"Ballast der Republik"

Die Toten Hosen kommen nicht aus der Mode

Mit "Ballast der Republik" feiern Die Toten Hosen ihr 30-jähriges Bestehen. Ein Gespräch mit Frontmann Campino im Hamburger Hafen.

Hamburg. "Modestadt! Düsseldorf! Modestadt! Düsseldorf!", schreit Campino ins Mikro, während der Hamburger Ausflugsdampfer "Viktoria" an Blankeneser Villen vorbeistampft. Einen Meter vor der winzigen Bühne im Bug verrutscht die handverlesene Ladung von 150 Tote-Hosen-Fans zum Uralt-Song vom Debütalbum "Opel-Gang" (1983) hin und her. Genau 30 Jahre sind ins Land gezogen, seit die Düsseldorfer Band im April 1982 im Bremer Schlachthof ihren ersten Auftritt absolvierte. Das wird mit einer Tour durch Mikroklubs, Jugendzentren und Fanwohnzimmer gefeiert. Und auf der "Viktoria". Nach 90 Minuten Boot-Pogo ist im Hafen noch nicht Endstation. Weiter geht's in der Cobra Bar ...

Doch die lange Nacht ist Campino wenige Stunden später beim Gespräch im Hotel Hafen Hamburg nicht anzusehen. Frisch wie der Morgen begrüßt er Journalisten, von denen mancher noch verdächtig nach Pfandautomat riecht und um Kaffee bettelt. Aber an Campino haben drei Dekaden Vollgasrock wenig sichtbare Spuren hinterlassen, sie sind eher hörbar auf dem neuen Hosen-Album "Ballast der Republik".

Die beiden Lieder "Traurig einen Sommer lang" und "Altes Fieber" blicken zurück auf alte Zeiten und auf jene, die es nicht geschafft haben: "Wir stoßen an auf alle, die draufgegangen sind", von Bon Scott bis Rex Gildo. "Wir sind sowohl Lebende als auch Überlebende. Denn auch bei uns saßen die Einschusslöcher nah", erinnert sich Campino. Soundmixer Uwe Faust starb 2009, Ur-Roadie "Bollock" 2000, Gastschlagzeuger Jakob Keusen wurde 1989 von seinem Nachbarn erstochen. Dazu kam der große Schock, als 1997 beim Konzert im Düsseldorfer Rheinstadion ein junges Mädchen an einer Absperrung erdrückt wurde. Für die Toten Hosen, die sich, ihr Umfeld und ihre Fans als Großfamilie sehen und entsprechend im Song "Das ist der Moment" würdigen, hieß es oft aufzustehen, wenn man am Boden lag. "Umso dankbarer sind wir für jeden, der noch mit an Bord ist", sagt Campino.

+++ Die Toten Hosen unter falscher Flagge +++

Das Moment der Unbeugsamkeit ist immer wieder Inspiration für die Band und auf jedem Album zu finden. Allein mit Fußball-Kurvenliedern Marke "Bayern" oder "Auswärtsspiel" ließe sich eine Greatest-Hits-Platte füllen, und auch auf "Ballast der Republik" glauben die Hosen wieder an Götter, die Trikots tragen. Der Ohrwurm "Schade, wie kann das passieren" beschwört den Trotz nach einer Niederlage, in diesem Fall einer Niederlage der Düsseldorfer DEG-Eishockeycracks, für die sich die Band ebenso engagiert wie für die Fortuna-Kicker. Dennoch ist das spontan geschriebene Lied universell einsetzbar: "Sport bietet immer wieder Metaphern für unser ganzes Leben, von der Emotion des Glücks bis zum Scheitern, wahrscheinlich falle ich daher immer wieder in dieses Muster."

Die Muster der Toten Hosen wiederholen sich in der Tat. Klassische Arena-Rocker wie "Ballast der Republik", "Drei Worte" oder "Vogelfrei" sowie das bedrohlich marschierende "Europa", das sich kritisch und aktuell mit dem Umgang von Flüchtlingen auseinandersetzt, sind die Höhepunkte. Sobald aber andere Töne wie Retro-Rock ("Ein guter Tag zum Fliegen"), Disco-Pop ("Zwei Drittel Liebe") oder rohe Ballade ("Draußen vor der Tür") angeschlagen werden, verliert der Durchzug an Puste. Gut ein Drittel der 16 neuen Lieder sind verzichtbar.

Dennoch lohnt sich der Kauf, wenn man "Ballast der Republik" in einer der drei Jubiläumseditionen wählt, denen das Bonusalbum "Die Geister, die wir riefen" beiliegt. Denn zwischen den "Ballast"-Sessions haben Die Toten Hosen auch noch 15 Coversongs sprichwörtlich eingeprügelt. Straffer, lauter und ungeschliffen hasten die fünf durch "Computerstaat" (Abwärts), "Sirenen" (Male), "Das Model" (Kraftwerk) oder "Keine Macht für niemand" (Ton, Steine, Scherben).

Natürlich ist das Prinzip des Cover- und Tributalbums abgelatscht. Schon 1987 holzten Campino und seine Jungs auf "Never Mind The Hosen - Here's Die Roten Rosen" Schlager nieder, auf "Learning English Lesson One" (1991) US- und UK-Punk und auf "Wir warten auf's Christkind" (1998) Weihnachtslieder. Aber dieses Mal machen sie wirklich das Beste daraus. Auch "schwierige" Vorlagen wie "Die Moorsoldaten", 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor verfasst, oder Erich Kästners "Stimmen aus dem Massengrab" sorgen für Gänsehaut.

"Das sind eigentlich Geister, die uns gerufen haben. Unsere Generation nennt immer viele Einflüsse aus England, aber auch in unserer Sprache ist Großes entstanden, das uns entscheidend geprägt und begleitet hat." Und das "Heute hier, morgen dort", wie Hannes Wader sang, in "Augsburg, München, Frankfurt, Saarbrücken", wie Rio Reiser rief. Oder in Berlin.

Denn eine Interpretation dürfte nicht nur bei Hosen-Fans für besonderes Aufsehen sorgen: Der Anti-Nazi-Klassiker "Schrei nach Liebe" von den Ärzten, die dieses Jahr ebenfalls 30 Jahre aktiv sind und jüngst mit dem Album "auch" die Spitze der Charts eroberten. Ebenfalls aus dem Punk kommend, gaben sie der deutschen Popszene wie Die Toten Hosen wichtige Impulse. Konkurrenten, wenn man so will, die sich gegenseitig mit mancher Spitze bedachten. "Aber 'Schrei nach Liebe' ist ein tolles Lied, das wir gern selber geschrieben hätten. Das konnten wir nur eins zu eins nachspielen, als aufrichtiges Zeichen des Respekts und als gezogener Hut in Richtung Berlin" - aus der "Modestadt Düsseldorf".

Die Toten Hosen: "Ballast der Republik", "Die Geister, die wir riefen" (JKP/Warner), ab heute im Handel; www.dietotenhosen.de