Thalia-Theater

80-mal "Hamlet" im 150-Sekunden-Takt

Büger erobern Bühne: Im Thalia-Theater sprachen, spielten oder sangen Hamburger den berühmten Hamlet-Monolog "Sein oder Nichtsein".

Hamburg. Einmal den "Hamlet" spielen. Wenn auch nur für zweieinhalb Minuten. 240 Hamburgerinnen und Hamburger hatte Intendant Joachim Lux eingeladen, sich etwas zur berühmten Zeile "Sein oder Nichtsein" einfallen zu lassen und das auf der großen Thalia-Bühne vor Publikum zu zeigen. "Für einen Abend geben wir den Bürgern der Stadt ihre Bühne zurück", sagte Intendant Joachim Lux zur Begrüßung.

Mit seinem Oberspielleiter Luk Perceval - er hatte die Idee zum Projekt "2BEORNOT2BE - Stadt auf die Bühne" - machte er den Anfang und sprach vor vollen Rängen und einem etwas anderen Premieren-Publikum den Monolog, knapp und komisch kommentiert von Perceval auf Flämisch.

Bereits eineinhalb Stunden vor Beginn der Vorstellung lagerten erste Besucher auf den Stufen im Eingangsfoyer. In den Gängen und Garderoben des Theaters summte es aufgeregt wie in einem Bienenkorb. Schülerinnen aus dem Marienthaler Gymnasium wurden von ihrer Lehrerin Susanna Mohr geschminkt: die eine Gesichtshälfte mit schwarzen Linien - für das Nichtsein, die andere grün - für das Sein. In einer anderen Garderobe legten sechs Damen der lateinamerikanischen Gruppe Abanico (Fächer) Lidschatten und Rouge auf. Sie wollten den Monolog durch Ausdruck und Gefühl verkörpern.

Wenig Aufwand mit großer Wirkung betrieb Rosemarie Kraft. Sie war die Erste im Reigen von etwa 80 Takes, deren Beginn und Ende ein Gongschlag markierte. Sie sang, ganz lebensfrohe Rebellin, zu Edith Piafs "No, je ne regrette rien" eine selbst verfasste Textvariation zu Hamlets Kritik an Staatssystem und Bürokratie ("Nein, ich werd euer Spielball nicht sein!") - und erntete auf Anhieb Jubel. Ilona Schnakenberg, eine Sekretärin und Clownin, belustigte mit roter Nase und Dolch, während der Produktmanager Matthias Quax den Hamlet-Text auf Italienisch, Englisch und Echt-Hamburgisch vortrug.

Wozu Shakespeares Dänenprinz die Performer inspirierte, war erstaunlich: Colin und Claudia Hausberg, auch im Leben Mutter und Sohn, parodierten Hamlets gespannte Mutter-Sohn-Beziehung als großer Magier Rodriguez, der seine Assistentin mit Säbeln durchbohrt. Ungeniert nahm der Landschaftsgärtner Georg Schellenberg mit seiner Frau Susanne die Hilfe der Zuschauer in Anspruch: Sie mussten unter viel Gekicher zwei Plastikpools über ihre Köpfe hinweg auf die Bühne zum "Hamlet"-Act hieven. Auch mehrere Schulklassen ließen sich nicht entgehen, ihre "Hamlet"-Impressionen zur Unterhaltung des bestens gelaunten Publikums zu präsentieren. Auch die Gängeviertel-Initiative nützte die Gelegenheit, mit Hamlet ein Statement über "Sein oder Nichtsein" der Künstler in Hamburg abzugeben.

Der Eröffnungsabend gehörte der "Community" - wie in großen Lettern ein Plakat im Foyer verkündete -, und es aktivierte die Bewohner, die Kunstliebhaber und auch die Möchtegern-Künstler in der hanseatischen Gemeinde in Luk Percevals unterhaltsamem Community-Projekt.

Sie feierte dann auf der Bühne den gemeinsamen, gelungenen Abend mit Party und Tanz zur Musik von DJ Excel.Pauly von der Hamburger Hip-Hop-Band Fettes Brot. Ein ungewöhnlicher und origineller Start in den nun folgenden Premieren-Marathon in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten Joachim Lux.