Staatsoper

„La Traviata“: Verdi singen und sterben

Zum Komponisten-Jubiläum bringt die Hamburgische Staatsoper eine generalüberholte, düstere "La Traviata" -Inszenierung auf die Bühne.

Hamburg. Eine brutale und damit gute "La Traviata" muss konsequent über Leichen gehen, und das beileibe nicht nur über die der schwindsüchtigen Amüsierdame Violetta, die in der Titelpartie so tragisch real ihr Leben aushaucht. Sie sollte von Anfang an klar machen, dass es um das letzte bisschen Da-Sein vor dem Tode geht und dass zu Verdis Musik in den Pariser Salons, die er aus Dumas' Gesellschaftsroman "Kameliendame" übernahm, auf verdammt dünnem Eis getanzt wird. Selbst wer hier noch einen Puls hat, der rast vor Lust aufs Leben und auf die ungebremste Triebabfuhr, ist im Grunde genommen schon hinüber, allein und rettungslos verloren. Er weiß es nur noch nicht immer. Zu viel Geld, wie jenes, das die Choristen als Lemuren der Halb-Oberwelt am Sonntag auf der Staatsopern-Bühne um sich warfen, ist also auch keine Lösung.

Johannes Eraths klug angelegte, aber nicht immer brutale und daher auch nicht immer überzeugende Inszenierung von Verdis Publikumsliebling zeigt, dass Violetta von Anfang an ziemlich genau weiß, wie es um sie steht. Denn hier ist sie bereits tot, bevor sie drei Akte später im Rampenlicht amtlich verstirbt. Nach einem stummen Prolog im Dunkel, ein Vorspiel mit Totengräber-Akkordeonist und leichenbleich geschminkter Zirkustruppe vor dem eigentlichen Vorspiel, kramt der verzweifelte Germont ihre sterblichen Überreste aus dem Bühnenboden heraus, bevor die große Rückblende beginnt. Und im Finale ist die eine Violetta schon tot, während die andere noch, endlich, um ihr Leben singt.

Für diese szenisch verschachtelte Rückblende, die sich an der Romanvorlage orientiert, hat Annette Kurz, in Hamburg vor allem als Fantasieverwirklicherin des Thalia-Hausregisseurs Luk Perceval bekannt, die Bühne als Requisitenrampe spektakulär ignoriert: Sie stellt das Geschehen und sonst eigentlich nichts auf einen Präsentierteller, eine Drama-Zentrifuge für drei Menschen und einen Todesfall. Für scheiternde Charaktere, die sich zwar dort, aber nicht vom Fleck bewegen können, wenn der Käfig ohne Gitter sich um sich selbst dreht. Und weil die da oben nichts mehr anmacht als Spielchen auf Zeit für Geld mit denen da unten, bebildert Kurz diese klaffende Leerstelle mit verbeulten Autoscooter-Attrappen, die bis ins Parkett (wo auch H.P. Baxxter saß, der Kopf des Hamburger Kirmestechno-Konzerns Scooter) nach Nostalgie, Nepp und dem kleinen Glück der kleinen Leute riechen.

Das war aber mal Zeit, muss nun eine grundsätzlichere Zwischenbemerkung lauten. Nach 37 lukrativen Jahren im Spielplan-Geschirr wurde die "Traviata"-Inszenierung, die mittlerweile älter wirkte als das Stück selbst, mitsamt ihrem gemütlichen Kostümfilm-Muff ins Kollektivgedächtnis der Stammgäste umgebettet. Bei einigen anderen Repertoire-Klassikern, die jedes Haus dieser Größe als sichere Bank für die Bilanz benötigt, ging diese Rechnung nicht auf. Hier könnte es klappen, denn das Ausmaß der Verstörung hält sich in klug abgesteckten Grenzen.

Interessant und damit diskussionstauglich war auch die Herangehensweise des Gast-Dirigenten Patrick Lange. Er verkniff sich das Drücken auf die Sentiment-Tube, die demonstrative Tränenschwere und das saftige Reinhalten. Inneres Mitschunkeln? Keine Chance. Seine Idee von Verdi war delikater und dezenter. Zu verhalten und zu wenig temperamentvoll vielleicht in einigen Passagen, die dann mehr nach französischem Esprit und weniger nach praller musikalischer Italianità klangen. Aber sicher im Sinne des von Tristesse umflorten Regiekonzepts, das sich ja ebenso der großen Lovestory-Show mit All-inclusive-Sterbeszene enthielt.

Lange, bis 2012 Chefdirigent der Komischen Oper in Berlin, verbot der Musik geradezu ihren Sonntagskonzert-Charakter und verweigerte sich - ganz besonders in den Chor-Szenen - dem Diktat ihrer enormen Beliebtheit. Während es auf der Bühne hinter dem Graben nie wirklich hell wurde und erst recht nie wirklich optimistisch, spieldosten die Philharmoniker sich - bis auf einen Moment der Irritation ausgerechnet beim "Brindisi" - sehr fein durch ihre nicht geringen Aufgaben.

Damit hatte am Sonntag auch die leading lady zu kämpfen. Ailyn Pérez' Violetta klang bei der Premieren-Vorstellung fast nie wie die Gefühlsextremistin, die sie sein sollte. Sobald Violetta litt oder liebte, also praktisch ständig, hätte man im Saal die Luft anhalten müssen vor Begeisterung, überwältigt und hin und weg, erschüttert und von jetzt auf gleich verschossen. So war es aber nicht, denn Pérez fehlte an diesem Abend der Oha-Faktor. Sie sang und gestaltete, und das kann in solchen Partien auch ein Problem sein, wunderschön. Aber zu harmlos. Vorabendprogramm, fast schon das jugendfreie Gebet einer Jungfrau statt Hardcore-Herzschmerz. Enttäuschend, weil zu klein und zu verklemmt in der Gestaltung seiner großen Auftritte, war Stefan Pop als Violettas Verehrer Alfredo Germont. Da machte George Petean als Germont senior schon mehr aus seiner Partie.

Doch je näher das Finale, desto mehr ging auch Eraths Konzept die Luft aus, und es wurde sich nur noch mit dem Vorhandenen arrangiert: Wann immer es um Vergänglichkeit ging, wandelten die kalkbleichen Gestalten aus der Zirkuskuppel bedeutungsbeschwert von rechts nach links, als wäre Geisterbahn. Das erste Fast-Sterben von Violetta fand in Ermangelung anderer Möglichkeiten im Autoscooter statt, bevor sie sich nach hinten durch das große Bühnenportal in die Ewigkeit verabschiedete, wo die anderen verblichenen Entertainer-Kollegen sich schon mal geparkt hatten. So endete das Update eines Klassikers mit viel verdientem Beifall und gezielter Ablehnung (s. rechts) und der Hoffnung, dass diese Hamburger "Traviata" nicht so rasant verstaubt wie die letzte.

Weitere Vorstellungen : 20.2., 23.2., 26.2./6.3., 10.3., 15.3., 19.3./2.5., 4.5. Informationen: www.staatsoper-hamburg.de