Schulpolitik

So reagiert Hamburg auf steigende Schülerzahlen

Das ehemalige Einkaufszentrum Vivo in Ottensen soll zu einer Stadtteilschule umgebaut werden.

Das ehemalige Einkaufszentrum Vivo in Ottensen soll zu einer Stadtteilschule umgebaut werden.

Foto: Michael Rauhe

Ties Rabe hat den geänderten Schulentwicklungsplan vorgestellt: Es werden neue Schulen gebaut, Kosten: mehr als vier Milliarden Euro.

Hamburg. Der rot-grüne Senat hat noch einmal nachgelegt: Laut dem neuen Schulentwicklungsplan, dessen endgültige Fassung Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Dienstag im Rathaus vorstellte, sollen 44 neue Schulen statt nur 39 in den kommenden Jahren gebaut werden. Rabe griff mit den Planänderungen Vorschläge aus den Bezirksversammlungen, den Schulgemeinschaften sowie von Kammern und Verbänden auf.

Neu in die Planung aufgenommen sind ein weiteres Gymnasium in Bergedorf (Billwerder Straße), in Neugraben sowie auf St. Pauli (Wohlwillstraße). Die Region Walddörfer soll eine weitere Stadtteilschule erhalten, und in Bergedorf und Harburg soll jeweils eine zusätzliche Grundschule entstehen. Auf Wunsch der bereits bestehenden weiterführenden Schulen verzichtete Rabe auf das Vorhaben, in Bramfeld ein neues Gymnasium zu errichten. Statt dessen sollen die vorhandenen Gymnasien erweitert werden.

Bezirk Hamburg-Mitte bekommt neun zusätzliche Schulen

Insgesamt sollen 21 neue Grundschulen, 13 Stadtteilschulen und sieben Gymnasien neu gebaut werden. Über die genaue Planung dreier weiterer weiterführender Schulen in Bahrenfeld (Trabrennbahn), Othmarschen (AK Altona) und Harburg ist noch nicht entschieden. Schwerpunkte sind wegen des massiven Wohnungsneubaus die Bezirke Harburg und Bergedorf mit jeweils sieben neuen Schulen. Spitzenreiter ist jedoch der Bezirk Hamburg-Mitte mit neun zusätzlichen Standorten. Zu den geplanten Neubauten zählt auch eine Stadtteilschule im ehemaligen Öko-Einkaufszentrum Vivo in Ottensen. Nach den Worten Rabes ist der Bau für eine Schule grundsätzlich geeignet, obwohl größer als erforderlich. „Ein Problem sind aber die fehlenden Außenflächen“, sagte Rabe.

Hamburg erwartet einen enormen Anstieg der Zahl der Grundschüler um rund 25 Prozent bis 2030. Grundlage der Prognose ist ein entsprechender Anstieg bei den bis zu einem Jahr alten Kindern in den vergangenen Jahren. Insgesamt wird mit einem Anstieg der Schülerzahl um 40.000 auf 215.000 Jungen und Mädchen bis 2030 gerechnet.

Ein weiterer Schwerpunkt des notwendigen Kapazitätsausbaus ist die Erweiterung von 123 der 310 allgemeinbildenden Schulen. Rabe lobte die insgesamt „konstruktiven Vorschläge und guten Ideen“, die im Rahmen des Beteiligungsverfahrens eingereicht worden waren. „Es stimmt nicht, dass sich Schulen immer dagegen wehren, größer zu werden“, sagte der Senator.

Zehn Schulen lehnen einen Ausbau ab

In 30 Fällen würden Schulen auf Wunsch der Schulgemeinschaften nun erweitert, obwohl dies nicht vorgesehen war. Umgekehrt lehnten zehn Schulen einen weiteren Ausbau ab. Zu den bekanntesten Fällen zählt die Max-Brauer-Schule in Bahrenfeld, deren Grundschule nun von drei nur auf fünf statt auf sechs Züge erweitert werden soll. Auch für die Ida-Ehre-Schule in Eimsbüttel wurde eine Begrenzung auf sieben statt auf 7 bis acht Züge festgeschrieben. Perspektivisch soll in Eimsbüttel eine weitere Stadtteilschule gebaut werden.

Rabe rechnet mit Gesamtbaukosten von vier bis fünf Milliarden Euro. Da es bei den jetzigen Standards bleiben soll – also die Klassen zum Beispiel nicht vergrößert werden – müssen laut Rabe rund 3000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. „Wie enorm diese Aufgabe ist, zeigt sich daran, dass rechnerisch jeder zehnte Hamburger Abiturient Lehrer werden müsste. Dabei soll es ja auch andere interessante Berufe geben“, sagte Rabe. Die Schulbehörde hat bereits die Zahl der Referendarsstellen aufgestockt. Laut Rabe müssen auch die Studierendenzahlen erhöht werden. „Jetzt machen rund 650 Lehramts-Studierende pro Jahr ihren Masterabschluss, perspektivisch müssen es 900 werden“, sagte der Schulsenator.

Nachdem Rabe Anfang Mai einen ersten Entwurf für den Schulentwicklungsplan vorgestellt hatte, wurde intensiv über die neuen Campus-Stadtteilschulen diskutiert. Diese Schulen sollen auch einen Gymnasialzweig erhalten, an dem die Schüler bereits nach acht Jahren Abitur machen können. Manche Kritiker sahen darin eine neue, dritte Schulform, andere befürchteten eine Schwächung der Stadtteilschulen.

Die Opposition kritisiert die Beratungszeit als zu kurz

Der Schulsenator hat seine Pläne nun abgeschwächt: Statt, wie bislang vorgesehen, zehn sollen nur noch sechs Campus-Stadtteilschulen gebaut werden: HafenCity, Elbinselquartier (Veddel), Eckernförder Straße (Altona-Nord), Lokstedt, Schnelsen-Nord und Tessenowweg (Alsterdorf). „Wir haben in der Diskussion erkannt, dass das Modell in einigen Stadtteilen nicht funktioniert“, sagte Rabe, der den Schultyp im Prinzip verteidigte: „Stadtteilschulen mit Gymnasialzweigen sind bei Eltern sehr beliebt, wie die Heinrich-Hertz-Schule und die Gyula-Trebitsch-Schule zeigen.“

Die CDU-Schulpolitikerin Birgit Stöver begrüßte Rabes Kurswechsel bei den Campus-Stadtteilschulen. „Es ist gut, dass der Senator die Zahl der neu zu gründenden Schulen auf sechs begrenzen will. Damit bleiben die Schulen die Ausnahme“, sagte Stöver, die das Beteiligungsverfahren als zeitlich zu kurz kritisierte. „Auch der überarbeitete Plan ist bestenfalls ein Notprogramm“, sagte Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus, die ein breites Beteiligungsverfahren auf regionaler Ebene forderte. Auch FDP-Fraktionschefin Anna von Treuenfels-Frowein kritisierte die zu knappe Beratungszeit.

Laut Rabe gingen Stellungnahmen von 350 Gremien mit 5500 Beteiligten ein. In mehr als 50 Fällen sei die ursprüngliche Planung verändert worden. Am 1. Oktober soll die Deputation der Schulbehörde den Schulentwicklungsplan beraten und beschließen. Danach beginnt die Umsetzung der Projekte.