Matthias Claudius

Wie Hamburg seinen großen Dichter ehrt

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Es ist das Jahr des Matthias Claudius. Seine Geburt jährt sich zum 275., sein Tod zum 200. Mal. Und sein „Der Mond ist aufgegangen“ ist weiter eines der schönsten deutschen Gedichte.

Wenn die Schüler des Wandsbeker Matthias-Claudius-Gymnasiums den berühmten Dichter erwähnen, nennen sie ihn ebenso vertraut wie respektvoll Matthias. Der Wandsbeker, dessen Todestag sich an diesem Mittwoch zum 200. Mal jährt, ist den meisten Gymnasiasten so gut bekannt, als wäre er ein prominenter Absolvent ihrer Schule.

Soviel Vertrautheit hat ihren guten Grund: Seit Monaten bereiten sich die Wandsbeker Schüler in Kunst- und Medien-Projekten auf das Claudius-Gedenkjahr vor. Es beschert der Öffentlichkeit ein Doppeljubiläum: den 200. Todestag am heutigen 21. Januar und den 275. Geburtstag am 15. August. Nicht nur im Matthias-Claudius-Gymnasium wird jetzt jenes Poeten gedacht, aus dessen Feder das berühmte und von Johann Abraham Peter Schulz vertonte „Abendlied“ stammt. Der „Mond ist aufgegangen“ erklingt aus diesem Anlass in Kirchen, Evangelischen Akademien, bei Ausstellungen und in Konzerten.

Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und Publikationen verneigt sich Hamburg vor einem Mann, dessen Metier die Sprache und eine tiefe Naturfrömmigkeit waren. „Sein Werk“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Claudius-Gesellschaft, Reinhard Görisch, „bietet für die heutige Zeit Orientierungsmöglichkeiten.“ Dazu gehörten die Bedeutung der Gemeinschaft, die Solidarität mit Benachteiligten, die kritische Distanz zum Mainstream und die Bewahrung der Natur.

Claudius, der 1740 im holsteinischen Reinfeld geboren und als Redakteur des „Wandsbecker Bothen“ berühmt wurde, markiert gemeinsam mit anderen Geistesgrößen wie Lessing und Klopstock als prägende Gestalten der Aufklärung einen Epochenwechsel. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) würdigt ihn so: „Frieden, Toleranz und Menschlichkeit waren seine Themen. Claudius vermittelt Werte, die damals wie heute große Bedeutung haben.“ Das aber tue er sanft – „mit wohl gewählten Worten statt erhobenem Zeigefinger“. Und Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs meint: „Das Abendlied ‚Der Mond ist aufgegangen‘ wurde Generationen von Deutschen an der Wiege gesungen und steht heute im Evangelischen Gesangbuch als Zeichen inniger Verbundenheit zwischen Glaube und Musik.“

Am Matthias-Claudius-Gymnasium wird das Erbe des Namensgebers gepflegt

Die Wandsbeker Matthias-Claudius-Schule ist jener Ort in Hamburg, in dem das Erbe des Dichter bis heute besonders gepflegt wird. Hier befindet sich ein umfangreiches Archiv zur Claudius-Literatur, und hier hat die Claudius-Gesellschaft ihren offiziellen Sitz. In Schulnähe, auf dem historischen Friedhof, liegt das Grab von Matthias Claudius und seiner Frau Rebekka. Die Schüler kennen den Gedenkort mit den beiden Eisenkreuzen. Doch nicht nur das. In den vergangenen Monaten haben die Gymnasiasten sich in Theater-, Literatur- und Medienprojekten intensiv mit seinem Leben und Werk befasst. Am kommenden Freitag, 20 Uhr, werden die Jugendlichen in der Turnhalle das selbst erarbeitete Theaterstück „Claudius, Wandsbek und wir – eine Spurensuche“ aufführen. Dabei trifft der Dichter aus längst vergangenen Zeiten mitten in der Gegenwart ein. „Wir“, sagt der 17-jährige Fabian, „wollten herausfinden, wie das ist, wenn Claudius der Moderne begegnet.“

Derweil gestalteten Tim, 17, Merle, 18, und weitere Schüler eine aktualisierte Neuauflage des „Wandsbecker Bothen“. In einer Auflage von 500 Exemplaren erscheinen von ihnen verfasste, unterhaltsame und besinnliche Texte. Schließlich standen im Unterricht die Printmedien auf dem Programm, die schon damals um ihre Existenz kämpfen mussten, wie Tim jetzt weiß. Zudem drehten Jasemen, 16, und Emily 17, mit anderen Schülern und in Kooperation mit Tide TV einen fünfminütigen Film über Matthias Claudius, bei dem am Ende sogar ein Pferd auftritt. In einer Straßenumfrage fanden sie heraus, dass die historische Gestalt Claudius weniger bekannt ist als sein berühmtes Abendgedicht. Selbst den Fünftklässlern ist der Wandsbeker Dichter inzwischen gut bekannt. Per, elf, und Leticia, zehn, nahmen an einem schulinternen Literaturwettbewerb teil, bei dem sie einen eigenen Text zu einem Vers aus dem „Abendlied“ schreiben sollten. Der Sieger wird mit einem Shopping-Gutschein belohnt. Schulleiterin Rotraud Nesemeyer freut sich über das große Interesse bei den Schülerinnen und Schülern. Die Bereitschaft, sich auf literarische Texte einzulassen, sei in den vergangenen Jahren gewachsen. An diesem Mittwoch werden Schulsenator Ties Rabe und Bischöfin Kirsten Fehrs mit ihnen über Leben und Werk des Dichters und Redakteurs diskutieren.

Mehr noch: Am Sonntag lädt die benachbarte Christuskirche zu einem Festgottesdienst ein. Danach wird neben dem Gotteshaus das neue Claudius-Denkmal des Worpsweder Künstlers Waldemar Otto enthüllt. Außerdem gibt es Ausstellungen im Wandsbek-Quarree sowie in der Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität (ab 5. Mai).

So präsent der Dichter in diesem Jahr in der Öffentlichkeit sein wird – Hamburg müsste noch mehr tun, um sein künstlerisches Erbe zu pflegen. Das meinen nicht nur einige Schüler, sondern auch die Vorsitzende der Claudius-Gesellschaft, Erle Bessert. Die Aufgabe des Vereins ist es, das geistige Erbe von Matthias Claudius zu fördern. „In Hamburg wird generell zu wenig für die ‚Hamburger‘ Schriftsteller getan“, meint Erle Bessert. Notwendig sei ein Museum nach dem Vorbild des „Komponisten-Quartiers“.