MSC-Deal

HHLA-Führung wollte Betriebsrätin fristlos kündigen

| Lesedauer: 5 Minuten
Wie hier Mitte September haben HHLA-Beschäftigte mehrfach gegen den  Anteilsverkauf ihres Unternehmens an MSC demonstriert.

Wie hier Mitte September haben HHLA-Beschäftigte mehrfach gegen den Anteilsverkauf ihres Unternehmens an MSC demonstriert.

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Betroffene hat gegen Teilverkauf der HHLA an MSC gekämpft. Entlassung erst nach Anhörung vom Tisch. Vorstand verkauft doch Aktien.

Hamburg. Das Verhältnis zwischen der Unternehmensführung der HHLA und einem Großteil der Mitarbeiter ist nachhaltig gestört. Die Entscheidung des Vorstands, sich für den Teilverkauf der HHLA an MSC auszusprechen, trifft bei weiten Teilen der Hafenarbeiter auf Widerstand.

Zusätzlich belastet wird das Verhältnis durch das Vorgehen der Führung gegen eine der Arbeitnehmervertreterinnen der HHLA. Die Geschäftsleitung hatte eigentlich die Absicht, der stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeinschaftsbetriebsrats und Sprecherin der Vertrauensleute im HHLA-Konzern, Jana Kamischke, fristlos zu kündigen. Darüber hatte der Betriebsrat die Mitarbeiter benachrichtigt. Nach Informationen des Abendblatts ist die Eskalation erst in letzter Minute verhindert worden.

HHLA-Führung wollte Betriebsrätin fristlos kündigen

Wie aus Unternehmenskreisen zu erfahren war, hat es tatsächlich eine Kündigungsanhörung gegeben. Hintergrund ist offenbar der wilde Streik einiger Hafenarbeiter Anfang November. Was genau Kamischke zur Last gelegt wurde, war nicht zu erfahren. Im Anhörungsschreiben seien eine Vielzahl von Vorwürfen erhoben worden, heißt es in der Mitarbeiterinformation des Betriebsrats. Es soll sich aber nicht um ihr Verhalten am Arbeitsplatz gedreht haben, sondern um private Meinungsäußerungen der Arbeitnehmervertreterin. „Der Kollegin ist nirgendwo vorzuwerfen, dass sie ihren arbeitsvertraglichen Pflichten nicht nachgekommen wäre“, heißt es weiter in der Information.

Wie berichtet, haben der Hamburger Senat und die Schweizer Reederei deren Einstieg bei der HHLA beschlossen. Demnach soll MSC 49,9 Prozent am Hafenkonzern erhalten. 50,1 Prozent der Anteile sollen bei der Stadt verbleiben. Dazu hat MSC ein Übernahmeangebot für alle Aktien unterbreitet, die sich im Streubesitz befinden. Am 6. November empfahlen Vorstand und Aufsichtsrat der HHLA den Aktionären, das MSC-Angebot anzunehmen. Daraufhin traten Hafenarbeiter am Containerterminal Burchardkai für 24 Stunden in einen wilden Streik.

Mitarbeiterin war HHLA-Vorstand ein Dorn im Auge

Kamischke hatte im Einklang mit der Haltung des Konzernbetriebsrats mehrfach ihre Bedenken gegen den Teilverkauf der HHLA an MSC geäußert. Als die Hafenarbeiter in den Streik traten, hatte sie diese verteidigt. Kamischke habe sich lediglich als Betriebsrätin in einer angespannten Situation für die Mitarbeiter eingesetzt, um eine Eskalation zu vermeiden, heißt es dazu in dem Schreiben. „Die Unternehmensleitung versucht hier Angst zu verbreiten, indem eine bekannte und geschätzte Kollegin stellvertretend an den Pranger gestellt und aus dem Betrieb entfernt werden soll.“ Offenbar sind die Vorwürfe geklärt. Denn wie das Abendblatt erfuhr, ist die Kündigung gegen Kamischke vom Tisch.

Kamischke ist als Sprecherin der Hafenarbeiter bekannt und bei diesen sehr anerkannt. Zugleich ist sie dem Vorstand aufgrund ihrer unbequemen, linksgerichteten Haltung seit Längerem ein Dorn im Auge. So hatte sich der Vorstand schon bei der harten Tarifauseinandersetzung im vergangenen Jahr an ihr gerieben.

Finanzsenator Dressel stellt sich den Hafenarbeitern

Die HHLA-Führung will sich zu dem Vorgang nicht äußern: „Zu etwaigen individuellen, arbeitsrechtlichen Maßnahmen äußert sich die HHLA schon allein aus datenschutzrechtlichen Gründen grundsätzlich nicht“, teilte eine Sprecherin mit. Unternehmensleitung und Mitbestimmung würden professionell miteinander arbeiten und seien im regelmäßigen und guten Austausch.

Zum regelmäßigen Austausch bot sich auch am Montagnachmittag Gelegenheit: Der Betriebsrat hatte wegen des MSC-Deals zu einer konzernweiten Betriebsversammlung eingeladen. Rund 2500 Hafenarbeiter von allen HHLA-Standorten wurden dazu im Schuppen 52 erwartet. Mit dabei: Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). Er hat zusammen mit Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard den MSC-Deal eingefädelt und war bereit, sich den Hafenarbeitern zu stellen. Trotz Buh-Rufen und der Drohung, die Hafenarbeiter würden die SPD nicht mehr wählen, stand er mehr als drei Stunden Rede und Antwort.

HHLA-Vorstand Jansen will Aktien jetzt doch einreichen

Unterdessen wurde bekannt, dass der Betriebsvorstand der HHLA, Jens Hansen, jetzt doch bereit sein soll, seine HHLA-Aktien an MSC zu verkaufen. Wie berichtet, hat er sich bisher geweigert, seine 52 Anteilscheine zu veräußern, wie aus der Stellungnahme des Vorstands hervorging. In der Belegschaft wurde daraufhin spekuliert, dass er nicht hinter dem Teilverkauf der HHLA an MSC stehe.

Doch die Wirtschaftsbehörde hat nun eine ganz andere Erklärung: Als Ergänzung zum Protokoll der Sitzung des Wirtschaftsausschusses der Bürgerschaft am 7. November führt sie an, Hansen habe seine Aktien nicht verkaufen wollen, um nicht in den Verdacht des Insiderhandels zu geraten. Hintergrund ist, dass die Veröffentlichung der Neunmonatszahlen der HHLA unmittelbar bevorstand.

Mehr zu aktuellen Wirtschaftsthemen

Bekanntlich ist es Mitarbeitern von Unternehmen untersagt, unveröffentlichte Informationen für private Wertpapiergeschäfte zu nutzen. Hansen habe also vor dem Verkauf die Veröffentlichung der Quartalszahlen abwarten wollen. Die kamen am 14. November. Nun werde Hansen seine Aktien im Rahmen des Angebots zum Verkauf einreichen.

Vorstandschefin Angela Titzrath und das dritte Vorstandsmitglied, Arbeitsdirektor Torben Seebold, haben sich offenbar nicht in der Zwickmühle befunden. Nach Angaben der HHLA verfügen sie über keine Aktien des Unternehmens. Ob sie früher welche besessen haben, ließ das Unternehmen offen.