Theater Hamburg

Ehemalige Intendanten gegen Etat-Kürzung am Schauspielhaus

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Die ehemaligen Schauspielhaus-Chefs sind entsetzt über die angekündigten Kürzungen. Baumbauer: "Hamburger, bitte wehrt euch!"

Hamburg. Alle sechs noch lebenden ehemaligen Schauspielhaus-Chefs protestieren im Abendblatt (Montagausgabe) gegen die angekündigten Etatkürzungen am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. „Sperrt den Senat ins Millionengrab Elbphilharmonie – bis sich die Gedanken wieder zur Kultur der Verhältnismäßigkeit geordnet haben!" fordert Niels-Peter Rudolph und Frank Baumbauer bittet: „Liebe Hamburger, bitte wehrt Euch!"

Prof. Dr. Ivan Nagel (1972-1979)

"Erste Bürgermeister sind offenbar leicht auszutauschen. Für den Leiter einer künstlerischen Institution gilt das nicht. Der Intendant ist der Künstler hinter den vier Dutzend Künstlern, deren Phantasie und Arbeit den Kern eines Theaters ausmacht. Er sucht die Schauspieler und Regisseure, Bühnenbildner aus, deren Gemeinsamkeit erst Kunst hervorbringt. Generalintendanz mit (angeblich) erhaltener Individualität von zwei Häusern heißt: den Intendanten als doppelköpfiges Ungeheuer sich vorstellen. Doppelköpfige Wesen sind, die Natur lehrt es, äußerst kurzlebig und bringen der Tier- oder Menschenwelt wenig Nutzen. Mit der irren Idee, Schauspielhaus und Thalia zusammenzulegen, haben sich kunstfremde und sparwütige Politiker oft beschäftigt. Sie würde Hamburg im Vergleich zu Berlin (Deutsches Theater, Berliner Ensemble, Volksbühne usw.) und München (Residenztheater und Kammerspiele) zur aussichtslosen Provinz machen. Dieser Zweck ist natürlich auch durch die Halbierung des künstlerischen Etats zu erreichen."

Niels-Peter Rudolph (1980-1985)

"Nun ist das Schauspielhaus dran und soll geköpft werden! Es ist nicht zu fassen. Die Beliebigkeit und kulturpolitische Inkompetenz, mit der jeden zweiten Tag ein neuer Zerstörungsplan gegen gewachsene Kultur in die Hamburger Welt gesetzt wird, ist gedankenlos gelebte Fahrlässigkeit. Es gibt anscheinend in den verantwortlichen Köpfen zur Zeit keine zukunftsbewusste, menschenbezogene Perspektive für das, was einen Teil des Generationenvertrags in einer lebendigen Metropole ausmachen sollte. Das Schauspielhaus ist von weitdenkenden Hamburger Bürgern für uns alle gegründet worden. Es ist einfach unanständig, es nun zur Verfügungsmasse tagespolitischer Winkelzüge zu machen. Wir wollen uns das nicht gefallen lassen! Sperrt den Senat ins Millionengrab Elbphilharmonie – bis sich die Gedanken wieder zur Kultur der Verhältnismäßigkeit geordnet haben!"

Michael Bogdanov (1989-1991)

"Wenn 90 Prozent der Kosten eines Hauses Fixkosten sind wie beim Schauspielhaus, ist es immer die künstlerische Seite, an die die Axt gelegt wird – Schauspieler, Kostüme, Bühnenbilder, etc. Anders gesagt: Um kleines Geld zu sparen, wird das künstlerische Herz eines Theaters kaputtgemacht. Natürlich spielt das Schauspielhaus weiter – aber wie sehr geht das alles auf Kosten der Qualität? Hilft eine Generalintendanz? Nein – das wäre ein Witz. In England sind die Äquivalente zum geretteten Polizeiorchester die Militärkapellen, die mehr Zuschüsse bekommen als alle Kulturetats. Hamburg hat eine lange Geschichte kulturell ungeschickter Politiker, die gern die gesamte Kultur privatisieren würden. Aber wenn man die Zuschüsse wegnimmt, würde Theater reduziert auf eine endlose Magerkost von Musicals und Dingen, die auf schnellen Gewinn aus sind. Und beim Theater für junge Leute zu sparen – das wäre auf Dauer erst recht nicht wirtschaftlich gedacht."

