Reeperbahn

Schräg, schrill und schwer erfolgreich

Corny Littmann feiert 20 Jahre Schmidt -Theater auf der Reeperbahn

Corny Littmann feiert 20 Jahre Schmidt -Theater auf der Reeperbahn

Foto: Juergen Joost

86 Prozent Auslastung und 19 Millionen Euro Umsatz: Wie die Schmidts Tivoli GmbH zur Macht unter Deutschlands Privattheatern wurde.

Hamburg. Er war eigentlich fast immer da und ist kaum zu übersehen. In der Hausbar des Schmidt Theaters herrscht schon am Nachmittag ein Kommen und Gehen, ausnahmsweise sitzt Henning Mehrtens aber hier mal am Tisch. Das kennt er so gar nicht, und das kennen die meisten von ihm auch nicht. Bis vor Kurzem ist der Zweimetermann noch im Schmidt hin- und hergeflitzt, stand an der Bar, am Einlass, auf den Gängen oder auch mal auf der Bühne. Er hat vor den Shows charmant-gewitzt die Ansagen gemacht oder den Künstlern während der Vorstellung auf dem Tablett ein Getränk an der Rampe serviert, wenn die danach verlangten. Saalchef nannte sich Mehrtens im Schmidt. Ende April hat er von seinen Kollegen eine Torte und ein paar kleine Geschenke bekommen. Jetzt ist Henning Mehrtens im Schmidt nur noch Gast, gleich nebenan aber, am Spielbudenplatz 21/22, ist er fortan Gastgeber.

So nennt sich seine neue Position im Schmidtchen. Die dritte Bühne der Schmidt-Familie eröffnet an diesem Sonnabend. Dann wird Mehrtens auch darauf achten, dass seine Chefs Corny Littmann und Norbert Aust ja keinen der prominenten Gäste vergessen zu begrüßen: Erwartet werden etwa die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, Kulturbehörden-Staatsrat Horst-Michael Pelikahn, die früheren „Tagesschau“-Sprecher Dagmar Berghoff und Wilhelm Wieben sowie die Intendanten der benachbarten Theater.

Das neue Theater gleicht einem New Yorker Stand-up-Club

Das Schmidtchen im Erdgeschoss ist der erste neue Mieter des Klubhauses St. Pauli, der hier – Baustelle hin oder her – seinen Betrieb aufnimmt. Zwischen dem Musikclub Docks und dem Schmidt Theater entsteht ein neuer Ankerplatz für Unterhaltung, Livemusik und urbanes Arbeiten: Auf sechs Etagen und einer Gesamtfläche von etwa 5000 Quadratmetern soll es von Herbst an alle Facetten des Nachtlebens unter einem Dach vereinen.

Für Littmann und Aust, die zu den fünf Bauherren des Klubhauses gehören, ist das Schmidtchen zugleich ein weiterer Baustein ihres Imperiums. Aber weder draußen – mit dem rosa Logo – noch drinnen erinnert etwas an den plüschig-roten Charme von Schmidt und Schmidts Tivoli. Die unverputzte Backsteinfassade im Schmidtchen wird bleiben. Es gleicht mit dem gefliesten und leicht abgesenkten, nummerierten Sitzplatzbereich, den Mehrtens und seine Mitstreiter scherzhaft „Schwimmbecken“ getauft haben, einem New Yorker Stand-up-Club. Comedy wie bei der Eröffnung von Karl Dall, Jörg Knör und Newcomern, Entertainment mit dem formidablen Deutschniederländer Sven Ratzke sowie musikalische Komödien mit Musical-Star Carolin Fortenbacher und Nik Breidenbach stehen fortan auf dem Spielplan.

Mit minimum 80 bis maximal 197 Sitzplätzen ist das Schmidtchen zwar die kleinste Bühne von Littmann und Aust, allein die Innenausstattung haben sich die erfolgreichen Theatermacher aber 500.000 Euro kosten lassen. Gestaltet hat sie Matthias Leßmann, einer der fünf Klubhaus-Bauherren und zugleich Betreiber der angegliederten Theatergastronomie „Alte Liebe“. Und die rostet nicht – im Gegenteil.

