Hamburger Kulturpolitik

Wie Kulturbeutler die Stadt kaputt sparen

Reich, aber unsexy: Kleingeistige Volksvertreter ignorieren, dass Bühnen und Museen nicht nur viel kosten, sondern sich noch viel mehr auszahlen.

Hamburg. Eine wesentliche Aufgabe der Kultur ist es, den Menschen in seiner Welt nicht allein zu lassen. Sie ist dennoch keine heilige Kuh. Viele ihrer Kälber müssen geschlachtet und Kritikern zum Fraße vorgeworfen werden, um das Publikum vor Fleischvergiftungen zu bewahren. Es ist der CDU an sich anzukreiden, dass ihr Mitglied Reinhard Stuth in Hamburg als Kultursenator einen anderen Beruf schwänzen darf, denn einen Besseren hätte sie bundesweit allemal im Angebot gehabt. Der Trost, dass Stuths Amtszeit absehbar sein wird, ist kein so rechter. Bis zur nächsten Wahl vergehen noch knapp zwei Jahre und in denen hat er bestimmt viele Gelegenheiten, seine Befähigung unter Beweis zu stellen.

In seinem Anfang lag schon fauler Zauber. Kürzung des Etats für das Deutsche Schauspielhaus und die von den Grünen - auch an sie sollte man sich bei der Wahl 2012 erinnern! - unterstützte Schließung des renommierten Altonaer Museums , Leuchtturm eines aus Sicht der in der Innenstadt regierenden Pfeffersäcke kulturfernen Stadtteils mit 640 000 kleinen und großen Schätzen der norddeutschen Geschichte - darunter Schiffe, Gemälde, Galionsfiguren. Die ab dem 1. Januar 2011 nur noch Lagerverwalter sehen und nicht mehr erlebbare Kultur vor Ort sein werden, was vor allem die trifft, deren Bildung angeblich allen so am Herzen liegt, den Kindern, den Jugendlichen.

Das trotz bekannt aktueller Schwächen nach wie vor bedeutende größte deutsche Sprechtheater , dessen Intendant feige floh vor der Staatsmacht statt zu kämpfen für sein Haus, sein Ensemble, ist durch die öffentliche Nachrede des Senators bereits so beschädigt, dass sich sogar schon aufgeblasene Schauspieler, nicht durch Zufall frei, als Intendant fürs Schauspielhaus bewerben. Claude-Oliver Rudolph versprach in seiner Bewerbung, in seinem Kulturbeutel Helge Schneider und Rammstein mitzubringen und "Remmidemmi" zu machen. So gesehen wäre die Schließung dann doch die bessere Alternative.

+++ Der Protest gegen die Hamburger Kulturpoltik: Das Dossier +++

Da dem Schauspielhaus nach den Kürzungen das Geld nur noch reicht für gerade mal zwei Neuinszenierungen pro Jahr, denn plus minus 80 Prozent des Etats werden wie in fast allen anderen deutschen Opernhäusern und Theatern benötigt für Personal und Verwaltung, könnte an spielfreien Abenden das Polizeiorchester der Hansestadt das Haus als Probebühne nutzen. Dieser Kulturkörper, offenbar unbemerkt von der Öffentlichkeit als Kulturbotschafter der Hansestadt bekannt, muss nicht abspecken. Die 1,5 Millionen Euro pro Jahr, die das Orchester kostet, hat der Erste Bürgermeister Christoph Ahlhaus als unantastbar bezeichnet. Wenn die aufspielen, sei das irgendwo schließlich auch Kultur; zumindest für ihn, was nichts über das Orchester sagt, aber doch einiges über ihn.

Wozu überhaupt Theater? Ganz einfach. Es "entzückt, berührt und erregt, es langweilt und peinigt uns seit mehr als 2500 Jahren. Dafür lieben und verfluchen wir es", schreibt der sprachgewaltige "FAZ"-Autor Gerhard Stadelmaier, von vielen innig geliebt, von vielen wegen seiner gnadenlosen Verrisse verflucht, in seinem Buch "Parkett, Reihe 6, Mitte". Die Geliebte Kultur hat leidenschaftliche Liebhaber, aber keine Lobby. Nicht nur in Hamburg. Für zu viele Politiker in vielen deutschen Rathäusern, nicht angekränkelt von der Gedanken Blässe, stammt Kultur von Kolter ab. So nannten einst Bauern die Messer vor ihren Pflügen, mit denen sie ihre Felder umpflügten. In dieser Tradition werden heute Kulturlandschaften von Kulturbeutlern so lange umgepflügt, bis sie brachliegen. Dass Kultur hergeleitet werden muss von colere, was so viel bedeutet wie pflegen, hegen, behüten, ist ihnen fremd.

