Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,

die goldnen Sternlein prangen

am Himmel hell und klar;

der Wald steht schwarz und schweiget,

und aus den Wiesen steiget

der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,

und in der Dämmerung Hülle

so traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

wo ihr des Tages Jammer

verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost verlachen,

weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel;

wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun!

Lass uns einfältig werden

und vor dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder Grämen

aus dieser Welt uns nehmen

durch einen sanften Tod,

und wenn du uns genommen,

lass uns in Himmel kommen,

du unser Herr und unser Gott.

So legt euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder;

kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen

und lass uns ruhig schlafen

und uns’ren kranken Nachbarn auch.

Matthias Claudius, vermutlich 1778