Hamburg. „Wenn einem alles genommen wird, was dann?“ – diese Frage stellt das neue Format „Exil“ und liefert ergreifende Einblicke.

Es gibt Podcasts, die lassen sich gut nebenbei anhören – als Begleitung beim Kochen, beim Putzen, beim Einkaufen. Und dann wiederum gibt es Podcasts, die erfordern Konzentration und Ruhe: Denn die Geschichten, die erzählt werden, wiegen schwer und sind zu ergreifend, als dass auch nur ein Satz im Multitasking-Gewusel verloren gehen sollte. Zu dieser Kategorie gehört „Exil“, die neue Produktion der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) in Kooperation mit dem Leo Baeck Institute New York/Berlin.

Die Schauspielerin und Aktivistin Iris Berben erzählt in dem Podcast zwölf meist bislang unbekannte Geschichten deutschsprachiger Jüdinnen und Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Folgen erscheinen ab dem 7. Dezember wöchentlich und sind auf der Website der bpb sowie auf den gängigen Podcast-Plattformen zu finden.

Iris Berben spricht neuen bpb-Podcast „Exil“: Vorgänger ist englische Version

„Wenn einem alles genommen wird, was dann?“, diese Frage begleitet die Zuhörenden – und der Podcast liefert ganz unterschiedliche Antworten. So erzählt Berben zum Beispiel Albert Einsteins Suche nach Zuflucht vor seinem Erfolg an einem ruhigen See in Caputh. Die Informationen, auf denen der Podcast beruht, stammen aus Briefen, Tagebüchern, Dokumenten und Interviews der Protagonisten und ihrem Umkreis, die im Archiv des Leo Baeck Institutes aufbewahrt sind.

„Exil“ ist die deutsche Version der preisgekrönten, englischsprachigen Version „Exile“. Die Synchronsprecherin Berben ist die passende Wahl, um diesen Podcast zu hosten: Die 73-Jährige setzt sich gegen Antisemitismus und Rassismus ein, im Jahr 2002 erhielt sie für ihr Engagement vom Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis. Auch zum Krieg im Nahen Osten und antisemitischen Angriffen in Deutschland äußert sie sich medial.

Iris Berben spricht Podcast mit einnehmender, leicht zu folgender Stimme

Doch es ist nicht nur der Aktivismus, der Berben für die Rolle als „Exil“-Podcast-Sprecherin auszeichnet: Ihrer angenehmen und einnehmenden Stimme hört man gern zu. Durch die glasklare Betonung und die spannende, aber nicht aufdringliche Erzählweise fällt es leicht, den Geschichten zu folgen. Abwechselnd sind auch musikalische Einschübe und andere Synchronstimmen zu hören, um Briefe oder Zitate der Protagonisten zu verlesen. Dadurch entsteht für den Zuhörenden eine Atmosphäre, als wäre man Teil des Geschehens.

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In der ersten Folge geht es um Florence Mendheim, eine jüdische Bibliothekarin, die ein Doppelleben in den 30er-Jahren in New York führt. Zu dieser Zeit wurde die amerikanische Nazi-Bewegung immer stärker und präsenter in der Öffentlichkeit – zuvor als „Friends of New Germany“-Gruppierung und später als „German American Bund“. Mendheim entschied sich für eine riskante, geheime Identität: Unter dem Decknamen „Gertrude Müller“ arbeitete sie als Spionin für den American Jewish Congress (AJC) und begab sich unter Nazis – und tat so, als wäre sie eine von ihnen.

Welche erschütternden Einblicke sie dort in die Nazi-Gruppierungen erhielt, und in welche Gefahr sie sich mit ihrem Spion-Dasein begab, das erzählt die erste Folge von „Exil“ in 45 Minuten. Ein wichtiger Podcast, und zwar nicht erst, aber besonders in diesen Zeiten.