Erste Premiere der Ära Lux bewegte nicht sonderlich

Geschichten über die Kennedys

150 nacherzählte Jahre Familiengeschichte - für die Schauspieler gab's Beifall und Buhs für das Regie-Team.

Hamburg. Nein, das war wirklich noch nicht der große Wurf, den man vom Spielzeitbeginn unter einem neuen Intendanten erwartet: vier Schauspieler und fünf Schauspielerinnen, die dreieinhalb Stunden auf einer kreisenden Drehbühne herumlaufen und dabei Ereignisse aus dem Leben der Kennedys nacherzählen, führen eine Familie vor, die machtbesessen, diszipliniert und erfolgsgeil um sich selbst kreist. Man huscht durch die Geschichte, wechselt die Perspektive, keiner spielt nur eine Rolle oder kann die Tiefe einer Figur ausloten. So gleicht das Leben weniger einer Tragödie als einem Schweinsgalopp.

Viel zu langatmig, farblos und gleichförmig geriet die Eröffnungspremiere von Intendant Joachim Lux am Freitagabend im Thalia-Theater, zu der Regisseur Luk Perceval einen mit Malte Ubenauf und Marion Tiedtke verfassten Text über Amerikas berühmteste Familie inszeniert hat. "The truth about the Kennedys" heißt das Stück bedeutungsvoll, das man schlicht auch "Die Kennedys" hätte nennen können. Denn es kommen nicht allzu viele neue Wahrheiten an diesem Abend ans Licht. Neu war allenfalls, dass Kathleen Vaters Lieblingstochter war und Patricia die Unbeschwerteste. Eunice, die sich ihr Leben lang sozial engagierte, kommt dagegen gar nicht vor. Dass Rosemary noch lebt, ist schlicht falsch.

Das Stück reiht Fakten aus 150 Jahren aneinander und orientiert sich dabei an der Biografie über die Dynastie, die ein Cousin von Jacqueline Kennedy, John H. Davis, 1984 schrieb. Im Original heißt sie "The Kennedys - Dynasty and Disaster", auf Deutsch "Siegen! Siegen um jeden Preis". Das wäre ein Motto zur Eröffnung gewesen!

Als der Abend beginnt, ist die Bühne leer; hinten stapeln sich meterhoch Zeitungsberge (Bühne: Annette Kurz), die auch als Projektionsfeld für historische Fotos und Filme dienen. Die Akteure - von Ilse Vandenbussche in Schwarz, Weiß und Grau gekleidet - stellen die neun Kennedy-Kinder, Verwandte, Geliebte und Zeitgenossen dar; sie sind eher Boten einer mündlich überbrachten Geschichte denn lebende Figuren.

Hans Kremer, der den alten Joe Kennedy spielt, beginnt im Jahr 1849 mit der Familiengeschichte. Wer glaubt, demnächst würde hier etwas passieren, was uns an Shakespeares Königsdramen erinnert (die Perceval vor zehn Jahren so großartig im Schauspielhaus als "Schlachten" inszeniert hat), der sieht sich bald getäuscht. Denn es wird einfach immer weitererzählt, rein chronologisch. Zum Spielen bleibt da nicht viel. Die Schauspieler gehen auf der Drehbühne, mal links, mal rechts herum, sie stolpern oder breiten Papier aus. Ein Gitarrist (Lothar Müller) spielt dazu den Blues. Später werden Reden eingeblendet. Auf Englisch - die Schauspieler setzen sie englisch fort.

Nur: Die Geschichten um die legendärste amerikanische Familie sind alle bekannt und beinahe zu Tode erzählt. Schritt für Schritt werden sie hier nochmals aufgereiht, bis zum Ende von Ted Kennedy, der am 25. August 2009 starb. Hat man die ersten 50 Jahre hinter sich, beginnt man zu rechnen, wie viele noch folgen.

Das ist Dramaturgentheater. Die Wucht des Schicksals oder die Abgründe der Liebe - hier wird nur davon gesprochen. Allenfalls Bibiana Beglau, die in Clan-Mutter Rose deren religiösen Wahn und emotionale Kälte gespenstisch präzise zeigt, macht den Preis für Erfolgsdrill und Machtbesessenheit klar. Und auch Bernd Grawert, der sich als Reporter wie als Ted Kennedy atemlos und gewaltig nah an der Charge entäußert, kann seinen Figuren Profil abringen.

Das Schlimmste, was man über den Abend sagen könnte: Er wirkt wie ein abgelesener Wikipedia-Text. Das Beste: Er eignet sich sehr gut als Geschichtsunterricht für Schulklassen.

Jetzt warten wir mit den nächsten Premieren lieber auf einen kraftvollen, sinnlichen Theaterabend.