Thalia: Premiere von Jan Bosses "Peer Gynt"

Peer Gynt, der saftlose Kraftmeier

Gute Schauspieler, aber eine zu kopflastige, starre Inszenierung von Jan Bosse - mit langweiliger Bühne und hässlichen Kostümen.

Hamburg. Auch die zweite Eigenproduktion unter dem neuen Intendanten Joachim Lux am großen Haus des Thalia-Theaters geriet, nach "The truth about the Kennedys", zu kopflastig, puristisch streng und leblos.

Regisseur Jan Bosse nutzte nicht die große, bunte Spielkiste, sondern zeigte Feng Shui und griff seine sparsamen ästhetischen Mittel ständig wieder auf. Das war eindeutig zu viel vom selben. Eine halbe Stunde kürzer - man hätte nichts verpasst.

Bosse inszenierte Ibsens dramatisches Gedicht vom unbändigen Fantasten, "Peer Gynt", eher als Deklamationstheater, denn als überbordende Reise durch die reale oder tiefenpsychologische Welt. Peer Gynt, den Sinnsucher, Weltenwanderer und Egozentriker, spielt Jens Harzer als Außenseiter mit eckigen Handbewegungen und rasendem Blick. An dem gut dreieinhalbstündigen Abend blickt Harzer sicher eine dreiviertel Stunde ins Publikum, wippt von einem aufs andere Bein, lässt die Finger in die Luft sausen, zupft sich an den Haaren und versteht die Welt nicht mehr. Sicher, Harzer versucht - auch körperlich - den Sinn des Textes zu durchdringen, meistert den Abend mit Bravour. Und auch der Rest des Ensembles, allen voran die von Karin Neuhäuser herrlich lebensklug und -froh gespielte Mutter Peers, Aase, zeigt eindrucksvolle schauspielerische Leistungen. Doch das Stück, das man durchaus als vor sinnlichen Eindrücken überbordenden Abenteuerroman oder bissige Gesellschaftssatire präsentieren könnte, wurde an diesem langen Abend zu einer kalten, gelegentlich leblosen Sektion eines Spinners, der in einer Welt der gescheiterten großen Entwürfe selbst nur scheitern kann. So gibt es am Ende auch keine Erlösung für den schrankenlosen Egoisten.

Peer Gynt scheint ein Typ zu sein, wie wir ihn alle kennen: unreif, hemmungslos selbstsüchtig, nachlässig gekleidet, bequem, treu-, gewissen- und reuelos. Ein saftloser Kraftmeier, ein Tagträumer und Schaumschläger, der die Realität meidet und schwelgerisch in seiner Fantasie lebt. Der vieles will und nichts ernsthaft verwirklicht. Ein Held ohne Heldentaten, ein Anti-Held, ein unerwachsener Mann. Statt Verantwortung zu übernehmen, streift er lieber durch die Wälder, träumt von einem Leben als Kaiser, schwadroniert, spinnt, lügt, will sich verwirklichen und weiß nicht wie. Viel heiße Luft, wenig Konkretes. Peer läuft vor sich selbst davon, hinaus in die Welt, zu den Trollen, nach Ägypten, Marokko, ins Irrenhaus, aufs Meer. Und sucht dort überall sein Innerstes zu ergründen.

So einen Kerl betrachtet man argwöhnisch, denn er könnte vielleicht mal mit einer Knarre losrennen und um sich schießen. Peer findet sich als Schiffbrüchiger, Goldgräber, Waffenhändler, Forscher und Prophet wieder und fragt sich am Ende seines verpfuschten Lebens: "Wo war ich selbst?"

Regisseur Bosse, der am Schauspielhaus den erfolgreichen "Faust" inszenierte, hat für die Reise des "nordischen Faust" Peer Gynt leider viel zu viel starre Bilder entworfen, die statt spielerischer Fantasie für drastische Abenteuer eher Behauptungen freisetzt. So wirkt das meiste seltsam leblos. Die Bühne von Stéphane Laimé, ein riesiger Quader aus Pappkartons, die mal auseinanderbrechen oder an die Filmszenen projiziert werden, hilft leider wenig, um die Zuschauer in die märchenhafte Welt, die doch eigentlich aus Bergen, Wüsten und Meer bestehen müsste, zu entführen. Und hatten wir nicht gerade erst einen riesigen Zeitungsberg gesehen, an den Bilder projiziert wurden? In den "Kennedys"? Fällt den Bühnenbildnern wirklich nichts anderes mehr ein? Müssen die Regisseure immer Videos zeigen, wo doch die Bühne viel mehr lebt? Und warum sind eigentlich die Kostüme (Kathrin Plath) - ausgeleierte T-Shirts und lappige Hosen - so hässlich?

Jens Harzer entwickelt seinen Peer vom einsamen Freak über den selbstbewussten Geschäftsmann zurück zum zweifelnden Mann, der am Ende seines Lebens in seinem Inneren nur das Nichts findet. Ein Kopfmensch, kein Spieler, ein Besessener, kein Beseelter. Herausragend Karin Neuhäuser als Peers handfeste Mutter Aase, die ihrem Sohn nicht traut, ihn zurechtweisen will und sich doch immer wieder in ihn verliebt. Anmutig Marina Galic als Solveig, eine Ausgestoßene wie Peer, die ein Leben lang auf ihn wartet.

Die Zuschauer applaudierten am Schluss heftig. Ganz genau wusste man nicht, ob sie nicht ihr eigenes Durchhaltevermögen beklatschten.