Hamburger Hafen

Gasalarm in HHLA-Kantine – war es doch kein Unfall?

Arbeiter und Retter klagten über Schwellungen und Atembeschwerden. Die Polizei rätselt über die Ursache – denn gemessen wurde nichts.

Hamburg.  Der Burchardkai ist gut gesichert, nur eigenes Personal hat Zutritt zum Containerterminal der HHLA. Am Mittwoch arbeiten hier in der Tagschicht rund 200 Menschen, einige wenige Hafenarbeiter sitzen am Morgen in der Kantine – besonders geschäftig geht es dort um neun Uhr aber nicht mehr zu. Schichtwechsel war schon um sieben. Es ist kurz nach neun Uhr, als sich ein beißender Gestank in der Kantine ausbreitet

Kurz darauf klagen Gäste und Kantinenmitarbeiter über Unwohlsein, über Atembeschwerden und starke Kopfschmerzen. Um 9.23 Uhr alarmiert die Kantine die Feuerwehr. Offenbar ist ein unbekannter Stoff ausgetreten.

Plötzlich klagten auch Retter über Beschwerden

Wenige Minuten später rasen zwei Rettungswagen zum Buchardkai. Zwei Frauen und ein Mann werden zum AK Altona gebracht. Dort angekommen, klagt plötzlich auch einer der Retter über die gleichen Beschwerden: Atemwegsreizungen und Kopfschmerzen.

Nachdem noch mehr Menschen am Burchardkai über diese Symptome klagen, machen sich drei weitere Rettungswagen auf den Weg zum Burchardkai. Auch der Umweltdienst der Feuerwehr ist jetzt im Einsatz. Bis dahin weiß niemand, um welchen Stoff es sich handelt.

Vor dem Krankenhaus in Altona haben Feuerwehrleute deshalb vorsorglich eine „Dekontaminationsstrecke“ aufgebaut, um eine „mögliche Vielzahl von Patienten“ von Gefahrenstoffen befreien zu können. 30 Retter haben vor der Klinik Position bezogen. Die Verletzten müssen sich zuerst in einem Behandlungsraum entkleiden und duschen, ihre Kleidung wird in einem luftdichten Beutel verschlossen.

19 Menschen vom Giftalarm im Hafen betroffen

Sieben Hafen- und Kantinenmitarbeiter sowie der Feuerwehrmann zeigen Symptome und werden in der Notaufnahme untersucht. Elf weitere, beschwerdefreie Feuerwehrleute werden auf die gleiche Weise vorsorglich behandelt, „um eine Kontamination auszuschließen“, sagt Feuerwehrsprecher Jan Ole Unger. Insgesamt sind damit 19 Menschen vom Giftalarm im Hafen betroffen.

Einer der Patienten habe angegeben, dass sich sein Zustand verschlechtert und sich die intervallartigen Kopfschmerzen verschlimmert hätten, so Unger. Andere Betroffene hätten auch über Schwellungen und Rötungen am Hals geklagt. Keiner der Verletzten befinde sich in einem kritischen Zustand.

Spezialisten entdecken zunächst nichts

Während die Patienten in der Klinik behandelt werden, geht die analytische Task Force der Feuerwehr in der geräumten und abgesperrten Kantine auf Spurensuche. Zeugen geben an, sie hätten vor dem Zwischenfall einen Azetongeruch wahrgenommen, andere berichten, es habe nach „Alkohol“ gestunken. Doch die Spezialisten der Feuerwehr entdecken: nichts. Keine Hinweise auf gefährliche Gase oder andere Stoffe.

„Das heißt aber nicht, dass dort keine Substanzen ausgetreten sind“, sagt Unger. Vermutlich hatte sich nur der Stoff bereits verflüchtigt. Ein Ergebnis der Blutgasanalyse vom Institut für Rechtsmedizin liege noch nicht vor. Auch die technischen Geräte seien überprüft worden – ebenfalls ohne Befund.

Betroffene Kantine wieder freigegeben

Im Laufe des Tages konnten alle Patienten das Krankenhaus verlassen. Die Kantine sei wieder freigegeben worden, sagte HHLA-Sprecherin Annette Krüger. Die HHLA habe zudem veranlasst, dass alle Oberflächen gereinigt und offene Lebensmittel entsorgt werden. Auswirkungen auf den regulären Betrieb am Burchardkai habe es nicht gegeben.

Die Polizei ermittelt in dem mysteriösen Fall, übernommen hat ihn aber nicht die Fachdienststelle für Umweltdelikte. Grund: Es seien weder Gefahrenstoffe gemessen worden, noch befänden sich derartige Substanzen in der Kantine. Auch die Hafenarbeiter seien damit nicht in Kontakt gekommen, sagte Polizeisprecher Daniel Ritterskamp.

Als Ermittlungsansatz bliebe daher der Verdacht einer gefährlichen Körperverletzung übrig. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, so Ritterskamp. Hat jemand mit Reizgas gesprüht? Schon in früheren, vergleichbaren Fällen konnte die Feuerwehr nach Reizgas-Exposition keine Schadstoffe in der Raumluft feststellen. Diese Annahme, so Ritterskamp, sei auch Gegenstand der Ermittlungen.