Wie sich Neuanfang und Abschied anfühlen, kennt Henning Mehrtens bereits aus seiner beruflichen Vergangenheit am Spielbudenplatz. Der heute 37-Jährige ist gewissermaßen ein Kind des alten Schmidt. Vor gut 14 Jahren hat er dort als Garderobenmann angefangen – im Nebenjob zu seiner Ausbildung bei der Schule für Schauspiel Hamburg, für die er aus dem niedersächsischen Nordenham nach Hamburg gekommen war. Mehrtens hat sich auch in seinem erlernten Beruf als Bühnendarsteller versucht, ließ mit der Comedygruppe Die Quetschtragödie etwa die legendäre „Schmidt-Tresenshow“ wiederaufleben. Die undankbarste Rolle hatte er jedoch Silvester 2003, es war für ihn das schlimmstes Erlebnis im Haus: „Mit der Gewissheit, in dieser Nacht das letzte Mal im alten Schmidt das Licht gelöscht zu haben“, schloss er für immer die Türen der Kleinkunst-Institution ab. Zu Beginn des Jahres 2004 rückten die Abrissbagger an.

Wie selbstverständlich war Mehrtens, „das Mädchen für alles“, bei der Neueröffnung des Schmidt Theaters am 8.8.2005, genau 17 Jahre nach dessen Gründung, wieder mit dabei – er hatte sich initiativ als stellvertretender Saalleiter beworben. Und mit seinem Alter Ego, dem Entertainer Horst J. Gonzales, hat er auf dem Treppenabsatz der Hausbar bisher regelmäßig freitags ab 23.23 Uhr auf der kleinsten Bühne der Welt eine Karaokeshow mit großem Publikumszuspruch moderiert. Solch ungewöhnliche Schritte und Ideen mögen Littmann und Aust. Und der zweifache, verheirate Vater Mehrtens, der sich „zur Minderheit der Heterosexuellen“ am Haus zählt, kann scherzhaft und zugleich wahrheitsgemäß mit Fug und Recht konstatieren, „dass ich mich nicht hochgeschlafen habe“.

Aber wer weiß, ob das Schmidt-Imperium derart gewachsen wäre, wenn der frühere Psychologiestudent Littmann vor der Eröffnung seiner zweiten Bühne nicht den Juristen und Volkswirt Aust ins Boot geholt hätte. Gemeinsam überzeugten sie 1991 den damaligen „Immobilienkönig“ von St. Pauli, Willi Bartels, aus dem ehemaligen Zillertal – zu jener Zeit eine der begehrtesten Immobilien der Hansestadt – das Schmidts Tivoli zu machen. Drei Jahre zuvor war Littmann mit seinem Freund Ernie Reinhardt (später als Travestiekünstler und Fernsehmoderator Lilo Wanders populär) und weiteren Mitstreitern am Spielbudenplatz 24 in den Kaiserhof eingezogen, ein heruntergekommenes Tanzlokal. Die Einrichtung, rote Samtsessel und -stühle, sollte mangels Alternativen schnell zum Markenzeichen des Schmidt Theaters werden. Und das Tingeln hatte ein Ende.

Mit der schwulen Theatergruppe Brühwarm und der Tabu brechenden freien Komödiantentruppe Familie Schmidt war Littmann in den 70ern und frühen 80ern noch durch deutsche Lande getourt. 1980 kandidierte er bei der Bundestagswahl auch für die damalige Grün-Alternative Liste (GAL) als Hamburger Spitzenkandidat und setzte sich schon damals öffentlich für die Gleichstellung von Homosexuellen ein. Die freien Theatergruppen auf dem Gelände der Kampnagelfabrik leitete Littmann später drei Jahre lang.

