Schulreform Hamburg

Bildungsforscher Baumert kritisiert die Schulreform

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Der Direktor des Max-Planck-Instituts und Leiter der ersten Pisa-Studie in Deutschland spricht von einem "völlig unnötigen Streit".

Hamburg. Der Bildungsforscher Jürgen Baumert hat in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" die Auseinandersetzung um die sechsjährige Primarschule als "völlig unnötigen bildungspolitischen Streit" bezeichnet. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hält wenig von der Idee, die Grundschulzeit zu verlängern, und fordert stattdessen eine Reform der Lehrerausbildung. Unterdessen haben rund fünf Wochen vor der Auszählung bereits mehr als 200 000 Hamburger an dem Volksentscheid zur Schulreform teilgenommen.

Baumert sagt, er kenne "keine belastbare empirische Evidenz" für die Wirkungen einer zweijährigen Verlängerung der Grundschule. Die Erforschung dieser Frage sei schwierig, weil man dazu eine vierjährige und eine sechsjährige Variante mit zufällig ausgewählten Lehrern und Schülern parallel untersuchen müsse. Diese Testsituation gebe es nirgendwo. Zudem habe die Politik lange Zeit kein Interesse an Leistungsuntersuchungen gehabt.

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Als positiv bewertet Baumert die Vereinfachung der Schulstruktur im Sekundarbereich. "Die Zusammenführung von Haupt- und Realschule zu einer einzigen Schule neben dem Gymnasium war in Ballungsgebieten überfällig, um die Konzentration der schwierigsten Schüler in wenigen Schulen zu vermeiden." Minuspunkte kassiert Hamburg für den Streit um die Gymnasien. "Musste man auch noch das humanistische Gymnasium antasten?" fragt Baumert, der den ersten Pisa-Schulvergleich geleitet hat. Pisa war einer der Gründe für die Schulreform.

Auch verkleinerte Klassen hält Baumert, der bisher eher als Fürsprecher des längeren gemeinsamen Lernens galt, für wenig wirksam. "Die Reduzierung von Klassen ist ein populärer Stimmenfang. Keiner kann dagegen sein", sagt Baumert. "Aber in der Bandbreite hat die Veränderung der Klassengröße keinen durchgehenden Einfluss auf den Lernerfolg." Die Schulbehörde reagierte gestern verhalten auf die Aussagen des Bildungsexperten. Man sei sich zwar in vielen grundsätzlichen Aussagen einig, komme aber zu einer unterschiedlichen politischen Einschätzung, sagt Sprecherin Brigitte Köhnlein. "Der Senat hält wegen des hohen Problemdrucks die Einführung der Primarschule für notwendig."

Sie verweist in diesem Zusammenhang auf Baumerts frühere Aussagen zu einer Studie über die sechsjährige Grundschule in Berlin. Baumert hatte damals erklärt, dass auch besonders leistungsstarke Kinder an der Primarschule ebenso gut lernen würden wie auf dem Gymnasium. "An einer besseren Lehrerausbildung, wie Baumert sie fordert, wird in Hamburg intensiv gearbeitet", sagt Köhnlein. "Dabei warten wir nicht, bis der bessere Unterricht von einer neuen Lehrergeneration an die Schulen gebracht wird, sondern wir bereiten ihn jetzt mit Fortbildungen vor." Gleichzeitig würden bis 2016 fast 1000 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt und die Klassen verkleinert.

Walter Scheuerl, Sprecher der Initiative "Wir wollen lernen" und Gegner der Schulreformpläne, begrüßt die Ausführungen des Bildungsforschers Baumert: "Er bestätigt nur, dass der Senat mit der Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre am Ziel vorbeischießt und in einer Sackgasse enden wird."

Der Volksentscheid stößt bei den Bürgern offenbar auf großes Interesse. 201 562 Hamburger haben bisher ihre Stimme abgegeben. Diese Zahl nannte gestern der Landeswahlleiter Willi Beiß. Insgesamt sind gut 1,2 Millionen Hamburger wahlberechtigt. Rund ein Sechstel hat also schon gewählt. Ausgezählt wird am Sonntag, 18. Juli. Damit es zu einer Entscheidung kommt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Mindestens ein Fünftel der Wahlberechtigten (das sind 247 335) müssen der einen oder der anderen Vorlage zustimmen, und es muss natürlich die Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen sein.

Die Wahlumschläge werden in den Abstimmungsstellen vorbearbeitet. Die roten Umschläge werden geöffnet, der Inhalt wird auf Korrektheit geprüft. Die blauen Umschläge, die den Stimmzettel enthalten, wandern in eine Wahlurne.