform zu bieten und einzelne Künstler ohne Raumnot zueinander in Beziehung zu setzen, wie den Stephan-Balkenhol-Jünger Hirofumi Fujiwara und Anne Carnein, die ebenfalls bei ihm studierte, sich aber mit ihren vegetabilen Naturkonstruktionen völlig von ihm gelöst hat.

Auffallend oft werden inzwischen Fotografien mit Plexiglas überzogen, es sind viele Reliefs zu finden, auch welche, die mit der Bilderflut in den Medien spielen (Nemo Jantzen, Artered Gallery New York). Die Grenze zwischen schicker Wohnzimmer-Dekoration und Kunst ist nicht immer genau auszumachen, zum Beispiel liegt die Londoner Matthew Youens Gallery mit ihrem Programm da knapp an der Grenze zum Dekorativen.

Affordable Art Fair, Eingang Lagerstr., Tor A 3, 19.–22.11. Do 11–22.00 (Late view ab 18.00 mit DJ’s Lovegang), Fr 11–20, Sa/So 11–18.00. Eintritt: 15, late view 20 Euro, erm. 12 Euro, Kinder freier Eintritt