Schmidtchen

Kiez-Komödie erlebt eine denkwürdige Uraufführung

Torsten Hammann als
Koberer. Der Darsteller
und Autor spielt in
„Komma rein hier!“ 15
Rollen, singt und tanzt

Torsten Hammann als Koberer. Der Darsteller und Autor spielt in „Komma rein hier!“ 15 Rollen, singt und tanzt

Foto: Oliver Fantitsch

Torsten Hammann gibt einen glaubhaften Koberer – und noch 14 weitere Figuren und Typen in dem von ihm selbst geschriebenen Kiez-Solo.

Hamburg.  Preisfrage: Was hat Andrea Berg mit dem Hamburger Kiez zu tun? Eigentlich nicht viel – außer dass Sängerin Berg, als Zugspitze des Schlagermassivs auch bekannt für ihr schwarzes Lack- und Leder-Bühnen-Outfit, an der Herbertstraße wahrscheinlich kaum weiter auffallen würde. Oliver jedoch steht an der Reeperbahn – und auf Andrea Berg.

Als Koberer vor dem „Stars and Strips“, einer heruntergekommenen Tabledance-Bar, beginnt der Dienst für „Olli“ jeden Abend um 20.15 Uhr. Und wer ihn schlicht „Türsteher“ nennt, bekommt es mit einem aufbrausenden Kerl zu tun. Torsten Hammann, ein Mann von 1,90 Meter mit Möbelpackerkreuz, gibt einen glaubhaften Koberer – und noch 14 weitere Figuren und Typen in dem von ihm selbst geschriebenen Kiez-Solo. Es erlebte am Donnerstag im Schmidtchen des neuen Klubhauses St. Pauli „eine denkwürdige Premiere“, wie es Schmidt- und Tivoli-Chef Corny Littmann in der Abmoderation treffend formulierte.

Bei „Komma rein hier!“, so der Titel des Stücks, mussten gegen 22 Uhr plötzlich alle raus auf den Spielbudenplatz. Feueralarm! Im dritten Stock des Klubhauses hatte ein ungebetener Gast in einem Büro einen Rauchwarnmelder eingeschlagen, wie die Polizei und die angerückte Feuerwehr ermittelten. Nach gut 40 Minuten saßen die 200 Premierengäste, unter ihnen Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD), wieder im Theatersaal. „Das ist ja ein verdammt heißer Laden hier“, bewies Hammann, der bereits zuvor geschickt mit dem Publikum gespielt hatte, unter Riesenbeifall auch beim Wiederbeginn der Uraufführung Schlagfertigkeit.

Seinem „Olli“ verlieh der Schauspieler immer mehr ungeahnte weiche Züge. Zunächst hatten unter der grünen Bomberjacke und hinter der dunklen Sonnenbrille unverhohlen Abneigungen gegen Ausländer und Schwule gesteckt, verbunden mit dem fast verzweifelten Kobern um Gäste, getreu dem Leitspruch: „Wenn euch die Gurken jucken – rein hier, Mädels gucken!“

Trotz solcher Zoten und allerlei Anzüglichkeiten: Hammann verrät die Haupt- ebenso wenig wie die Nebenfiguren. Er ist dicht dran am Milieu und beweist in Carolin Spieß’ Regie Liebe zum Detail. Verblüffend, wie Hammann in der „Stars and Strips“-Kulisse mit Plastik-Lametta-Vorhang, Metallstange auf einem Rundpodest und abgewetztem Ledersessel hin- und herspringt. Mal baut er sich als russischer Clubbesitzer Igor auf, dann windet er sich mit schwarzer Perücke lasziv als asiatische Tänzerin namens „36“ um die Stange, spielt einen gegen die Elbvertiefung kämpfenden jungen Zufallsgast oder einen notgeilen Alten auf der Suche nach dem Café Keese.

Eine jeweils andere Stimmlage sowie ein oder zwei Charakteristika reichen für den Rollenwechsel. Am lustigsten ist seine Parodie mit pinkfarbener Perücke auf die selbstverliebte Dragqueen Olivia Jones („Seid ihr gut drauf, meine Hasen?“), mit der Hammann zur Kieztour ansetzt. Auch wenn der Ausflug in Olivers Vergangenheit mit dessen Vater, dem Frauenmörder Fritz Honka und „Onkel Hans“ mitsamt der wohl unvermeidlichen Hans-Albers-Parodie kurz auf Abwege führt und der Figuren-Switch am Ende keine Überraschungsmomente mehr birgt, überwiegt der Eindruck, eine echte Type vom Kiez kennengelernt zu haben.

Mit dafür verantwortlich: Arne Gloe. Am stummen Akkordeonisten darf sich Hammann nicht nur verbal abreagieren, er dient ihm auch als Begleiter bei Gesangsparodien von Rock bis Pop wie „Ich wär’ so gerne ein Frisör“ (zur Prinzen-Melodie „Ich wär so gerne Millionär“). Eigentlich ist Koberer „Olli“ – frei nach Shakiras „Waka, Waka“ – mit der Asiatin „36“ fast schon auf dem Absprung nach Südamerika, wenn da nicht noch die erfahrene Barfrau Ulla wäre. Sie erinnert „Olli“ an Andrea Berg. Und ist ein Koberer nicht immer auch ein Lokalpatriot?

Als Hammann – mit roter Perücke, im knappen Schwarzen und in Lederstiefeln – am Ende noch mal selbst als Andrea Berg rauskam, gab es erst recht Gejohle und Extra-Applaus.

„Komma rein hier!“ bis 24.10., Schmidtchen
(U St. Pauli), Spielbudenplatz 21/22, Karten zu 21,80 bis 38,30 unter T. 31 77 88 99; www.tivoli.de