Konzert im Michel

"Das coolste Konzert, das ich je gemacht habe"

700 Sängerinnen und Sänger live in einer Kirche: Komponist Eric Whitacre, der NDR Chor und Hunderte Laiensänger verzaubern den Michel.

Hamburg. "Das ist bei Weitem das verrückteste und coolste Konzert, das ich je gemacht habe", sagte Eric Whitacre gleich zur Begrüßung. Und das will was heißen: Whitacre, der lässig-coole Komponist aus den USA, quasi der Brad Pitt des Chorsingens, hat schließlich schon so einiges ausprobiert. Einen virtuellen Chor zum Beispiel, in dem er Sänger aus aller Welt via YouTube zu einem multinationalen Internet-Ensemble zusammenfügte. Aber 700 Sängerinnen und Sänger live in einer Kirche, wie jetzt im proppevollen Michel - das war selbst für ihn noch Neuland.

Es war ein mutiges Experiment, auf das sich der NDR Chor da eingelassen hatte: Einen Meister des Chorsingens einzufliegen und Menschen aus ganz Deutschland einzuladen, die vorher noch nie miteinander gesungen haben. Einfach so. Bei den Mitsingkonzerten des Berliner Rundfunkchors spielt immerhin noch ein großes Orchester mit - ein zuverlässiges Back-up, falls mal die Intonation wackelt. Aber mit rund 600 Laien a cappella zu singen, also ganz ohne Netz und doppelten Boden, das ist schon ein anderer Schnack. Seien wir ehrlich: Das hätte auch in die Hose gehen können.

+++ Whitacres virtueller Chor +++

+++ Der David Garrett des Chorgesangs +++

Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Es war schon erstaunlich, wie gut die Koordination zwischen den riesigen Stimmgruppen funktionierte. Auch dank der guten Vorbereitung: Eine Woche zuvor hatte der Hamburger Chorleiter und Hochschulprofessor Cornelius Trantow mit der Hälfte der Laiensänger geprobt, die ihrerseits teilweise schon in eigenen Ensembles geübt hatten. Am Vorabend des Konzerts gab es dann noch einen Workshop mit Whitacre selbst.

Der smarte kalifornische Sonnyboy - schwarzer Anzug, weißes Hemd, blondes Haar - stand auf der Nordempore des Michel; seine weich fließenden Bewegungen waren auf einer riesigen Leinwand für alle sichtbar und gaben der Musik ihren Puls. Der schlägt meistens eher ruhig, Eric Whitacre bevorzugt die maßvollen und meditativen Tempi.

Damit passt seine Musik ideal in die wolkige Akustik der Kirche: Sie lässt seinen weiten Klangflächen mit ihren bittersüßen Harmonien viel Raum. Und auch wenn die eine oder andere Stimme im ersten Stück, "Lux aurumque", noch ein klein wenig zittrig wirkte, war schon hier jenes wohlige Strömen zu spüren, das Chormusik so unvergleichlich macht. Wenn die individuellen Farben und Schwingungen von ganz unterschiedlichen Menschen zu einem einzigen Klang verschmelzen, dann hält die Haut diesen Klang nicht auf. Sie leitet sie direkt in den Körper. Auch bei den Hörern, die teilweise mit geschlossenen Augen in das vokale Klangbad eintauchten. Wären Menschen wie Katzen - die Kirchenbänke hätten wahrscheinlich mehr als einmal unter einem kollektiven Schnurren vibriert.

Einen Teil des Konzerts bestritt der NDR Chor alleine, einen weiteren gemeinsam mit Gesangsstudierenden. Diese Abschnitte nutzte Whitacre, um das Programm mit Werken anderer Komponisten anzureichern: darunter eine Psalmvertonung von Charles Ives, die Frauen- und Männerstimmen in unterschiedlichen Tonarten übereinanderschichtet, und drei Spirituals, bei denen die Sänger auch solistisch glänzten. Stark etwa die authentische Gospelfärbung des Tenors Tim Evans.

+++ Eric Whitacre - A Boy and a Girl +++

Die Präzision und Geschlossenheit des NDR Chors erreichte das siebenhundertköpfige, auf mehrere Emporen und zwei Ebenen verteilte Riesenensemble natürlich nicht - zumal hier Sänger aus den unterschiedlichsten Ecken der Hamburger Chorlandschaft aufeinandertrafen. Selbst aus Bayern waren Menschen angereist. Der NDR Chor hatte sie auf verschiedenen Wegen zusammengetrommelt: Da saßen Teenies aus Schulchören neben Sopranistinnen mit abgeschlossenem Gesangsstudium und Mitgliedern von Seniorenkantoreien.

Trotz der bunten Vielfalt war das künstlerische Niveau bemerkenswert hoch. Weil auch die Nicht-Profis sehr genau aufeinander hörten und Whitacres Gestaltungswünschen aufmerksam folgten. So entstanden mehr als einmal Momente von berückender Schönheit, gerade an den vielen leisen Passagen, die Whitacre besonders auskostete und mit beseeltem Lächeln genoss.

Auf der anderen Seite kann so ein Massenchor eine elementare Kraft entfalten. Schier atemberaubend geriet etwa die große Steigerung in dem Stück "Cloudburst" von 1991. Dort hat Whitacre die Erfahrung eines Wolkenbruchs in Töne gekleidet: Er vermischt die Gesangsstimmen mit Fingerschnipsen und Händeklatschen zu täuschend echten Regengeräuschen und lässt ein musikalisches Gewitter aufziehen, bei dem die große Trommel wie ein leibhaftiger Donner kracht und grollt. Krawuuuumm! Diese Klänge inmitten eines gewaltigen Surroundsounds von mehreren hundert Sängern zu spüren, war fast beängstigend. Das ging durch Mark und Bein.

Der musikalische Wolkenbruch bescherte Whitacre übrigens auch den internationalen Durchbruch. Seit diesem Erfolg gehört der 42-jährige Kalifornier zu den begehrtesten Komponisten der Gegenwart. Die meisten seiner Stücke sind deutlich weniger rau als das geniale "Cloudburst" und gehen sehr geschmeidig ins Ohr - das sei doch sehr gefällig, urteilen manche Kritiker. Whitacre dirigierte aber auch Werke wie Edwin Londons "Bach again": Dort singt jeder denselben Bach-Choral ("Komm süßer Tod") in einem selbst gewählten Slowmotion-Tempo, sodass die Musik zu einem fluktuierenden Clusterklang wird.

Am Sonnabend flirrte, summte und sirrte die Luft im Michel wie ein Riesenbienenschwarm. Auch Whitacre selbst dürfte den Abend nicht so schnell vergessen. "Es war wirklich ein unglaublicher Klang", sagte er nach dem Konzert. "Es fühlte sich an, als würde ich darauf schwimmen. Wirklich magisch!" Wegen des überwältigenden Erfolgs plant der NDR Chor bereits ein Folgeprojekt. Das nächste Mitsingkonzert soll im April 2013 stattfinden.

Im Radio NDR Kultur überträgt Ausschnitte des Konzerts am 6. Mai ab 22.05 Uhr innerhalb seiner Sendereihe "Soirée".