Wiener Philharmoniker

Mächtige Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande

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Weltklasse-Orchester gibt umjubeltes Gastspiel mit einem konservativen Programm - Beethovens 6. Sinfonie, Bruckners Dritte.

Hamburg. Mit einem beherzten Griff machte Lorin Maazel die überschaubaren Bemühungen des Floristen, bei dem der Konzertveranstalter die obligatorischen Blumen besorgt hatte, gleich nach Übergabe des Buketts zunichte. Aus der Mitte des kleinen Straußes rupfte der Dirigent eine orangefarbene Blüte, überreichte den Rest dem Konzertmeister und steckte sich das bunte Fetzchen als provisorisches Einstecktuch ans Revers. Solcherart geschmückt, badete er ein bisschen im Jubel des Publikums und belohnte es mit einer die Kontraste fast schon grotesk ausspielenden Darbietung des Ungarischen Tanzes Nr. 1 g-Moll von Brahms. Die Geste zeigte Anmut - und Demut. Den Musikern gebühren die Blumen, mir nur am Rande, sollte sie sagen. Und da war was dran am Freitagabend in der ausverkauften Laeiszhalle.

Maazel hatte die Wiener Philharmoniker zuvor durch die "Pastorale" von Beethoven und Bruckners 3. Sinfonie geführt. Dazu benötigte er keine Partitur. Der bald 80-jährige Herr, Dirigent seit dem 7. Lebensjahr, verrichtet seine Arbeit auswendig. Arbeit? Danach sieht es nicht wirklich aus, wenn man Maazel beim Dirigieren zuschaut. Der Meister zückt kein Schweißtuch zwischen den Sätzen, um etwa die benetzte Stirn zu trocknen - da gibt's nichts zu trocknen.

Maazels Gesten sind sparsam, sie wirken farblos und wenig definiert. Dynamische Impulse setzt er überwiegend mit den Fingern der linken Hand, in der rechten tanzt in kleinen Bahnen der Taktstock, der kraftvolle, den Jahren spottende Körper bleibt erstaunlich ruhig. Kein Stampfen, kein Gefuchtel, kein Wiegen in den Knien. Maazel lieferte über weite Strecken ein grandseigneurales Ihr-könnt-das-im-Grunde-auch-ohne-mich-Dirigat.

Das ist vielleicht klug, denn die Wiener sprechen Beethovenbruckner als Muttersprache. Entsprechend fließend, machtvoll und elegant gestaltete das Orchester das "Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande", wie Beethoven den ersten Satz seiner 6. Sinfonie überschrieb. Überhaupt kamen die vielen hineinkomponierten ländlichen Empfindungen der Pastorale derart opulent, dass der Bach im zweiten Satz eben doch zur Donau bei Wien wurde: breit, wogend, allerdings blitzsauber.

Ob man schon mal eine bessere Bratschengruppe gehört hat? Die Herren - Damen sind bei den Wienern in extremer Unterzahl - saßen vorne rechts, und vielleicht entzückten sie deshalb besonders, weil man sie dort so gut isoliert hören konnte. Die Bassisten rissen im dritten Satz einen Sturm vom Zaun, dass es eine Freude war. Die Flöten ließen Vögel singen, die Hörner schoben herrlich geformte Klangwolken in den Saal, nur die Klarinette kam recht herb, und die Fagotte hatten nicht ihren allerbesten Tag.

Wäre das Orchester die heimische Stereoanlage gewesen, man hätte öfter die Lautstärke runtergedreht. Schon bei Beethoven und erst recht bei Bruckner erreichte das von Posaunen, Trompeten, Hörnern und Streichertutti im Fortissimo angerichtete Volumen mitunter solche Spitzenwerte, dass es einem in den Ohren gellte. Und wenn die Wiener Philharmoniker das nächste Mal kommen, bitte recht bald, darf das Programm gerne einen gehörigen Tick wagemutiger ausfallen.