Hamburger Ballett-Tage

Magische Ströme bei "Seven Haiku of the Moon"

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John Neumeiers japanisch inspirierte Tanzelegien unter dem Motto "Fließende Welten" eröffneten die 36. Hamburger Ballett-Tage in der Staatsoper.

Hamburg. Fließende Welten in der Staatsoper nach John Neumeiers Ballettpremiere als Eröffnung der 36. Hamburger Ballett-Tage und ein perfektes Timing: Kaum war der Ballettzauber verrauscht, der Beifall aber noch nicht aufgebrandet, verließen viele Zuschauer bereits im Sturmschritt die Oper, um die Ball-Artistik unserer Fußballer auf dem Fernseher zu verfolgen. Pünktlich zum Anpfiff des ersten deutschen WM-Spiels war der Ballettabend fast beendet. Dass während der Premierenfeier im Parkettfoyer der erste Torjubel aus dem Eingangsfoyer, hier war auf Monitoren das Spiel zu verfolgen, mitten in die Dankesrede des einigermaßen verdutzten John Neumeier platzte, zeugte von sprühendem, realen Leben nach zwei von Träumerei, Tod und Erinnerung geprägten Balletten.

"Fließende Welten" nennt denn auch John Neumeier seinen jüngsten Abend mit Choreografien, die er bereits vor rund zehn Jahren für das Tokyo Ballet geschaffen hatte: "Seven Haiku of the Moon" aus dem Jahr 1989 und "Seasons - The Colors of Time" von 2000. Zwei in ihren Grundzügen lyrisch meditativ, teils hoch expressiv angelegte Stimmungsballette, die Neumeiers Bewunderung für das japanische No-Spiel und die japanische Kultur zwar verraten, sie jedoch nicht imitieren. Es ist in seinen stilistischen Andeutungen ein gewissermaßen europäisierter Japanismus, der unverkennbar Neumeiers Bewegungssprache zeigt, sie aber zu bisweilen zeitlupenhaft geronnenen Chiffren reduziert und zu äußerster Bewegungskonzentration zwingt.

Die Empfehlung im Programmheft, die ausführliche Erläuterung des Begriffs "Fließende Welten" vor der Aufführung zu lesen, kommt wahrscheinlich für viele Zuschauer zu spät - tut dem Ballett aber keinen Abbruch. Alle tänzerischen Momentaufnahmen zu jedem der sieben Haikus - in aphoristische Kürze gefasste Dreizeiler - über den Mond erschließen sich, weil sie nach dem japanischen Vortrag in deutscher Übersetzung zu lesen sind.

Neumeier illustriert allerdings nicht, er empfindet nach, erzeugt Schwingungen, magische Ströme, flüchtige Impressionen, die auch den Betrachter zum Mondsüchtigen machen wie den Mann (Alexandre Riabko), der selbstvergessen in stiller Bewunderung des Himmelskörpers (Thiago Bordin) in einem Kahn paddelt und sich seines Lebens erinnert. Der vielleicht auch von seiner verstorbenen Frau (Joelle Boulogne) träumt, die hier so gar kein "zeterndes Weib" ist, wie ein Haiku behauptet, sondern ein hauchzartes, sanftes Wesen. Erinnerung verklärt.

Nachtgestalten durchkreuzen die Betrachtungen des Mannes, Wellenbewegungen der Arme suggerieren das sich leise Kräuseln des Wassers, ein traumverlorener Pas de trois der beiden Männer und der Frau erzählt von Verbindung und Trennung unter einem mal fahlen, mal blutroten Kugelmond, während in kongenialer Partnerschaft Musik von Johann Sebastian Bach und Arvo Pärt (vom Band) erklingt.

Es sind Bilder von berührender, fast hoheitsvoller Schönheit, die dem Betrachter viel Zeit des Sich-versinkenlassen, ohne dass er in einen spirituell schwiemeligen Sog geriete und ohne dass ihm in überdeutlichen Metaphern oder lautem Lachen und Kreischen mitgeteilt würde, welche Stimmungen gerade angesagt sind.

Das passiert in "Seasons - Colors of Time", der Schilderung eines Lebenslaufs anhand der Jahreszeiten. Wieder ist es ein Mann (Lloyd Riggins), der in bedeutsamer Bedächtigkeit aus einer Öffnung kommt, sich auf einem Lichtband tastend versucht in der Welt zurechtzufinden und sich als rechter, törichter Tropf mit Melone erweist. Wenn es nicht Riggins wäre, der diesem chaplinesk nachempfundenen Toren geradezu charmante Würde und Glaubwürdigkeit verleiht, wäre dessen Lustigkeit kaum zu ertragen.

Doppelgänger folgen dem Mann auf seinem Lebensweg, der dabei unerbittlich auch von der Zeit (Carsten Jung) und der Erinnerung (Anna Polikarpova) begleitet wird. Die Jahreszeiten erweisen sich hier als kleine separate Dramen, in denen der Mann sich selbst begegnet - mal als Jugendlicher, mal auch als Liebender. In einem wunderschönen Pas de deux mit Lloyd Riggins und Anna Polikarpova leuchten Erinnerungen auf.

Als verbindendes Glied und lebensspendendes Element tanzt Yuka Oishi sowohl im ersten als auch im zweiten Werk. Letzteres wird von einer abenteuerlich collagierten Musik von Vivaldi über Debussy bis zu japanischen Komponisten begleitet, aus der immer wieder Schuberts Winterreise in der Bearbeitung von Hans Zender hervorsticht. Erinnerungen und Assoziationen werden da auch beim Publikum wach. Ohnehin sind hier deutlich mehr Anklänge an zuvor Gesehenes als in den Haikus.

"Seasons - Colors of the Time" nimmt vorweg, was Neumeier ein Jahr später in seinem Bekenntnisballett "Winterreise" durchgeführt hat. Im Lied des Leiermanns tritt ein vermummter Mann mit Trommel auf, der sich am Ende als todbringende Erinnerung entpuppt.

Das alles ist lange nicht so stringent, so bezwingend und berührend wie der Haiku-Abend, es ist glatter. In beiden Werken zeichnet John Neumeier für Bühnenbild, Kostüme und Licht verantwortlich. Der Beifall war kurz und heftig.