Jahr für Jahr wird das weite Feld mit acht Milliarden Euro Subventionen gedüngt. Das scheint viel, macht aber pro Kopf der Gesamtbevölkerung nur 100 Euro aus. Kluge Kommunalpolitiker, die es gibt in Stuttgart, der neuen deutschen Hochburg bürgerlicher Protestkultur mit dem Volksbühnenstück Der Bahnhof bleibt oben", oder in Dresden, in München, in Frankfurt, in Berlin, investieren in Kultur und kürzen sie nicht, weil sie wissen, es ist unter dem die Theater und Museen und Opernhäuser abendfüllenden Titel "Return on Investment" ein Erfolgsstück. Wer an Kultur spart, muss künftig nämlich mit Mindereinnahmen anderer Art rechnen. Weniger Kultur bedeutet weniger Kulturtouristen, bedeutet mehr Arbeitslose im Hotelgewerbe, in Restaurants, in Taxiunternehmen usw.

Kultur ist nicht nur besonders wertvoll, sie ist auch mehr wert, denn sie schafft Mehrwert. Das verschuldete Berlin subventioniert neben vielen Theatern und Museen gleich drei Opernhäuser. 1,8 Milliarden Euro an Steuern nimmt die Stadt jährlich durch Tourismus ein, und die Touristen nannten bei fünf von sieben Gründen die Kultur als Anlass für ihre Reise. Was umgerechnet bedeutet, dass Berlin ohne seine kulturellen Preziosen 1,25 Milliarden Euro weniger Steuereinnahmen hätte, jedwede Kürzung also dumm wäre. Und so blöde wie die Hamburger, die ja angeblich als gewiefte Kaufleute besser rechnen können, sind die Berliner nicht. Vor allem ihr Kulturstaatsrat André Schmitz nicht, der sich auf seinen die Kultur schützenden Bürgermeister Klaus Wowereit verlassen kann. So hatte sich einst auch die Hamburger Kultur auf ihre gebildeten Bürgermeister Klose, Dohnanyi, Voscherau und Runde verlassen können.

Nun sind sie verlassen. In der Hansestadt wird für die Kultur seit drei Jahren ein Kaispeicher zum Konzerthaus umgebaut. Bürger der Stadt spendeten für die Vision Elbphilharmonie 50 Millionen Euro. Die Stadt soll den Rest übernehmen. Inzwischen ist dieser Rest explosionsartig angewachsen auf bislang 350 Millionen. Größenwahnsinnige Stadtpolitiker, die vom künftigen kulturellen Leuchtturm schwafeln, haben die bestehenden stadteigenen Einrichtungen der Kultur außer beim Weihnachtsmärchen in ihrer Kindheit nie betreten, halten den "König der Löwen" deshalb für bärenstarke Hochkultur, en suite auch für die Staatsoper geeignet und wahrscheinlich Veronica Ferres für die schaumgeborene Nachfolgerin von Marlene Dietrich, obwohl sie nicht vom mythischen Zauber einer Diva umgeben ist, sondern nur von Herrn Maschmeyer aus Hannover.

Kultur ist zwar Ländersache, und deshalb können die Artisten vom Berliner Jahrmarkt der Eitelkeiten guten Gewissens ihre Hände in Unschuld waschen und ihre Freizeit damit verbringen, sich auf Events blicken zu lassen, wo die ihnen liebste Kultur gepflegt wird: freie Verköstigung und Getränke. Wer Kulturetats kürzt oder Kultureinrichtungen ganz schließt, muss nicht befürchten, dafür von wählenden Bürgern entscheidend bestraft zu werden. Die sind in der Minderheit und dürften im Kern etwa 200 000 Menschen umfassen, etwa so viele, wie sich täglich in der ebenfalls brach real existierenden TV-Kulturlandschaft eine Oase namens Kulturzeit auf 3sat aufsuchen.

Ohne freie Kultur stirbt die Demokratie. Eine Binsenweisheit. Aber jede Binse hat einen weisen Kern. Die Vermutung, Volksvertreter müssen nicht besser sein als das Volk, das sie vertreten, ist im Kern zwar richtig, aber an sie dürfen doch andere Maßstäbe gelegt werden. Gebildete Abgeordnete sollten ehrenamtlich Fortbildungskurse in Sachen Kultur anbieten. Die könnten organisiert werden wie die Treffen der Anonymen Alkoholiker. Da schämt sich angesichts der Schwächen der anderen auch keiner seiner eigenen und bekennt sich. Die Reihe könnte unter dem Motto der erfolgreichsten Aufklärungsserie der TV-Geschichte stehen, der "Sesamstraße": Wieso, weshalb, warum? - wer nicht fragt, bleibt dumm.

