Kino

"Jud Süß": Satirisches Melodram mit Gegenwind

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Heinrich Oehmsen

Foto: Concorde Film

Die Neuverfilmung des Nazi-Propagandafilms "Jud Süß" entlarvt die Lebenslüge des damaligen Regisseurs Veit Harlan.

Hamburg. "Keiner will den Juden spielen", notierte Joseph Goebbels am 23.11.1939. Kaum verwunderlich, denn die Rassengesetze der Nationalsozialisten waren seit Jahren gnadenlos umgesetzt worden, mit Verhaftungen und Deportationen. Jüdische Künstler hatten Deutschland massenweise verlassen, um der Verfolgung durch das Nazi-Regime zu entgehen. Der Propagandaminister, unter anderem für die Filmproduktion zuständig, plante einen antisemitischen Film, um weiterzuhetzen. Doch Goebbels wollte keine billige Propaganda, sondern einen subtilen künstlerischen Film. Schließlich fand er den österreichischen Schauspieler Ferdinand Marian. Der gehörte bis dahin zwar nur zur zweiten Garde, aber Goebbels konnte ihn zwingen, die Titelrolle in "Jud Süß" anzunehmen, nachdem andere Kandidaten abgesagt hatten.

70 Jahre nach der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig beschäftigt Oskar Roehler sich mit dem erfolgreichsten Film der Nazi-Zeit und seiner Entstehung. Am Donnerstag startet sein "Jud Süß" . Doch bereits bei der Premiere auf der Berlinale blies dem Regisseur ein Sturm der Empörung ins Gesicht. "Geschichtsfälschung" wurde ihm vorgeworfen. "Wir haben uns an ein heikles Thema gewagt. Wenn man einen Film 'Jud Süß' nennt, tun sich sofort Gräben auf. Mit den negativen Kritiken sollen wir dafür gestraft werden, wie wir den Film gemacht haben", sagte er. Roehler hat "Jud Süß" eben nicht als dokumentarisches Geschichtsdrama angelegt, wie das viele seiner Kritiker gern gesehen hätten, sondern als hochkarätig besetztes Melodram mit leicht satirischer Überhöhung.

Dem Regisseur wird vorgeworfen, dass er Marians Frau zur "Vierteljüdin" gemacht hat, was in der Tat historisch nicht korrekt ist. Die Frau des Schauspielers war in erster Ehe mit einem Juden verheiratet und hatte mit ihm einen Sohn. Doch Roehler ging es in seinem Film darum, die besondere Atmosphäre der nationalsozialistischen Filmwelt einzufangen, in deren Zentrum Goebbels stand. Und das ist ihm gelungen. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" ist das ungleiche Duell zwischen dem mächtigen Nazi-Führer (gespielt von Moritz Bleibtreu) und dem Schauspieler vom Typ schmieriger Vorstadt-Casanova (Tobias Moretti).

Roehler und sein Drehbuchautor Klaus Richter schaffen ein Klima, das sich dicht an historischer Realität orientiert, und sie gehen der Frage nach, wie der Einzelne sich in diesem System verhält. "Diese Figuren werden im Kontext einer Geschichte gezeigt. Wir werden dafür kritisiert, dass wir interpretieren. Aber das ist legitim, weil man Dinge erzählen darf, auch wenn sie nicht dokumentiert sind", sagt Moritz Bleibtreu, der Goebbels als eitlen Narziss spielt. "Die Figur ist eine Metapher für Verführung und Boshaftigkeit."

Wer sich dem System der Nazis anpasste, konnte sehr schnell Karriere machen, zumal viele erstklassige jüdische Künstler emigriert waren und große Lücken hinterlassen hatten. Zudem lockte das Regime mit exorbitanten Gagen und Sondervergünstigungen. Sehr begehrt waren persönliche Einladungen in das Haus des Propagandaministers, der es liebte, sich mit Künstlern, besonders aus der Filmbranche, zu umgeben. Schauspieler und Regisseure wurden im Nationalsozialismus hofiert, es gab einen richtigen Starkult. Roehler zeigt in seinem Film eines dieser Feste und das anbiedernde Verhalten der Gäste. Joseph Goebbels sah Künstler wie seine Kinder: "Sie möchten am liebsten vom Staat in Ruhe gelassen werden und nur seine Gelder und seine großen Aufträge einstreichen", schrieb er in seinen Tagebüchern.

Zu den Tätern gehört indes Veit Harlan , der Regisseur des Propagandafilms. Justus von Dohnanyi spielt ihn als einen schleimigen Günstling. Harlan war einer der wichtigsten Regisseure der Nazis, Goebbels lobte ihn ausdrücklich für die "Menge guter Ideen", die er zum Drehbuch beigesteuert habe. Harlan wurde 1949 in Hamburg wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, doch der Vorsitzende Richter Walter Tyrolf, selber tief in die NS-Justiz verstrickt, sprach ihn frei. In einer starken Szene in Roehlers Film erklärt Harlan zusammen mit seiner Frau Kristina Söderbaum im Gespräch mit Journalisten, er sei gezwungen worden, den "Jud Süß" zu drehen, während er dabei Filmrollen in ein Feuer wirft. "Ich war nur ein Werkzeug Goebbels'", hat Harlan immer wieder beteuert. Roehler fängt hier wirkungsvoll ein, was viele Künstler, die mit den Nazis paktiert haben, später in ihren Memoiren zum Besten gaben: Sie seien gänzlich unpolitisch gewesen und wären insgeheim immer gegen das Regime gewesen. In vielen Fällen waren das nur Lebenslügen von Opportunisten, die einfach weggesehen haben.

Ferdinand Marian wird in Roehlers Melodram als opportunistischer Mitläufer gezeigt, der an seiner Rolle zerbricht, sich in den Suff flüchtet und 1946 Selbstmord begeht, indem er mit dem Auto gegen einen Baum kracht. Auch das entspricht nicht ganz den Tatsachen, denn die Umstände von Marians tödlichem Unfall sind nie geklärt worden. Diesen freien Umgang mit der Historie verteidigt Roehler mit der Haltung seines Films: "Der Subtext unseres Films sagt: Wer opportunistisch um beruflichen Erfolgs und Wohllebens willen den Verlust menschlichen Anstands in Kauf nimmt, verliert seine Seele und wird zum 'Dead Man Walking'."