Depressionen

„Auf die sehr stillen Kleinen sollte man achten“

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Juliane Tausch ist Landeskoordinatorin von Aufklaren beim Paritätischen Hamburg

Juliane Tausch ist Landeskoordinatorin von Aufklaren beim Paritätischen Hamburg

Foto: Simon Thon

In Hamburg bietet eine zentrale Stelle, Infos und Fortbildungen rund um das Thema „Kinder von Eltern mit psychischer Erkrankung“ an.

Juliane Tausch ist Koordinatorin und Leiterin des im September neu gestarteten Hamburger Modellprojekts „A: Aufklaren“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, einer zentralen Stelle, die Informationen und Fortbildungen rund um das Thema „Kinder von Eltern mit psychischer Erkrankung“ anbietet. Die 42-jährige klinische Sozialarbeiterin und Kinderschutzfachkraft möchte mit ihrem Team vor allem die rund 10.000 Fachkräfte in der Stadt erreichen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, also Erzieherinnen, Ärzte, Lehrer und Hebammen.

Sie wollen, dass die Kinder psychisch kranker Eltern gesehen werden, ist das bisher ein Tabuthema?

Juliane Tausch Die Kinder fallen durch das gesellschaftliche Raster, denn sie und ihre Familien haben eine ganz große Gabe, dafür zu sorgen, dass uns das nicht auffällt. Sie sind oft fleißig, lieb, hochgradig angepasst und versuchen, so viel Normalität wie möglich zu suggerieren und auch für sich herzustellen. Als Fachkraft muss man die feinen Zeichen lesen können, um zu erkennen, was los ist.

Was gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen der Eltern?

Weit verbreitet sind Depressionen, dann Angststörungen, also die Angst, in die Öffentlichkeit zu gehen oder Busse und Bahnen zu nutzen, damit einher gehen auch Zwangserkrankungen. Einige Eltern haben eine Borderline-Erkrankung, andere sind schizophren.

Was bedeutet es für ein Kind, wenn es psychisch kranke Eltern hat. Welche Folgen hat das Ihrer Erfahrung nach für seine Entwicklung?

Die Folgen für die Kinder sind dramatisch, denn diese Eltern sind oft sehr bei sich, können sich nicht in die Bedürfnisse der Kinder einfühlen, geben keine Tagesstruktur vor, nehmen zu wenig oder keinen Anteil an deren Aufgaben und Gefühlslagen. Bei ganz kleinen Kindern kann das möglicherweise zu einer Bindungsstörung führen. Viele Kinder lernen früh, Verantwortung zu übernehmen, sie schauen, ob es Mama oder Papa gut geht und lernen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse dabei zu unterdrücken.

Kinder suchen oft die Schuld bei sich

Oft suchen sie die Schuld für den schlechten Gemütszustand ihrer Eltern bei sich, zum Beispiel durch ein umgekipptes Glas, eine schlechte Schulnote oder ihre Unpünktlichkeit. Sie vernachlässigen ihr eigenes Ich und haben dann auch als Erwachsene keinen guten Zugang zu sich selbst. Sie haben nur gelernt, sich stark anzupassen und dabei ganz viel verpasst: Die Kindheit, die Rebellion, den Glauben an die eigenen Talente. Sie gehen mit großen Zweifeln in die Welt. Die Gefahr, selber psychisch krank zu werden, ist bis zu vier Mal höher als bei anderen.

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Woran kann ich als Erzieherin, Lehrerin oder Trainer erkennen, dass mein Schützling Eltern mit psychischen Problemen hat?

Alarmzeichen sind, wenn Kinder lieber in der Einrichtung bleiben, als nach Hause zu gehen und zu angepasst sind. Auf die, die sehr still sind, sollte man besonders achten und sich Zeit für sie nehmen. Wichtig ist, ihnen genau zuzuhören. Je kleiner sie sind, desto konkreter geben Kinder wieder, was sie zu Hause aufschnappen und erleben. Auch wenn Kinder nur diffuse Erklärungen zum fehlenden Busgeld oder keine Frühstücksbox dabei haben, ist das womöglich ein Zeichen für fehlende Strukturen.

