Hamburg

Senat und Vattenfall streiten um Zukunft der Fernwärme

Knackpunkt bei den Gesprächen um die Hamburger Fernwärme-Versorgung: das Kohlekraftwerk Moorburg

Knackpunkt bei den Gesprächen um die Hamburger Fernwärme-Versorgung: das Kohlekraftwerk Moorburg

Foto: picture alliance

Wie Hunderttausende Hamburger künftig mit Wärme versorgt werden, wird erst 2018 entschieden. Knackpunkt: das Kraftwerk Moorburg.

Hamburg. Um die Zukunft der Hamburger Fernwärme-Versorgung ist ein erbitterter Streit zwischen dem rot-grünen Senat und dem Energieversorger Vattenfall entbrannt. Die Gesellschafterversammlung der Fernwärme Hamburg GmbH, an der die Stadt zu 25,1 und Vattenfall zu 74,9 Prozent beteiligt sind, konnte sich am Freitag nicht auf das von Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) vorgestellte Konzept einigen.

Wie umgerechnet 480.000 „Wohneinheiten“ (dazu zählen neben Wohnungen auch Hotels oder Büros) mit Wärme versorgt werden sollen, wird nun wohl erst 2018 entschieden. An dieser Frage hängt auch der Rückkauf des Fernwärmenetzes durch die Stadt.

Konzern will auch Wärme aus Kohlekraftwerk einspeisen

Knackpunkt ist der Anschluss des Kohlekraftwerks Moorburg an das Fernwärmenetz: Kerstans Konzept sieht vor, als Ersatz für die Wärme aus dem veralteten Kohlekraftwerk Wedel unter anderem die Abwärme mehrerer Indus­triebetriebe sowie der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm (MVR) in Altenwerder zu nutzen. Diese soll mittels einer neuen Leitung unter der Elbe hindurch in den Nordwesten der Stadt transportiert werden. Diese „Süd-Variante“ hatte er erst im November vorgestellt und betont, damit werde die Wärmeversorgung ab 2025 im Wesentlichen auf erneuerbaren Energien fußen und ohne den Einsatz von Kohle auskommen. Wedel soll dann stillgelegt und das ebenfalls noch mit Kohle befeuerte Kraftwerk Tiefstack auf Gas umgestellt werden.

Doch diesem Plan macht Vattenfall nun einen Strich durch die Rechnung, indem der Konzern fordert, auch die Wärme seines fast neuen Kohlekraftwerks in Moorburg zu nutzen. Es liegt quasi in Sichtweite der MVR und der geplanten neuen Leitung. Der schwedische Staatskonzern dürfte das wirtschaftliche Interesse haben, die ohnehin anfallende Wärme des Kraftwerks zu verkaufen und verweist zudem auf die Verbraucherpreise, die ohne die Moorburg-Wärme nicht stabil gehalten werden könnten. Auch die CDU warnt vor einem Preisanstieg um bis zu 30 Prozent und fordert, Wärme aus Moorburg zu nutzen.

Der Umweltsenator rechnet bei Umsetzung seines Konzepts hingegen mit maximal zehn Prozent höheren Preisen. Für ihn ist die Nutzung der Wärme aus Moorburg ein rotes Tuch. Denn er befürchtet, dass das kohlebetriebene und von den Grünen daher stets bekämpfte Riesen-Kraftwerk auf diese Weise eine neue Legitimation erhalten könnte. „Ich bin etwas überrascht, dass Vattenfall immer noch versucht, Wärme aus Moorburg in das Wärmenetz zu liefern und das vorliegende erneuerbare Konzept auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben will“, übte der Senator am Freitag Kritik an seinem Verhandlungspartner. „Solange Vattenfall auf diesen Plänen beharrt, können wir das Gesamtkonzept für den Wedel-Ersatz nicht beschließen.“ Er sei aber „zuversichtlich“, dass man im nächsten Halbjahr zu einer Verständigung kommen könne.

Der Streit hat eine lange Vorgeschichte

Senat und Vattenfall gaben in getrennten Mitteilungen bekannt, dass man zwar grundsätzlich die Süd-Variante verfolgen wolle. Für die neue Leitung unter der Elbe wurden auch bereits 6,8 Millionen Euro an Planungsmitteln freigegeben. Doch auch der Energiekonzern betonte, dass es „keinen Konsens“ zur genauen Ausgestaltung dieser Variante gebe. „Generell sind wir weiterhin davon überzeugt, dass die Erschließung vorhandener Wärmequellen und deren Anschluss an unser Fernwärmesystem mittelfristig die bestmögliche Lösung für eine zukunftsfähige Versorgung ist“, sagte Vattenfall-Chef Pieter Wasmuth – ohne dabei das Reizwort „Moorburg“ zu verwenden. So könnten die CO2-Emissionen nachhaltig gesenkt und ein Beitrag zur Erreichung der Hamburger Klimaschutzziele geleistet werden, betonte Wasmuth. „Das passt nicht zusammen“, kontert Kerstan und betonte: „Wir haben ein Konzept, mit dem wir Wedel zeitnah, klimafreundlich und zu vertretbaren Preisen ablösen können – ohne Moorburg-Wärme. Dieses Konzept hat auch der Energienetzbeirat gerade positiv bewertet.“ Im Übrigen gelte das Ziel: „Wir wollen den schnellstmöglichen Kohleausstieg in der Wärme.“

Der Streit hat eine lange Vorgeschichte. 2013 hatten die Hamburger per Volksentscheid den damaligen SPD-Senat aufgefordert, die Strom-, Gas- und Fernwärmenetze zurück in staat­liche Hand zu holen. Das Stromnetz hat Hamburg bereits für rund 500 Millionen Euro wieder von Vattenfall übernommen, 2018 folgt das Gasnetz vom Mehrheitsgesellschafter E.on für 275 Millionen Euro. Für die Fernwärme war 2014 ein Übergang in 2019 vereinbart worden, wobei sich Vattenfall einen Mindestverkaufspreis von 950 Millionen Euro vertraglich zusichern ließ.

Da das 1961 erbaute Kohlekraftwerk Wedel so schnell wie möglich abgeschaltet werden soll, hatte der Senat jedoch bereits Pläne für die künftige Fernwärmeversorgung entworfen. Das Ziel war, zunächst das Konzept zu verabschieden und auf der Basis dann den realen Wert der Fernwärmegesellschaft für den Rückkauf zu ermitteln. Doch das müsse nun alles als Paket verhandelt werden, stellte Kerstan klar.

„Umweltsenator Kerstan kann weiterhin keine Lösung für die Frage nach dem Ersatz des Kraftwerks Wedel präsentieren“, kritisierte Stephan Gamm (CDU). „Die ideologische Verweigerungshaltung, einen Anteil des Wärmebedarfs unserer Stadt durch das vorhandene Kraftwerk Moorburg zu decken, gefährdet die wirtschaftliche Tragfähigkeit der zukünftigen Fernwärmeversorgung unserer Stadt und birgt das Risiko von immensen Preissteigerungen.“