Auf dem Kiez wollten Littmann und Co. eine Bühne mit Verzehr im Varieté-Stil der 20er-Jahre schaffen – und wurden mit ihrer unkonventionellen Mischung aus Musik, Theater und Comedy inklusive der Herren im Fummel und der wunderbar verklemmten Frau Jaschke alias Jutta Wübbe selbst zu Unterhaltungsstars. Dank der Fernsehübertragungen der „Schmidt-Show“, mit denen der NDR damals noch was wagte, avancierten Schmidt und Schmidts Tivoli mitsamt Littmann als „Herr Schmidt“ in den frühen 90ern über Hamburg hinaus zu Attraktionen.

Das alte Schmidt Theater fasste offiziell nur 230 Besucher, das neue mit 420 Plätzen strahlt seit 2005 auch von außen rot. Und im Schmidts Tivoli (620 Plätze) läuft seit der Uraufführung von „Heiße Ecke“ 2003 die erfolgreichste deutschsprachige Musiktheaterproduktion: Mehr als 1,8 Millionen Menschen haben das St.-Pauli-Musical, das das Tag- und Nachtleben an einem Kiez-Imbiss zeigt, bisher gesehen.

Mit regelmäßig mehr als 400.000 verkauften Karten pro Spielzeit ist der gemeinsame Träger, die Schmidts Tivoli GmbH, seit Jahren Deutschlands erfolgreichstes Privattheater. Inklusive Events und Gastspielen sowie Gastronomie (u.a. Angie’s Nightclub) verbuchte die GmbH von Littmann und Aust im Jahr 2014 etwa 19 Millionen Euro Umsatz. Ihre Theater haben aktuell eine Gesamtauslastung von 86 Prozent, im Schmidt ist die Musiktheaterkomödie „Die Königs vom Kiez“ seit der Premiere 2013 der Renner im Abendprogramm. Schmidt, Schmidts Tivoli und nun auch das Schmidtchen betreiben Littmann und Aust komplett aus eigenen Erlösen. Nach Subventionen der Stadt haben sie nie verlangt, obwohl Littmanns Verbindungen ins Rathaus speziell zu den (Alt-)Grünen, aber auch zu Zeiten des CDU-Senats unter Ole von Beust durchaus als gut galten.

Littmann und Aust hatten sich vor fast 30 Jahren auf Kampnagel kennengelernt

„Ein Symbol für den Aufbruch der Reeperbahn zur Entertainment-Meile“ hat Norbert Aust die Eröffnung des Schmidt Theaters 1988 mal genannt. Der frühere Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), im Gegensatz zum ab und an noch immer launischen Littmann stets um freundlichen Ausgleich bemüht, hatte seinen Geschäftspartner schon vor fast 30 Jahren in seiner Eigenschaft als früherer Vorstandsvorsitzender des Trägervereins Kampnagel kennengelernt. Gemeinsam stritten sie Ende der 80er erfolgreich gegen den Abriss der Kulturfabrik in Winterhude. Heute, mit 72 Jahren, vertritt der für seine kulturellen Verdienste mit der Biermann-Ratjen-Medaille des Senats ausgezeichnete sechsfache Vater Aust als Vorsitzender auch die Interessen des Tourismusverbandes Hamburg, hat ein Büro in einem der beiden Hochhäuser der Tanzenden Türme und praktiziert als Anwalt.

Mehr noch als Aust gilt der Kulturmacher Littmann, wiewohl auch mit 62 Jahren noch eine kreative Rampensau, bereits 1999 zum „Hamburger Unternehmer des Jahres“ und 2010 mit dem Max-Brauer-Preis der Alfred Toepfer Stiftung gekürt, als der personifizierte Wandel St. Paulis vom Schmuddelviertel mit Sex and Crime zum noch immer boomenden Entertainment-Quartier. Kritiker sehen in ihm, von 2003 bis 2010 ehrenamtlich erfolgreicher Präsident des FC St. Pauli, indes heute auch ein Symbol und einen Mitbetreiber der sogenannten Gentrifizierung.

