Antboy 3

„Als Wasserleiche war’s kälter“: Ein Tag als Komparsin

Warten auf den Einsatz gehört zum Statistsein dazu: Abendblatt-Reporterin
Juliane Kmieciak verbrachte jedenfalls Stunden im Komparsenbus – las und schaute anderen beim Kreuzworträtseln zu

Warten auf den Einsatz gehört zum Statistsein dazu: Abendblatt-Reporterin Juliane Kmieciak verbrachte jedenfalls Stunden im Komparsenbus – las und schaute anderen beim Kreuzworträtseln zu

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Abendblatt-Reporterin Juliane Kmieciak war einen Tag lang Komparsin bei „Antboy 3“. Wie fühlt sich das an? Vor allem: lang.

Ostslawische Oberschicht im Mittelalter mit drei Buchstaben. Bühnentanz (englisch) mit vier Buchstaben, nordische Götterbotin mit drei Buchstaben. Futterneid ist nichts gegen den Kreuzworträtsel-Neid, der gerade in mir hochsteigt. Nur Anfänger vergessen die Rätsel zu Hause. Profis wie meine Sitznachbarin sind ausgestattet, als würde ein Langstreckenflug vor ihnen liegen. Rätselhefte, Videos auf dem iPad, eine Familiensaga auf 850 Seiten, Zeitschriften, Kopfhörer und ein ordentlich aufgeladenes Handy. Seit Stunden schon sitzen wir hier in diesem Bus herum. Hätten wir nicht längst geschminkt werden müssen?

Grundregel Nummer eins im Statisten-Alltag: nicht zu viel nachdenken. Auch, wenn man eigentlich seit 10.45 Uhr in der Maske sitzen sollte und es inzwischen 13.45 Uhr ist. Grundregel zwei: nicht auf die Uhr gucken.

Fluss durch Bremen mit fünf Buchstaben. Von draußen prasselt der Regen an die Scheibe des Busses, in dem ich mit 20 anderen Männern und Frauen auf unseren Einsatz warte. Nachher sollen wir eine aufgeregte Journalistenhorde in dem mir völlig unbekannten Superhelden-Kinderfilm Antboy 3 spielen. Eine dänische Produktion, deren zweiter Teil gerade auch in Deutschland in den Kinos läuft. Kurze Frage in meine Bus-Wartegemeinschaft: Gehört irgendjemand von den Leuten draußen vor dem Bus zu den Darstellern? Keine Ahnung. Und worum geht es in dem Film? Weiß auch keiner so richtig. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Im Grunde ist nichts so wie erwartet.

Nach Filmdreh sieht es hier jedenfalls nicht aus, dafür müsste ja zumindest mal irgendwo ne Kamera zu sehen sein. Stattdessen ein Essenswagen, ein Pavillion, Bierzeltgarnitur und eben dieser Bus, in dem wir jetzt seit Stunden rumsitzen. Das Set, also alles, was irgendwie spannend wäre, ist offenbar ein paar Gehminuten entfernt. Aber, egal. Von Losgehen spricht hier ja eh noch keiner.

Inzwischen hat sich in unserem Bus so was wie Klassenfahrtsstimmung eingestellt. Kein Wunder, die meisten kennen sich von anderen Statisten-Drehs. Einmal in der Kartei gelandet, bekommt man immer wieder Angebote, sagen sie. 8,50 Mindestlohn gibt’s die Stunde. Aber Geld scheint für die meisten nicht der Grund zu sein. Annika zum Beispiel ist eigentlich Lehrerin an einer Hamburger Stadtteilschule, hat gerade Sommerferien und macht eher so zum Spaß mit. Zwei bis drei Mal im Jahr tauscht sie Klassenzimmer gegen Filmset. Mal muss sie einfach nur durchs Bild gehen, manchmal sogar ein paar Worte sagen. „Neulich zum Beispiel musste ich in einem Krimi Anzeige erstatten.“ Die Filme nimmt Annika dann meist auf und schaut sie sich nochmal in Ruhe zu Hause an. „Aber meist muss ich dann auf Standbild stellen, weil die Auftritte so kurz sind“, lacht sie. Auch Mia, die eigentlich bei Lufthansa Technik arbeitet, ist nur zum Spaß hier: „Ich lerne einfach gern Leute kennen und mach mal was anderes“, sagt sie. Ich nicke.

