Hamburg-Harburg

Leichenteile im Müllsack

Foto: Michael Arning

Die Kripo rätselt über den Zusammenhang mit einem Niedergestochenen am Harburger Bahnhof.

Hamburg. Noch ist es ein Fall, der auch für die Ermittler voller Rätsel steckt. Eines ist allerdings bereits klar: Die Mordkommission der Kripo hat es seit gestern mit einem der spektakulärsten Tötungsdelikte zu tun, die sich in den zurückliegenden Jahren in der Hansestadt ereignet haben. Schauplatz der Ereignisse: der Bereich rund um den Harburger Fernbahnhof. Hier wurden gestern Morgen zunächst ein durch zahlreiche Messerstiche schwer verletzter Mann und einige Stunden später ein blauer Müllsack mit Leichenteilen gefunden.

Als nahezu sicher scheint - bei aller wegen des frühen Ermittlungsstandes gebotenen Vorsicht -, dass beide Taten miteinander zusammenhängen. Denn der jetzt Schwerverletzte wohnte noch bis vor kurzer Zeit mit einem Mann zusammen, der seit Mai als vermisst gilt - und bei dem es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um den Toten im Müllsack handelt. Doch schon bei der zunächst naheliegenden Frage, ob es einen dritten Mann gibt, einen, der möglicherweise den Müllsack gemeinsam mit dem später Verletzten ablegte und diesen als Mitwisser dann niederstach, gibt es Zweifel. Denkbar scheint auch, dass der Schwerverletzte sich das Messer selbst mehrfach in Hals und Oberkörper rammte.

+++ SO SICHER IST IHR STADTTEIL +++

Um 5.30 Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, dreht der Gebäudereiniger Esref K., 57, auf dem Vorplatz des Harburger Bahnhofes seine Runden. Wie immer passiert er dabei auch jenen kleinen Abgang, den Rollstuhl- und Fahrradfahrer nutzen, um vom alten Fernbahnhof durch die Tunnelanlagen zum daneben gelegenen S-Bahnhof zu gelangen. Dort, dicht an einer Wand, liegt Orhan Y. in seinem Blut.

Esref K. alarmiert Bundespolizisten, die auf dem Bahnhof Dienst tun, ruft Rettungskräfte. Als die Sanitäter eintreffen, ist der 53-Jährige schon nicht mehr ansprechbar. Er hat viel Blut verloren und tiefe Wunden. Er kommt ins Krankenhaus, wo Ärzte seinen Zustand zunächst in einer stundenlangen Operation stabilisieren. Dennoch schwebt er auch noch am Abend in Lebensgefahr.

Am Harburger Bahnhof treffen unterdessen immer mehr Spezialisten der Polizei ein. Die Mordkommission, macht sich an die Arbeit, sichert jede noch so kleine Spur im Tunneleingang und auf dem Bahnhofsvorplatz. Auch ein Messer finden sie. Es zeigt aber keine frischen Blutspuren. Ob es sich um die Tatwaffe handelt, ist deshalb noch vollkommen unklar. Beamte sichern Bildmaterial aus den vor Ort installierten Videokameras und befragen Zeugen. Sie stellen fest: Orhan Y. ist auf dem Harburger Bahnhof beileibe kein Unbekannter. Noch bis vor wenigen Wochen hatte er hier in der Reinigungskolonne gearbeitet, bis er aufgrund starker körperlicher Beschwerden in Frührente gehen musste. Er war also ein Kollege des Mannes, der ihn fand. Bei allen beliebt, als ruhig beschrieben. Eine Bäckereiangestellte, die wie Orhan Y. aus der Türkei stammt: "Natürlich kenne ich ihn. Ein netter Mann. Er lebte allein hier, wollte bald zurück zu seiner Familie in die Türkei ziehen. Das hat er mir vor Kurzem noch erzählt."

