Johannes Heesters

"Inselkomödie": Beim Barte des Bizarren

Hochhuths Theaterstück "Inselkomödie" wird im Berliner Theater am Schiffbauerdamm zur würdelosen Hirnfolter mit Johannes Heesters.

Berlin. Als sich Rolf Hochhuth entschied, den 106 Jahre alten JohannesHeesters für sein Stück "Inselkomödie" im Berliner Ensemble zu verpflichten, führte er damit, vermutlich ohne es zu wissen, eine unselige Tradition des Hauses fort. Denn hier sind schon oft greise Schauspieler in unwürdigster Weise zur Begaffung freigegeben worden. Heiner Müller ließ in seiner Inszenierung von "Duell/Traktor/Fatzer" 1993 den damals 92-jährigen Erwin Geschonneck im Rollstuhl auf die Bühne schieben, nur damit er einen einzigen Satz sagen konnte. Drei Jahre später ließ es der Regisseur und angebliche Marianne-Hoppe-Verehrer Werner Schroeter zu, dass die 87-jährige Hoppe sich in seinem "Monsieur Verdoux" mit Dutzenden von Texthängern zum Gespött des Theaters machte. Das konnte dem 93-jährigen Bernhard Minetti 1998 in Robert Wilsons "Ozeanflug"-Inszenierung nicht mehr passieren, denn nach einem Schlaganfall war seine Stimme so schwach, dass sogar sein einziger Satz "Ich bin der Nebel" vom Band eingespielt werden musste, während der alte Schauspieler bewegungslos auf einem Stuhl saß.

Verglichen mit all diesen jungen Hüpfern schneidet Heesters ziemlich gut ab. Zwar kann auch er nur noch sitzen, aber er spricht den Prolog zu Hochhuths Lustspiel wohlartikuliert und textsicher, was man nicht von allen Darstellern der anschließend beginnenden "Inselkomödie" behaupten kann. Den intelligenteren unter ihnen möchte man auch zugestehen, dass ihr Hirn vielleicht unbewusst Widerstand gegen den Schmarrn, den sie da auswendig zu lernen hatten, leistete.

Hochhuths Stück entstand 1974, und es gehört eindeutig zu seinen besseren - was aber nicht viel besagt. Hochhuth hatte damals getönt, er wolle mit "Lysistrate und die Nato" (so hieß das Lustspiel damals noch), das die Handlung von Aristophanes' 411 v. Chr. uraufgeführter "Lysistrata" in die Moderne verlegt, an die heidnische Sinnenfreude der alten Griechen anknüpfen. Über die Geschichte einer linken Parlamentsabgeordneten, die die Frauen einer griechischen Insel dazu bringt, in den Sex-Streik zu treten, um zu verhindern, dass ihre Männer Land für eine US-Militärbasis verkaufen, schrieb damals Deutschlands größter Theaterkritiker Benjamin Henrichs: "Hochhuth kann sich sein pansexuelles Paradies offenbar nur als gigantisches Bordell (mit freiem Eintritt) vorstellen. Sein Freiheitstraum ist eine Spießerutopie." Folgerichtig wurde das Stück schon ein Jahr später im Spießerstaat DDR am Volkstheater Rostock aufgeführt und auch gerne mal im Fernsehen gezeigt. Immerhin kämpfte Lysistrate gegen das, wogegen man sich auch in der DDR stemmte: die Nato.

Mittlerweile ist die Nato als Feindbild ein bisschen verblasst, und auch Griechenland hat ganz andere Sorgen als das Militärregime (dessen Putsch am Ende des Stücks in Athen stattfindet) und US-Militärbasen. Witze über Franz Josef Strauß, die schon bei der Uraufführung 1974 in Essen gestrichen waren, versteht jetzt erst recht niemand mehr. "Obristen" hält der Großteil des Publikums wahrscheinlich für Musiker, die ein bizarres Holzblasinstrument spielen. Sogar Hochhuth muss gespürt haben, dass seine Botschaft eine neue Verpackung brauchte. Und so ließ er die "Inselkomödie" von dem jungen Komponisten Florian Fries zum Musical umarbeiten - das Musical war ja schon immer das perfekte Genre für Spießerutopien.

Fries' Musik und die teilweise sehr ordentlichen Gesangsleistungen (Isabell Dörfler, die die Kellnerin Kalonike gibt, hat schon viel in echten Musicals gesungen) sind noch das Erträglichste an diesem Abend. Zur Hirnfolter wird er dadurch, dass überwiegend grauenvolle Schauspieler (Caroline Beil spielt die Lysistrate) Hochhuths ranzigen Genitalquark aufsagen müssen. Offenbar glaubte er bei der Niederschrift, die Zoten seien ein griechischer Stamm gewesen. Und nahm dieses kulturelle Missverständnis als Freibrief dafür plump über wackelnde Ärsche und schmerzende Ständer zu witzeln.

Die "Inselkomödie" spielt in einer Taverne. Deshalb tritt "Lindenstraßen"-Wirt Kostas Papanastasiou als Kneipenbesitzer und Lysistrates Vater auf. Immerhin ist ²er ein echter Grieche. Andere Qualifikationen lässt er zwar nicht erkennen, aber wenigstens musste man ihm keinen Schnäuzer aus Besenhaar ankleben, um ihn einigermaßen echt wirken zu lassen.

So aufgesetzt wie dieser Bart des Kellners Stavros (Jan-Andreas Kemna) wirkt alles "Griechische" an der Aufführung. Udo Jürgens' ein Jahr nach der "Inselkomödie" entstandenes Lied "Griechischer Wein" erscheint dagegen wie ein authentisches Volkslied.

Hochhuth darf jedes Jahr im Sommer ein Stück im Berliner Ensemble aufführen, weil das Haus am Schiffbauerdamm seiner Ilse-Holzapfel-Stiftung gehört. Und alle Jahre wieder, wenn er genug Geld zusammenbekommt, wird die hochhuthsche Selbstbeweihräucherung ein Desaster. 2009 gelang es dem Intendanten Claus Peymann, die Aufführung wegen versäumter Anmeldefristen zu verhindern. Etwas Größeres hatte Peymann fürs Theater lange nicht mehr geleistet. In diesem Jahr durfte das Verhängnis ungebremst seinen Lauf nehmen. Nur Menschen mit der Zivilcourage einer modernen Lysistrate könnten die Fortsetzung des Grauens verhindern. Da ein Sex-Streik beim hohen Alter der Hauptbeteiligten (auch Hochhuth ist schon 79) womöglich wirkungslos bliebe, wäre ein Pflegestreik vielleicht das geeignete Mittel.