Doch nach knapp vier Stunden im Bus ist mir in Wahrheit nicht ganz klar, warum man das einfach zum Spaß machen könnte.

Als ich gerade intensiv damit beschäftigt bin, die Autokennzeichen der geparkten Wagen zu erraten, beginnen zwei junge Frauen die Klamotten für uns Journalisten-Komparsen bereitzulegen. Einheitlicher Farbton: Beige. Beliebtes Material: Kunstleder. Der neueste Journalisten-Look ist offenbar an mir vorbei gegangen. Mit meinem Outfit habe ich vergleichsweise Glück. Meine Hose (grau), darf ich anbehalten, dazu gibt’s ein beiges Hemd mit Columbo-Kragen und einen Blazer.

Dann geht’s ans Set. Gedreht wird vor dem Planetarium, das im Film aber der Sitz eines Pharmakonzerns ist. Bevor es für uns los geht, erfahren wir dannn auch, worum es eigentlich in der Szene geht. Ohne zu viel zu verraten: Innerhalb weniger Minuten überschlagen sich im Superhelden-Universum die Ereignisse. Erst eine Festnahme, dann hat Superheld Antboy große Neuigkeiten zu verkünden und dann taucht da auch noch ein zweiter Superheld auf. Und die Presse, wir also, wollen natürlich überall dabei sein, Interviews führen, filmen und Fotos schießen. Also gut. In der Journalisten-Rolle fühl ich mich wenigstens sicher. Ich bekomme einen Schreibblock und einen Stift in die Hand, die anderen Komparsen Kameras und Mikrofone. Und dann geht es endlich los. Unser Auftrag: erstaunt gucken, dann zu Antboy rennen, um seine bahnbrechende Neuigkeit zu erfahren. Welche das ist, darf ich leider nicht sagen. Und selbst, wenn ich dürfte, könnte ich nicht.

Denn Antboy spricht dänisch. Und so stellen auch wir nicht wirklich Fragen, sondern tun nur so als ob. Ungefähr 15 Mal wiederholen wir das ganze Prozedere. Mal waren wir zu schnell, mal zu langsam. Dann soll die Kamera nochmal näher ran, dann weiter weg. Zwei Stunden später bin ich durchgefroren. Im Gegensatz zu Antboy bekomme ich zwischen den einzelnen Aufnahmen keinen Bademantel, um mich zu wärmen. Und mein beige-farbenes Reporterhemd kann gegen Nieselregen und Wind nichts ausrichten. Meine Hand, mit der ich immerfort so tun muss, als würde ich Notizen machen, zittert. Ein Komparsen-Kollege neben mir lacht: „Hätte schlimmer kommen können. Als ich neulich mal ne Wasserleiche spielen musste, war es kälter.“ Grundregel Nummer drei also: immer optimistisch bleiben.

Zusatzinfo:

Wo kann ich mich melden, wenn ich als Statist arbeiten möchte? Für den Bereich Hamburg und Norddeutschland ist zum Beispiel die Agentur Extra Faces zuständig. Telefonnummer: 040-266 975 30, Internet: www.extra-faces.de

Ebenso ist es möglich, sich bei der Hamburger Künstlervermittlung der Agentur für Arbeit zu melden. Diese arbeitet mit verschiedenen Firmen und Agenturen zusammen und vermittelt Komarsen und Statisten aus Hamburg ab einem Alter von 18 Jahren. Telefon: 040-28401541/-42 oder per Mail an zav-hamburg-kv@arbeitsagentur.de. Statisten verdienen ab 8,50 die Stunde (Mindestlohn)