Noch während der Spurensicherung auf dem Bahnhofsvorplatz geht erneut ein Anruf bei der Polizei ein. Ein aus Portugal stammender Passant, 68, der in der Harburger Poststraße an einem Abhang austreten wollte, schildert dem Beamten, er habe wohl soeben eine Leiche entdeckt. Sie sei zerstückelt und in einzelnen Tüten in einen Plastiksack gepfercht worden. Der Fundort des Sackes liegt nur etwa 100 Meter entfernt von jenem Tunnelzugang, in dem Orhan Y. am frühen Morgen gefunden wurde.

Erneut rücken Beamte der Mordkommission aus. Sie sperren den Fundort ab, vergewissern sich des Inhaltes. Es sind tatsächlich Teile einer männlichen Leiche. Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei durchkämmt die Umgebung. Spürhunde werden an den Sack geführt. Mit Wattetupfern nehmen Mordermittler Spuren auf, nicht nur vom blauen Müllbeutel, auch von einem kofferähnlichen Gegenstand, der zusammen mit dem Sack aus dem Unterholz gezogen wird.

Eine erste Querverbindung der beiden Fälle stellen jedoch nicht die Ermittler vor Ort, sondern die Kollegen am Computer her, als sie die Personalien des Verletzten Orhan Y. abklopfen. Der Frührentner ist in einer Wohnung im niedersächsischen Buchholz in der Nordheide gemeldet. In der Stettiner Straße. Gemeinsam mit einem 50-Jährigen namens Ahmet K. - und der gilt seit dem 27. Mai als vermisst.

Der staubige, ungepflasterte Weg führt an graubraunen Mehrfamilienhäusern vorbei, die hier kurz nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden. Ein idyllischer Ort, mitten in Buchholz und doch naturnah, vor der ausufernden Kleinstadt durch Stadtsee und Bahngleise geschützt. "Im vergangenen Jahr wurde hier Kanalisation verlegt", sagt einer der Anwohner, der in der Nachmittagsonne den vermoosten Rasen mäht. Bald soll die Straße asphaltiert werden. "Ahmet K." steht in ausgeblichenen Lettern an einer der braunen Wohnungstüren im ersten Stock. Die Farbe im Treppenhaus ist längst vergilbt. Lange wurde hier nicht mehr gestrichen. Vor der Wohnung stehen drei Paar schwarze elegante Halbschuhe und halbhohe Stiefel. Seit etwa drei Jahren teilte sich Orhan Y. die knapp 45 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung mit Ahmet K. Er ging früh, kam spät. Anwohner erinnern sich an flüchtige Begegnungen, ein hingeworfenes "Guten Tag". Sonst nichts. Auffällig waren hingegen die Besuche aus Hannover. Mehrmals sei ein großer blauer Mercedes mit hannoverschem Kennzeichen vorgefahren, darin mehrere Männer. Besuche, die Misstrauen hervorriefen: "Wir wussten ja, dass er bei der Bahn arbeitete. Und so ein großer Mercedes, das passt einfach nicht zusammen", sagt ein Nachbar.

Es soll Orhan Y., gewesen sein, der Ahmet K. am 27. Mai als vermisst meldete, der auch Polizeibeamte empfing, als die dem Fall nachgingen. Nachbarn berichten, er habe nach dem Besuch Koffer gepackt. Der blaue Müllbeutel ist nach ersten Erkenntnissen am Dienstagmorgen im Gebüsch abgelegt worden. Die Leichenteile sollen jedoch schon Verwesungszeichen aufweisen. Offiziell äußert die Polizei keinerlei Verdacht. Doch aus Ermittlerkreisen hieß es am Abend, es sei denkbar, dass sich Orhan Y. die Verletzungen selber beigebracht habe. Zunächst werde jedoch die DNA von Ahmed K. mit der von den Leichenteilen abgeglichen. Erst dann werde auch nach Spuren von Orhan Y. gesucht, genauso, wie man an seinem Körper nach Spuren forscht, die auf einen Kampf hindeuten. "Wir können bislang nichts ausschließen", sagt Polizeisprecher Holger Vehren. "Der 53-Jährige wird bei uns derzeit als Opfer angesehen."