Hamburg

„Umfragen sind keine Astrologie“

Prof. Kai-Uwe Schnapp ist Politikwissenschaftler an der Uni Hamburg und verantwortet die aktuelle Hamburg-Umfrage

Prof. Kai-Uwe Schnapp ist Politikwissenschaftler an der Uni Hamburg und verantwortet die aktuelle Hamburg-Umfrage

Foto: Michael Rauhe

Politikforscher Kai-Uwe Schnapp über Kritik an der Demoskopie und die größte Überraschung seiner Befragung.

HamburG.  Zuletzt lagen die Demoskopen mit Prognosen oft deutlich daneben – etwa bei Brexit oder US-Wahl. Im Abendblatt-Interview spricht der Leiter der aktuellen Hamburg-Umfrage, Politikwissenschaftler Prof. Kai-Uwe Schnapp von der Universität Hamburg, über Qualität und Sinn von Umfragen – und nennt die für ihn überraschendste Erkenntnis aus den aktuellen Zahlen.

Ist Ihre aktuelle Umfrage repräsentativ im herkömmlichen Sinne - trotz des ungewohnt langen Befragungszeitraums von mehr als zwei Monaten?

Kai-Uwe Schnapp: Ja, die Umfrage ist eine repräsentativ Telefonumfrage nach den Regeln der Kunst. Im Prinzip glättet der längere Befragungszeitraum den Effekt einzelner Ereignisse. Große weltpolitische Ereignisse, wie etwa die US-Wahl, hinterlassen natürlich bei Befragungen deutliche Spuren, wenn sie die abgefragten Themen berühren. Ich sehe aber nichts, das, bezogen auf die hier von uns gestellten Fragen, die Welt massiv verändert haben könnte.

Es gab zuletzt massive Kritik an Umfragen , etwa zur US-Wahl oder zum Brexit. Auch die AfD wurde vor Landtagswahlen unterschätzt. Sind Umfragen am Ende nur bessere Astrologie?

Na ja, etwas anderes als Astrologie sind Umfragen schon. Wir Umfrageleute müssen nur immer wieder erklären, wie sie funktionieren, damit man keine Wunder erwartet. Beispiel AfD: Wir wissen, dass es Menschen gibt, die die AfD wählen, das in einer Befragung aber nicht sagen. Außerdem machen sie bei Umfragen oft nicht mit. Folglich wird die AfD oft unterschätzt. Beispiel Trump: Das Ergebnis war sehr knapp, außerdem bekam Clinton ja die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Aber die Effekte des US-Wahlsystems sind sehr schwer vorherzusagen. Eigentlich gar nicht, wenn die Wahl so knapp ist. Das muss man natürlich auch ansagen. Das Gleiche gilt für den Brexit. Wenn ich 1000 Leute befrage, davon sagen 48 Prozent „Ja, ich will raus“ und 52 Prozent „Nein, ich will drin bleiben“, dann muss ich als Umfrageforscher sagen: Es sieht ein wenig nach „Nein“ aus, aber sicher kann ich das nicht sagen. Die Vorhersageunsicherheit ist größer als der Abstand zwischen den gemessenen Werten.

Was kann man realistischerweise von Umfragen erwarten?

Wir können, je nach Größe der Stichprobe, eine bestimmte Genauigkeit der Vorhersage mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit erreichen, wenn alles andere stimmt. Diese Genauigkeit beträgt bei 1000 Befragten und einem gemessenen Wert von 48 Prozent, wie eben erwähnt, für ein „Ja“ zu irgendetwas etwa plus/minus drei Prozentpunkte.

Umfragen beeinflussen den Wahlkampf und also das Wahlergebnis – ist das nicht schädlich für die Demokratie?

Man muss davon ausgehen, dass jede Information, die ich in eine Gesellschaft hineingebe, darin etwas bewirkt. In dem Sinne: Ja, Umfragen können Wahlen beeinflussen, durch Mobilisierung und Demobilisierung und dadurch, dass sie Informationen verfügbar machen, Personen zu strategischem Wählen anregen usw. Aber so, wie Frau Noelle-Neumann das einmal Instituten vorgeworfen hat, dass die Schröder zur Wiederwahl verholfen hätten, und das auch noch absichtlich, das halte ich für Quatsch. Die Effekte können in so unterschiedliche Richtungen gehen, dass man am Ende oft sowieso nicht weiß: Was ist denn nun wirklich der Effekt der Umfragen?

Also entsteht kein Schaden für die Demokratie durch den Dauerbeschuss der Wähler mit Umfragen?

Nein, ich denke nicht. Wenn sie ordentlich gemacht und die Ergebnisse ehrlich und selbstkritisch berichtet werden, dann tragen sie dazu bei, dass wir etwas über uns lernen. Und etwas zu lernen, auch über sich, das kann in einer Demokratie nicht schlecht sein.

Was ist für Sie das überraschendste Ergebnis Ihrer aktuellen Umfrage?

Dass die SPD so gut dasteht und es der CDU nach wie vor so schlecht geht.