Konzert in der O2 World

Göttin der fröhlichen Zote: Heimspiel für Ina Müller

Männer, Frauen – alle kriegen ihr Fett weg. Und zwischendurch singt sie auch. Mehr als sieben Lieder schafft Ina nicht in der ersten Stunde.

Hamburg. Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, macht keine langen Sätze. „Ina Müller Göttin keine Widerrede.“ Ob der männliche Fan, der sich da vor einem Monat in einem Kommentar zu einem der vielen „Inas Nacht“-Ausschnitte auf YouTube so bündig zum Stellenwert seines Idols äußerte, außer ihren Fernsehauftritten auch schon mal eine Live-Show mit Ina Müller gesehen hat? Wenn ja, dann muss er Masochist sein. Eine derart bärbeißige, fröhlich böse, männerfressende Göttin hat die Welt jedenfalls noch nicht gesehen.

Gestern Abend, beim ersten ihrer beiden ausverkauften Heimspiele in der O2 World Hamburg, begrüßt Hamburgs erfolgreichster Rockpopkabarett-Export seine Fans mit dem Schlachtruf „Moin Hamburch! Ihr Schnullerbacken!! Ist das toll!!!“ Und entsichert dann sein loses Mundwerk für den Rest des Abends.

Mit derben Pointen gibt Ina Müller gut zwei Stunden lang immer wieder das weibliche Pendant zu Atze Schröder, sie ist die Zoten-Comedy-Queen für die Frau in den besten Jahren, also von Anfang 20 bis Ende 80.

Ein Konzert ist das nicht, jedenfalls keins, in dem Song auf Song folgt. Mehr als sieben Lieder schafft Ina nicht in der ersten Stunde. Dazwischen wird lästermäulig moderiert, was das Zeug hält, Fernsehkritik betrieben, werden Tageszeitungs- und Zeitschriften-Lesefrüchte zerquetscht, wird das Publikum ausgiebig bespaßt.

Das ist immer derb, oft auch lustig. Kostprobe: „Wer abends säuft, kann auch morgens arbeiten? Stimmt nicht. Wer abends vögelt, kann doch auch morgens nicht fliegen.“ Und Kalau ist nie weit: „Ich dachte am Anfang immer, iPad ist ‚ne Kompresse gegen dicke Augen.“ Und auch „Torsten Hansen aus der Zehnten“ bekommt sein Fett weg, weil er heute nicht mehr so aussieht wie damals.

Frau Müller haut Zoten raus, die in dem Maße männerfeindlich sind, wie zotige Männer frauenfeindlich. Als männliche Spaßbremse sei angemerkt, dass Kabarett der Ina Müller seinem Wesen nach stockkonservativ ist. Es zementiert ohne Not und augenscheinlich wider besseres Wissen angeranzte Geschlechterrollen, vor allem natürlich die von der doofen Schnullerbacke Mann. Frauenfeindlich wird sie erst, wenn aus dem Cockpit auf ihrem Flug nach München eine Nicole sie als Pilotin begrüßt. „Da helf ich mitfliegen, vier Augen sehen mehr als zwei.“ Und dreht das dumme Vertrauen in den Mann als Piloten sofort wieder um, bis der Kabarettspieß wieder fest im Männerherzen sitzt.

In der Kehle aber hat Ina Müller ein süßes Reibeisen stecken, von dem man manchmal fürchtet, es könnte vor der Zeit zerbrechen. In „Mit Mitte 20“ extemporiert sie minutenlang zu Klavierbegleitung ein Loblied auf ihren jungen Geliebten, das sich nach und nach in eine Revanche verwandelt, an all den Männern, von denen sie und ihre Altersgenossinnen, Ina Müller ist 46, sich sonst doofe Sprüche anhören müssen.

.„Fremdgeh’n“, einer ihrer besten Songs, kommt in einer schönen Unplugged-Version, mit Klavier, Bottleneck-Gitarre, Kontrabass und Filzschlägeln auf den Trommelfellen. Gipfelpunkt der musikalischen Intimität bei ihrer Band, die ansonsten, gut alt-hamburgisch gesagt, amtlichen Pop-Rock spielt, geradeaus, aber mit Seele. Ein ausführliches Rock-Medley mit Zitaten von Santana, Michael Jackson und Robbie Williams hört das Publikum im Stehen, doch der Begeisterungswahn lässt auf sich warten, ehe er dann doch groß mit Chorgesang aus der Halle heranrollt.

Man kennt sich und fühlt sich wohl

Ina Müller: Ich gehe jede Woche in die Kirche

Im ersten Lied auf Platt, „Nees im Wind“, kommt trotz mächtig dahinrockender Band eine muttersprachliche Zartheit zum Vorschein, die immer das irritierend schöne Gegengewicht zur Müllerschen Dauerderbheit war. Man wünschte sich mehr von dieser musikantischen Selbstvergessenheit, die sie auch in ihrer Fernsehshow zeigt. Ansonsten viel Selbstironie, das Alter, Sie wissen schon. Charmant verfrachtet ein Roadie die Müller, die nicht mehr hochhüpfen kann, schubkarrenartig auf dem Flügel, von dem aus sie im Schneidersitz die Rockballadenhymne für „Mama“ anstimmt, ebenfalls auf Platt. Auf der Videoleinwand hinter der Bühne dazu ein Acker-Stillleben mit Strohballen. So viel zum Kapitel Ina und ihre Heimat auf dem Dorf. Im Liebeskummerlied „Fast drüber weg“ weint und schreit die E-Gitarre von Andreas Dopp („aus Bergedorp!!“, ruft Ina) unterm Wah-Wah.

Am Ende kommt sogar der leibhaftige Weihnachtsmann und überreicht Platin für 200000 CDs von „Liebe macht taub“. Und Udo Müller, oder Ina Jürgens, lässt auch den weißen Bademantel zum Grande Finale nicht aus. Riesenparty.

Ina Müller spielt Freitagabend noch einmal in der O2 World, das Konzert ist ausverkauft.