Gerd Schlesselmann (1992-1993, kommissarisch)

"Eine Generalintendanz für Schauspielhaus und Thalia wäre das mieseste, was überhaupt stattfinden kann. Die Qualität beider Häuser besteht doch darin, dass sie im Wettbewerb stehen – seit Gobert und Nagel ist das so. Es sind zwei erstklassige Häuser, wie in München die Kammerspiele und das Residenztheater. Das ist völliger Blödsinn und spart nicht mal viel ein. Ohnehin ist jede Einsparung in der Kultur Unsinn, besonders, wenn man den kleinen Hamburger Kulturetat anschaut. Die Theater sind ja permanent bespart worden. Jetzt aber gefährdet man Projekte wie das Junge Schauspielhaus, die richtig gut laufen – also eine Erfolgsabteilung. Wenn, wie es heißt, durch die Kulturtaxe noch Geld in den Etat fließt, müsste der Senator doch gar nicht sparen!"

Frank Baumbauer (1991-2000)

"Das Hamburger Schauspielhaus ist das Theater! Erfolge waren oft richtungweisende Triumphe, Niederlagen meist Katastrophen. Ein Mittelmaß, ein Durchwursteln, wie es einst ein 1. Bürgermeister der Hansestadt, ebenfalls von Sparaktivismus getrieben, gerne gesehen hätte, war nicht möglich. Dieses Hamburger Theater schmiegte sich nie homogen in Strömungen ein, und wenn Intendanten diesen mutlosen Weg beschritten, wurde schnell offensichtlich, dass die Hamburger gerade dies eben nicht wollten. Es bedurfte immer des Besonderen! Und alle, die den Mut fanden, wurden belohnt: Spieler und Besucher, das Kulturleben der Stadt.

Das Hamburger Schauspielhaus ist die schönste und größte Herausforderung unter allen deutschsprachigen Theatern. Das Theater nun klein zu stutzen ist nicht der Wille der Hamburger. Diesen Auftrag hat die Politik nicht bekommen. Der Senat prügelt auf die Kultur ein, vernichtet sie, ist zynisch. Liebe Hamburger, bitte wehrt Euch, es ist Euer Schauspielhaus, nicht das eines kopflosen Senats auf Zeit. Wollt Ihr wirklich zusehen, wie Euer Schauspielhaus, vor kurzem noch einer der Leuchttürme der Stadt, dichtgemacht wird? Bitte wehrt Euch. Bitte."

Tom Stromberg (2000-2005)

"Die geplante Kürzung von 1,2 Millionen Euro für das Schauspielhaus ist ein beispielloser Vorgang in der Hamburger Kulturpolitik – dieses Theater so zu beschädigen, das lässt nur noch kalte Wut zu. Wut auf wen? Auf die Grünen. Denn das ist am überraschendsten für mich, dass sich die Grünen einspannen lassen für diese Katastrophe. Sie sollten jetzt „Stopp!“ rufen zu den Plänen ihres Koalitionspartners. Und Wut auf den Kultursenator, der das Ausmaß dieser von ihm mitgetragenen Entscheidung wohl noch nicht ermisst. Kultursenatoren waren Partner der Künstler, sie sollten es bleiben. Hamburger, haltet ein mit diesem Wahnsinn! Im Herzen eurer Stadt steht das Theater, dessen Siege und Niederlagen zum Grandiosesten zählen, was man in der deutschen Theaterlandschaft kennt!"