Film

Martyrium auf der Kinoleinwand im Abaton

Qualvoller Alltag:
Aufseher Bruder
Wilde (Stephan
Grossmann, l.)
drangsaliert den
jungen Wolfgang
(Louis Hofmann)

Qualvoller Alltag: Aufseher Bruder Wilde (Stephan Grossmann, l.) drangsaliert den jungen Wolfgang (Louis Hofmann)

Foto: dpa

Marc Brummund, Regisseur des Heimdramas „Freistatt“, kommt am heutigen Mittwoch mit einem der damaligen Opfer ins Abaton.

Hamburg. „Film im Gespräch“ heißt eine bewährte gemeinsame Reihe vom Abaton Kino und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Zum heutigen Film passt sie besonders gut, denn Sprachlosigkeit hat seine erschütternde Geschichte überhaupt erst möglich gemacht. „Freistatt“ erzählt von einem Erziehungsheim im gleichnamigen Ort in Niedersachsen. Der Teenager Wolfgang wird 1968 dorthin abgeschoben, weil sein Stiefvater eifersüchtig auf das gute Verhältnis von Mutter und Sohn ist. Die Zeit im Heim wird für Wolfgang zum Martyrium.

Die Zustände in „Freistatt“ ähneln mehr einem Strafgefangenenlager als einem Erziehungsheim. Die Jungen werden von sadistischen Aufsehern schikaniert, sie werden als Zwangsarbeiter im Moor eingesetzt und ausgenutzt. Sexueller Missbrauch und Scheinbeerdigungen zählen zum Alltag. Von einem pädagogischen Konzept keine Spur. „Wenn nichts mehr geholfen hat, haben sie versucht, die Kinder zu brechen“, sagt Marc Brummund. Der Regisseur hat mit Nicole Armbruster auch das Drehbuch geschrieben.

Die Ereignisse, die heute so unfassbar auf die Zuschauer wirken, geschahen vor dem Hintergrund eines Zeitgeists, der durch große Gegensätze geprägt war. Man erlebte mit dem Wirtschaftswunder wachsenden Wohlstand, in den USA brach die „Love & Peace“-Ära aus und verbreitete sich rasch. Aber einige Menschen hatten im Deutschland jener Zeit ihre zuvor jahrzehntelang antrainierte Obrigkeitshörigkeit noch nicht abgelegt.

„Ich würde es als Relikt des Dritten Reiches betrachten“, sagt Brummund. „Bei der Entnazifizierung hat man nicht alle erwischt. Heime waren damals rechtsfreie Räume. In geschlossenen Gesellschaften ist alles möglich. Es herrschte die Ansicht vor: Es kann nicht falsch sein, was da passiert.“

Aber genau das war es: falsch. Die Geschichte vom Missbrauch in Erziehungseinrichtungen scheint endlos: Odenwaldschule, das Canisius-Kolleg, Landesfürsorgeanstalt in Glückstadt – die Reihe ließe sich fortsetzen. „Wenn du nicht gehorchst, kommst du ins Heim“, war damals eine nicht selten gehörte Drohung. Aber was in den Heimen vorging, wollte man lieber nicht wissen. Dabei reichten oft kleinste Verfehlungen, dass Eltern oder das Jugendamt aktiv wurden.

Verrat ist ein großes Thema in diesem Film: zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Heimbewohnern, zwischen Heimleitung und Bewohnern.

Brummund, Absolvent der Hamburg Media School, hat für sein Kinofilmdebüt geografisch nicht weit reisen müssen. Er ist in Diepholz aufgewachsen, nur fünf Kilometer von Freistatt entfernt. „Ich habe dort eine glückliche Kindheit gehabt und habe sogar mit der Grundschule Ausflüge in das Moor gemacht, in dem die Jungen früher schuften mussten.“ Was hat er damals über das Heim gewusst? „Man hat über die Anstalt geredet, fand es aber richtig und hat nicht hineingeguckt. Das sind böse Jungs, die haben das verdient, hieß es. Wenn sie ausrissen, gab es Sirenengeheul und sogar Kopfgeld. Die Leute aus der Umgebung haben sich damit ein Zubrot verdient und haben die Fliehenden denunziert.“

Brummund kontrastiert die Tristesse in Freistatt mit wunderschönen Landschaftsbildern, die Kamerafrau Judith Kaufmann eingefangen hat. Vor ihrer Kamera agiert ein sehr engagierter Cast mit Louis Hofmann, Alexander Held, Uwe Bohm, Max Riemelt und Katharina Lorenz. Dass Uwe Bohm mitspielt, ist kein Zufall, denn der Regisseur hat „Nordsee ist Mordsee“, in dem Bohm eine Hauptrolle spielt, als prägenden Film erlebt. Außerdem hat er bei dessen Adoptivvater, dem Regisseur Hark Bohm, studiert. Die Tristesse der Handlung hat Brummund mit Musik aus der Zeit kontrastiert. Er nennt sie eine „flamboyante Verpackung“.

Gedreht wurde an den Originalschauplätzen, überwiegend in Niedersachsen. Für eine Strandszene nutzte der Regisseur das Haus seiner Eltern in Tinnum auf Sylt. „Meine Mutter hat Stullen geschmiert. Mein Vater hat mit Louis geredet und ihn ermahnt: ,Aber mach dein Abitur!’ Es war sehr familiär.“

Brummund hat hier ein gelungenes Debüt hingelegt. Schon vor den Dreharbeiten gewann „Freistatt“ den Deutschen Drehbuchpreis. Beim Max-Ophüls Preis kamen Auszeichnungen der Jugendjury und der Publikumspreis dazu. Louis Hofmann wurde beim Bayerischen Filmpreis zum besten Nachwuchsdarsteller gekürt.

Und nun? Brummund spielt mit erstaunlich vielen Möglichkeiten. Der 45-Jährige, der auch Psychologie und Journalistik studiert hat, könnte sich durchaus vorstellen, eine Komödie zu drehen. Mit dem kauzigen TV-Kriminalfilm „Nord bei Nordwest: Käpt’n Hook“ hat er schon einmal am Genre geschnuppert. Aber auch einen großen historischen Stoff, ein Film über alte Leute oder über die Bundeswehr zieht der Offizierssohn in Erwägung. „Mein Vater hat mich als Kind mit auf Flugzeugträger genommen. Bundeswehr ist ein Teil meines Lebens. Es gibt darüber entweder die klassische Klamotte oder Filme über Sondereinsätze, aber nur wenig Filme über den Alltag. Das Genre hat Potenzial.“

Zusammen mit Wolfgang Rosenkötter, dem realen Vorbild für die Rolle des Wolfgang im Film, kommt Brummund heute ins Abaton.

„Freistatt“ Mi, 20 Uhr, Abaton