Beispiele: Was ist eine Symphonie? Wieso besteht die aus mehreren Sätzen? Wann ist sie zu Ende? Warum unterscheiden sich brechtsche Dramen von denen Goethes? Welche 20 Romane der Weltliteratur sollte ein Parlamentarier gelesen haben? Weshalb wurde einst im Theater beim Satz ,Sire, geben Sie Gedankenfreiheit' in der ersten und in der zweiten deutschen Diktatur geklatscht? In welchem Stück? Geschrieben von wem? Wer gehört zu den Impressionisten, wer zu Expressionisten, wer zu den Abstrakten, und in welchen Museen in Berlin kann man ihre Werke anschauen? Woran stirbt die Sängerin in "La Bohème"? Von welchen Musikgruppen außer den Puhdys und den Scorpions sollten Sozialdemokraten schon gehört haben, und warum haben beide nichts mit Rock 'n' Roll zu tun?

Viele Politiker sind geradezu stolz darauf, wenn sie mit Mitleid heischendem Unterton, "würde ja gern, kann aber nicht", immer wieder beteuern, leider fehle ihnen die Zeit, um Bücher zu lesen, Filme anzuschauen, ins Konzert zu gehen, ins Theater, in die Oper, in eine Ausstellung. Sie müssten sich stattdessen ums große Ganze kümmern - und um kleinere Probleme in ihren Wahlkreisen. Es handelt sich dabei um eine politisch kulturelle Verwahrlosung, nicht etwa einfach um eine moralische, die an Namen wie dem ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel oder dem gefeuerten Hypo-Real-Estate-Manager Georg Funke festgemacht werden kann; am ehemaligen Baulöwen Jürgen Schneider, der schamlos nach seiner Haftentlassung mit seinen Memoiren durchs Land zog, statt sich schweigend zu schämen dafür, dass er so viele kleine Handwerker in die Pleite gerissen hatte.

Ab und zu aber, Heureka!, wird die politische Bühne von einem Kultur-Spot beleuchtet, dann treten einzelne Volksvertreter ins Licht und geben ihre kulturelle Identität preis. Peer Steinbrück kennt nicht nur jeden Roman von John le Carré, er sitzt persönlich in der ersten Reihe, wenn der sein neuestes Werk vorstellt, und unterhält sich anschließend mit dem Schriftsteller bis zum frühen Morgen in einem Restaurant in St. Georg. Wolfgang Schäuble suchte und sucht Abstand zum Tagesgeschäft Politik, wann immer es möglich ist, im Parkett eines Theaters. Klaus Wowereit nimmt sich Zeit für Opern und eben nicht nur für Modenschauen. Angela Merkel erfüllt zwar ihre Pflichten, wenn sie bei den Bayreuther Festspielen dem wartenden Volk zuwinkt, sie freut sich aber wirklich auf Wagners Opern, so wie sie in Berlin jede Gelegenheit nutzt, ein Konzert zu besuchen. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat schon als Stadtrat von Bochum keine Peter-Zadek-Inszenierung versäumt, die unmittelbare Konfrontation auch mit ihn zunächst tief verstörender real existierender Kultur prägt seine gebildeten gelassenen Reden bis heute. Gregor Gysi sieht in Thomas Manns Roman "Zauberberg", ein "Jahrhundertbuch, die Beschreibung einer ganzen Welt" und schwört auf Beethoven. Guido Westerwelle sammelt wie Gerhard Schröder moderne Kunst.

Im Bundestag setzte über Parteigrenzen hinweg Beifall ein, als Angela Merkel in ihrer ersten Regierungserklärung betonte, dass Kultur keine Subvention sein soll, sondern eine "Investition in ein lebenswertes Deutschland", Politik niemals für Kunst verantwortlich sei, aber für die Bedingungen, unter denen sie stattfindet. Sie sollte ihrem Hamburger Parteifreund Stuth mal die Leviten lesen - falls er Zeit für sie hat und sich nicht gerade von seinem Fahrer durch die Stadt kutschieren lässt auf der Suche nach einem Museum oder einem Theater, das er im Namen des Volkes schließen kann.

Wenn Politiker wüssten, dass Kultur prachtvolle Nebenwirkungen hat, würden sie noch einmal nachdenken. Denn Kultur und Bildung schützen bei Alzheimer. Nicht vor der Krankheit, nicht vor den Todesboten im Gehirn, nicht vor dem schleichenden Verlust der eigenen Biografie. Aber wie eine in der englischen Fachzeitschrift "Brain" veröffentlichte Studie belegt, kommen gebildete Menschen, die an Alzheimer erkranken, mit den Folgen der veränderten Lebensumstände besser zurecht als Kulturferne, brauchen weniger Medikamente, weniger Pflege, weniger ärztliche Betreuung. Kultur senkt also nachhaltig die Kosten im Gesundheitssystem. Sie lässt tatsächlich den Menschen in seiner Welt nicht allein.