Konzerte

Die neuen Saiten der Elbphilharmonie

Foto: Marcelo Hernandez

Die 29-jährige Geigerin Arabella Steinbacher und zwei Musiker-Kollegen werben auf der "Queen Mary 2" für das Konzerthaus.

HafenCity. Als die Geigerin Arabella Steinbacher am Sonnabendnachmittag auf der "Queen Mary 2" ankommt, ist von den Anstrengungen ihrer Woche nichts zu spüren. Drei Konzerte auf Musikfestivals in Mecklenburg-Vorpommern, im Weinschloss Johannisberg im Rheingau, an der Mosel und am Dienstag noch eines bei Papst Benedikt XVI. in dessen Sommerresidenz Castelgandolfo liegen hinter ihr. Jetzt steht die 29 Jahre alte Violinsolistin in der Hamburger Sonne an der Reling auf Deck 7, im Hintergrund die Elbphilharmonie. Als deren musikalische Botschafterin ist sie eingeladen. Mit einem "Elbphilharmonie Konzert" im Royal Court Theatre an Bord - gemeinsam mit Cellist Daniel Müller Schott und dem Harfenisten Xavier de Maistre - soll sie die Transatlantik-Passagiere auf die Qualitäten der Musikmetropole in spe aufmerksam machen. Selbst hat sie bisher noch keinen Fuß in den Neubau setzen können, aber welcher Musiker würde sich nicht freuen, wenn seiner Kunst ein solcher Tempel errichtet wird? In zwei Stunden, beim Auslaufen, wird sie ihn von Bord aus schon mal ganz nah und auf Augenhöhe betrachten können. Erst mal aber freut sich Arabella Steinbacher über die glückliche Kombination von Konzert und Seeluft und auf das Wiedersehen mit Hamburg. Und darüber, dass ihre japanische Mutter Zeit hat, dabei zu sein.

Was sie mit Hamburg verbindet? "Ich habe ein paarmal in der Laeiszhalle gespielt", und es gibt eine gute Beziehung zum NDR-Sinfonieorchester, die Christoph von Dohnányi geknüpft hat. "Ich bin ihm in Chicago begegnet, dann hat er mich eingeladen, zur Eröffnung des Schleswig-Holstein Musik Festivals das Brahms-Konzert zu spielen."

Die Geigerin ist längst fest drin im internationalen Solistenkarussell, mit Einladungen bis ins Jahr 2014. Sie versuche das ein bisschen zu reduzieren. "Aber was soll ich machen, wenn ich schon lange ein Konzert in San Francisco mit Blomstedt zugesagt habe, dann eines beim WDR in Köln. Und dann fragt Zubin Mehta, ob ich nicht das Tschaikowsky-Konzert in Mumbai spielen möchte, genau dazwischen. Natürlich möchte ich! Und hab's auch gemacht." In nur drei Tagen. "Kann man hinkriegen, aber gesund ist das wohl nicht." Dafür meditiert sie vor jedem Konzert, "vielleicht sind das meine halbjapanischen Wurzeln. Damit ich ganz in meiner Mitte bin und von innen heraus spielen kann. Meine oberste Priorität: möglichst natürlich aus dem Bauch heraus zu spielen. Ich spiele sehr emotional."

Für den guten Ton ist neben ihrem Können der Inhalt des eleganten Geigenkastens verantwortlich, den sie nie aus den Augen lässt: "Eine Stradivari von 1716, eine Leihgabe der Nippon Music Foundation." Sie hatte schon andere Top-Violinen, jedes Mal dauert es Monate, bis sich die Ausdrucksmöglichkeiten einander angepasst haben. Sie sucht einen warmen, runden Klang, mit Brillanz, aber ohne Schärfe. Geigen leben, davon ist sie fest überzeugt. "Man spürt das richtig. Instrumente, die lange nicht gespielt wurden, klingen richtig beleidigt, ganz verschlossen, die haben gar keine Lust mehr zu sprechen. Aber man kann sie wieder aufwecken."

Arabella Steinbacher erzählt lebhaft, kein bisschen Star-Attitüde. Von ihrem Weg zur Musik, der mit drei Jahren begann, von ihren Lehrern, die bald merkten, dass ihre Schülerin schneller und besser lernte als andere. Wer ihre langen, schmalen Finger sieht, glaubt gern, dass ihr manche Griffe leichter fallen als anderen.

Im Mai ist sie trotz Bedenken zu einem Benefizkonzert für die Opfer von Erdbeben und Atomunglück nach Japan geflogen. "Das war sehr intensiv. Ich hab gespürt, dass die Leute dafür sehr dankbar waren." Überhaupt, Japan: "Das ist schon meine halbe Heimat, ich spreche Japanisch, war als Kind oft dort, bei meinen Großeltern. Und ich habe heute noch, wenn ich in Japan bin, so ein Kindheitsgefühl im Bauch." Man gönnt den "Queen Mary"-Passagieren die charmante Elbphilharmonie-Botschafterin - und hofft heimlich, es möge nicht bis zur Fertigstellung des Konzerthauses dauern, bis sie wieder mal in Hamburg spielt.