Aufpassen, wenn Eltern den Kontakt zu den Erziehern meiden

Was sind Alarmzeichen beim Umgang der Eltern mit ihren Kindern?

Wenn Mütter oder Väter den Kontakt zu den Fachkräften vermeiden, wenn sie nicht an Elternabenden und Elterngesprächen in der Schule oder im Kindergarten teilnehmen, wenn sie keine Feste der Einrichtung besuchen, also nie in Erscheinung treten, ist das auffällig. Manchmal haben Eltern auch ein sehr kontrollierendes Verhalten, wollen genau wissen, wann die Kinder was gegessen haben oder führen deren Hausaufgabenhefte. Es gibt auch Eltern, die stehen im Raum und sagen: Sie könnten nicht mehr. In dem Moment ist es wichtig, einen ruhigen Ort für ein Gespräch zu finden, nachzufragen und offen zu sein, auch für womöglich schlimme Dinge, die man hören wird, zu wappnen. Das erfordert viel Mut. Doch danach weiß ich mehr und weiß womöglich, wo ich mich beraten lassen kann. Als Fachkraft sollte ich das nicht alleine lösen.

Wenn ich einen konkreten Verdacht habe, wie sollte ich darauf reagieren?

Man kann die Kinder schon darauf ansprechen, zum Beispiel sagen: „Ich sehe, du bist heute sehr traurig, ich habe das schon öfter bei dir gesehen. Bedrückt dich etwas?“ Genauso kann man die Eltern darauf ansprechen, mit einem positiven Einstieg. Man kann zum Beispiel sagen: „Ich sehe, Sie haben viel zu wuppen oder Sie sind alleinerziehend und das ist sicher anstrengend.“

Im Team den eigenen Verdacht besprechen

Wichtig ist, nicht mit einem großen Verdacht herauszuplatzen, sondern mit einem großen Interesse daran, wie es den Betroffenen geht. Und wenn sich der Verdacht bestätigt, gibt es in allen pädagogischen Einrichtungen, Kliniken, Beratungsstellen und auch Praxen kollegiale Beratung und Teamsitzungen, da sollte das erst einmal besprochen werden. Man sollte schauen, ob andere das auch so wahrnehmen im Umgang mit den Betroffenen. Manchmal ist man auch im falschen Fahrwasser. Sonst kann man natürlich uns anrufen, wir können beraten.

Sie bieten auch Schulungen für Fachkräfte, was sind die Inhalte?

Wir bieten Einführungen in das Thema an, üben Elterngespräche ein und was man im Krisenfall machen kann. Das ist das kleine pädagogischen Handwerkszeug. Dann differenzieren wir Schwerpunkte nach Berufsgruppen, eine freie Hebamme hat andere Themen als eine Erzieherin oder ein Hausarzt. Es geht um Traumapädagogik, Kindeswohlgefährdung und die Schnittschnelle zur Sucht.

Kindergruppen für betroffene Mädchen und Jungen

Welche Form von Hilfe benötigen die Familien konkret – was hat sich bewährt?

Wichtig ist, dass man die Kinder mit ihren Aussagen ernst nimmt. Die Kinder müssen altersgerecht aufgeklärt werden über die Krankheit der Eltern, das kann gemeinsam mit Mutter und Vater sein oder in Einzelgesprächen. Die Kinder müssen verstehen, dass es eine Erkrankung ist und die Eltern sich nicht von sich aus so merkwürdig oder auch ablehnend verhalten. Danach geht es auch um Methoden zur Krisenbewältigung, um Hilfen von außen. Vielleicht ist manchmal auch ein Klinikaufenthalt für die Eltern sinnvoll. Was sich sehr bewährt hat, sind Kindergruppen, die verschiedene Träger anbieten, da geht es um Selbstwertstärkung. Die Kinder erleben dort, dass sie nicht allein sind. Jeder, der einem betroffenen Kind zuhört und sagt: „Du bist ein feiner Kerl, du hast Talente und ich glaube an dich“, der tut etwas richtig Gutes, denn diese Unterstützung erhalten diese Kinder zu Hause nicht.

Weitere Infos unter: www.aufklaren-hamburg.de