Sichtbar wird die Veränderung auf und am Spielbudenplatz. In den 80er- und 90er-Jahren noch mit Spielhallen und Clubs mit unschönen Flachdach Charme zugestellt, in den Nullerjahren dann zeitweise eine Sandwüste, hat das Areal inzwischen halbwegs ein Gesicht. 2006/07 gehörte Littmann zu den Mitbegründern der Spielbudenplatz Betreibergesellschaft, deren erster Geschäftsführer er war. Außer weiteren Anliegern gehören Littmann und Aust mit ihrer Schmidts Tivoli Kultur- und Gaststättenbetriebe mbH auch jetzt noch zu den Gesellschaftern. Mit Bars, dem wöchentlichen St. Pauli Nachtmarkt am Mittwoch und weiteren Veranstaltungen hat die Gesellschaft den Platz zwischen den beiden großen beweglichen Vattenfall-Bühnen zumindest zeitweilig belebt.

Mehr bewirkt haben Littmann und Aust jedoch in und mit ihren Theatern. Die einst homosexuelle Subkultur hat den Hamburger Humor seit Ende der 80er-Jahre maßgeblich verändert. Sie hat ihn schräger, schriller, manchmal auch derber werden lassen. Littmann und Co. haben dem Volkstheater auf St. Pauli ein neues Gewand verpasst, ohne die Hosen ganz runter zu lassen. Das hat zuweilen nur der bunte, bisexuelle Entertainer Kay Ray gewagt, der nach elf Jahren im Schmidt und Schmidts Tivoli inzwischen im Gruenspan an der Großen Freiheit allmonatlich zu seiner Late Night lädt. Shows bis vier Uhr morgens, so wie in der Anfangszeit des Schmidt, waren dann auch einigen alten (und jungen) Schmidt-Hasen zu viel des Guten ...

Lachen ist längst zum mehr oder minder genormten Geschäft geworden, die Überlänge auch am Spielbudenplatz die Ausnahme. Stattdessen hat sich das Schmidt mit den originellen, witzigen und fantasievollen eigenen Musicals wie „Räuber Hotzenplotz“, „Es war einmal – 7 Märchen auf einen Streich“ und zuletzt „Der kleine Störtebeker“ auch als Familientheater eta­bliert und junge Menschen als Zuschauer gewonnen – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. „Die Besten sind gerade gut genug, um ein Stück für Kinder zu machen“, lautet Corny Littmanns Credo. Der Unterhaltungs-Impresario sagt so etwas gern im Qualm seiner Zigaretten und kann sich darauf verlassen, dass Künstler wie Regisseurin und Schauspielerin Carolin Spieß, Autor Heiko Wohlgemuth und Komponist Martin Lingnau den Durchblick behalten. Die beiden Letztgenannten hatten bereits die Dauerbrenner „Heiße Ecke“ und „Die Königs vom Kiez“ mitgeschrieben.

227 Angestellte hat dieSchmidts Tivoli GmbH zurzeit

Fest angestellt sind diese Kreativköpfe bei Littmann und Aust naturgemäß nicht. Auch ohne sie beschäftigt die Schmidts Tivoli GmbH jetzt 227 Mitarbeiter. Henning Mehrtens ist der zurzeit wichtigste. „Angestellter des Programmbüros“ steht offiziell in seinem Arbeitsvertrag – leicht untertrieben, diese Beschreibung. Schließlich soll er den Betrieb regelmäßig von mittwochs bis sonnabends im neuen Schmidtchen schmeißen, zusammen mit Licht- und Tontechniker Angelo Spiegel, ehemaliger Azubi im Schmidt. „Ich werde allabendlich präsent sein“, sagt Mehrtens. Er will den Künstlern Feedback geben, aber von den Zuschauern auch gern solches entgegennehmen. Drei verschiedene Anzüge hat der stattliche Zweimetermann bei der Kostümabteilung bestellt.

Der lilafarbene, den er nach dem Gespräch am frühen Abend das erste Mal trägt, macht schon mal ordentlich was her. „Ich habe auch einen Smoking für offizielle Anlässe“, verrät Mehrtens noch. Und dass er zur Eröffnung des Schmidtchens auch selbst singen will – Udo Jürgens’ „Ein ehrenwertes Haus“, natürlich mit einem neuen Text. In der Hoffnung, dass das Schmidtchen schon bald seine eigene Note erhält unter dem Dach des Klubhauses St. Pauli und des Schmidt-Imperiums.