Teil 5 der "Pop Life"-Serie: Takashi Murakami

Kunst aus der Kultur von Manga, Tamagotchi & Co.

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Der Japaner Murakami wirft alles auf den Markt - von der Tapete bis zum Schlüsselring. Die größte Kunst ist der Akt des Verkaufs.

Hamburg. Murakamis literarische Arbeiten verzaubern den Leser, schildern fantastische Begebenheiten und ...

Hoppla. Damit so etwas nicht passiert, damit man nicht den Schriftsteller Haruki Murakami mit dem Künstler Takashi Murakami verwechselt, deswegen gibt es Markenzeichen. Unverwechselbar, mit Emotionen aufgeladen, global verkaufbar. Takashi Murakami hat hart daran gearbeitet, eine wandelnde Handelsmarke zu werden. Das Investment von Ideen und anonymer Arbeitskraft in seinen Produktionsstätten hat sich gelohnt. Der Mann hat Geld wie Heu, während manche Kritiker den Künstler für strohdoof halten, abgebrüht und geldgeil.

Wie Warhol oder Koons hat auch Murakami seine Gelddruckmaschine. Bei ihm heißt sie "Kaikai Kiki Co." und hat um die 100 Mitarbeiter. Dort werden Murakamis in allen Preisklassen entworfen und fabriziert. Doch Murakami macht noch mehr. Er organisiert Kunstmessen und moderiert Radiosendungen. Und wenn Rap-Stars wie Kanye West ganz nett "bitte, bitte" sagen, entwirft er für sie ein Plattencover.

Als Murakamis Arbeiten 2007 für eine Werkschau in Los Angeles zusammengestellt wurden, bekam die Ausstellung den Namen "© MURAKAMI". Das war ebenso dreist wie eindeutig.

Murakami - 1962 in Tokio geboren und in der klassischen Kunst der Nihonga-Malerei ebenso ausgebildet wie im Zeichentrickfilm - ist kein Einzelfall unter jenen Gegenwartskünstlern, deren Arbeiten aus der Grauzone zwischen Kunst und Design glamourschillernd vermarktet werden. Aber er ist die massiv vergoldete Spitze eines Symbol-Bergs.

Popkultur-Exporteure haben in den vergangenen Jahrzehnten für einen unendlichen Strom aus Nippon-Nippes gesorgt und damit auch Murakamis Waren-Philosophie den Weg gen Westen geebnet. Kaum klingt Kommerz-Seuche ab, steht schon die nächste vorm Kinderzimmer. Tamagotchi, "Pokémon"-Karten oder "Hello Kitty", sie alle sind noch gut in Erinnerung. Für die kindliche Prägung sorgten in den Achtzigern Zeichentrickserien, von "Heidi" über die "Biene Maja" bis zu "Captain Future". Ex-und-hopp-Wirk-Waren.

Unterdessen weichten auch die Grenzen zwischen Couture und Kopie immer weiter auf, weil Originale ihren Status als Objekt der Massenbegierde verlieren. Was nützt es einer Hockey-Blondine aus den Elbvororten, sich eine Original Louis-Vuitton-Tasche aus Paris mitbringen zu lassen, wenn die handkolorierte Tusse auf dem Nebensofa bei Starbuck's das gleiche Statussymbol auf dem Schoß hat - als Kopie, im letzten Malle-Pauschalurlaub für eine Handvoll Euro bei einem Straßenhändler gekauft? Dagegen hilft nur das ewige Suchen nach dem nächsten Hype, der die gesellschaftliche Spreu vom Weizen trennen soll. Murakami hat diese Marktlücke gewittert und das Luxuswaren-Image auf eigene Rechnung geentert. Vor knapp einem Jahrzehnt begann die Zusammenarbeit mit LV-Chefdesigner Marc Jacobs, der erkannt hatte, dass zwei Markenzeichen auf einem Objekt ganz einfach mehr bringen als eines.

Für Kunst-Shopper, deren Taschengeld ein paar Nullen vor dem Komma mehr bieten kann als das von konsumsüchtigen Teenagern, hat Murakami die kindischen Schlüsselreize aufgepeppt, mit überzuckerten Farborgasmen und einer Ladung psychedelisch prallem Porno. Manga-Girlies wie seine "Hiropon"-Skulptur bekommen waffenscheinpflichtige Oberweiten verpasst, der Lustknabe "My Lonesome Cowboy" verwandelt sich in einen Sperma-Springbrunnen. In den unteren Preisklassen schaltet Murakami um, auf massenhaft gefertigte Merchandising-Artikel: Spielzeug, Schmuck oder Tischsets, Gimmicks zum Sammeln in Kaugummipackungen, Schlüsselanhänger, Plüschblumen. Auch für sich selbst hat Murakami einen Platz in seinem Pop-Universum geschaffen: Er kreuzte "Sonic the Hedgehog", den Helden eines Videospiels, mit der Manga-Figur "Doraemon" und erschuf so "Mr. D.O.B.", eine Cartoon-Gestalt, die im Laufe der Jahre immer bissiger wurde.

Beim Betexten und Theorieauspolstern seines Musterkoffers ist Murakami so ziemlich jedes Argument recht. In seinem "Superflat"-Manifest sang er 2000 ein Hohelied auf die Oberfläche und macht auch nicht halt davor, mit Menschheitsschrecken wie den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki zu argumentieren. Nun zahlt er es den amerikanischen Kultur-Imperialisten heim, meint er, indem er sie ordentlich zahlen lässt. Die Ironie der Geschichte: Es funktioniert.

Seine stilistische Heimat hat Murakami in der Megametropolen-Subkultur japanischer Großstädte, bei den Fans fantastischer Kreaturen, die ihre Codes und Abgrenzungen aus den Mangas und Animes ableiten. In Klischees gesprochen sind Otaku-Anhänger weltfremde Teenager, die videospielend und realitätsfern am Computer festwachsen.

Das genial Perfide an der Methode Murakami: Wo es, wie im traditionellen Kunstverständnis seiner Heimat, kein Oben und Unten gibt, haben sich auch alle Skrupel beim Preis erledigt. Was viel kosten darf und was wenig, muss dann keine Frage der Qualität mehr sein, sondern kann auch als Akt amüsierter Willkür passieren. Industrie-Design wird zur Kunst ausgerufen. Der Verkauf an sich ist Teil des Kunstwerks, letztlich sein Herzstück.

Murakami erfindet Zeichen um ihrer selbst willen, seine Kunstware macht das Museum zum Supermarkt. Was das Museum dann daraus macht - das ist nicht mehr sein Problem. Die heutige Kunstwelt kann so einfach sein. Und so berechnend.