A-cappella-Stück "Sleep"

Der David Garrett des Chorgesangs

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Verena Fischer-Zernin

Foto: Universal Music

Heute feiert der größte Internetchor der Welt auf der Seite www.wqxr.org Premiere, ein Produkt des Dirigenten und Chorleiters Eric Whitacre.

So was kennt man ja: Eine junge Frau mit nicht restlos echten blonden Locken bewegt die leicht geöffneten Lippen. Schmachtend blickt sie in die Kamera, das Bild ist ein wenig körnig - doch halt. Dies ist kein Clip einer Kontaktbörse von zweifelhaftem Ruf. Schaltet man den Ton dazu, dann stellt sich heraus: Es handelt sich um die Aufnahme eines geistlich anmutenden Chorwerks. Eine ziemlich besondere freilich.

"Lux aurumque", zu Deutsch: Licht und Gold, ist nämlich nicht in einer Kirche, einem Konzertsaal oder Studio aufgenommen worden. Was da aus dem Computer tönt, ist ein virtuelles Produkt. Sein Schöpfer Eric Whitacre hat es aus lauter einzelnen Tonspuren zusammengeschnitten und die Videoclips so montiert, dass die Gesichter wie Chorsänger in mehreren Reihen schön dreidimensional aufgefächert einen Halbkreis um den Dirigenten bilden.

"Lux aurumque" wurde auf YouTube millionenfach angeklickt. Jetzt greift der Komponist und Chorleiter mit dem enorm bronzenen Teint, dem enorm blonden Haar und den weichen Gesichtszügen eines jungen Sascha Hehn nach einem Weltrekord: Heute um 18 Uhr Ostküstenzeit, also um Mitternacht deutscher Zeit, hat die digitale Version seines A-cappella-Stücks "Sleep" Premiere im New Yorker Paley Center for Media; sie wird live auf der Internetseite www.wqxr.org gezeigt. Hatte Whitacre für "Lux aurumque" noch übersichtliche 185 Tonspuren zur Verfügung, so sind diesmal mehr als 2000 Nutzer seinem Aufruf gefolgt, trompetet die Plattform. Die 900er-Marke, die der amtierende Rekordhalter für die Disziplin "Größter virtueller Chor" im Guinnessbuch aufgestellt hatte, wäre damit also geknackt.

Der 41-Jährige ist ein Kommunikationstalent. Mit seinen Jüngern hält er über Facebook und Twitter allzeit Kontakt. Dass er einmal Chorleiter würde, hat ihm an der Wiege keiner gesungen. "Als Junge wollte ich Popstar werden. Ich wollte das fünfte Mitglied von Depeche Mode oder Duran Duran werden", erzählt er und lacht. Als er an die Universität von Nevada kam, war er sehr erstaunt, dass es keinen Studiengang für Popmusik gab. Chorsingen fand er etwas für Spinner. Bis ihn ein Freund mit der Aussicht auf eine bezahlte Reise nach Mexiko und die heiße Soprangruppe lockte. "Da saß ich zwischen den Bässen, und mit einem Mal war ich mitten im ,Kyrie' aus Mozarts Requiem. Dieser Eindruck hat mein Leben für immer verändert."

Sein Studium hat er an der New Yorker Eliteschmiede Juilliard School of Music abgeschlossen; zu den Interpreten seiner Werke gehören Ensembles wie die weltweit gefeierte Gesangscombo The King's Singers. Er hat zahlreiche Werke für Chor oder Orchester komponiert. Auf die Idee, einen Chor im Internet aufzubauen, brachte ihn ein Fan: Eine junge Frau schickte ihm ein Video, auf dem sie eins seiner Chorstücke sang. "Ich war tief berührt von der Schönheit, der Intimität und der Süße, die davon ausging", erzählt Whitacre. "Ich fragte mich: Wie wäre es, wenn ich 100 Menschen bewegen könnte, mir solche Clips zu schicken, und das zusammenschnitte?" Gesagt, gefilmt: Whitacre stellte einen Clip bei YouTube ein, auf dem er "Lux aurumque" dirigierte - ohne Ton. Dazu stellte er eine Klavierbegleitung und den Aufruf, die Chorstimmen von seiner Website herunterzuladen, sie einzusingen und ihm die Aufnahme zu schicken. Die Resonanz war überwältigend.

+++ Info: Premiere im Internet +++

An diesem Zuspruch dürfte auch Whitacres Kompositionsweise ihren Anteil haben. Wie "Lux aurumque" besteht auch "Sleep" aus getragenen, romantisch harmonierten A-cappella-Klängen, überzuckert mit reichlich digitalem Nachhall. Nun noch hier und da eine diskrete Halbtonreibung dazu, ein bisschen Brahms, ein bisschen Arvo Pärt, und fertig ist das dankbar zu singende Chorstück mit einer gut verdaulichen Prise musikalischer Aktualität.

Whitacre selbst will sich mit seinen Werken offensichtlich nicht Zutritt zum exquisiten Zirkel jener Neutöner verschaffen, die nur für Eingeweihte komponieren. Er ist von einem anderen Sendungsbewusstsein beseelt: "Für mich ist es eine fundamentale menschliche Erfahrung, zusammen zu singen und zusammen zu musizieren. Jetzt haben wir die technischen Mittel, Menschen aus aller Welt zusammenzubringen und diese Erfahrung miteinander zu teilen."

Zusammenbringen? Teilen? Na ja - jedenfalls soweit die Technik das vermag. Ein bisschen schade ist es eben doch, dass die weiblichen Fans nicht gemeinsam vor diesem David Garrett des Chorgesangs in Ohnmacht fallen oder ihm das Hemd vom Leibe reißen können. Denn jede von ihnen sitzt ja brav daheim vor dem eigenen Bildschirm. Wenn sie nicht zufällig gerade in New York ist und die 20 Dollar für die Livepräsentation übrig hat. Ob's noch Karten gibt?