Serie: Teil 17

Begegnungen: Politik rund um die Uhr – aus Leidenschaft

Johannes Kahrs und Sven Hielscher vor dem Altonaer Rathaus

Johannes Kahrs und Sven Hielscher vor dem Altonaer Rathaus

Foto: Michael Rauhe

SPD-Bundespolitiker Kahrs und den CDU-Bezirkspolitiker Hielscher verbindet langjähriger Einsatz – und ein enormes Arbeitspensum.

Ottensen.  Kampferprobte Schlachtrösser, die seit Jahrzehnten in ihren Parteien aktiv sind und denen im politischen Geschäft nichts fremd ist, haben langatmige Vorreden nicht nötig. Im Nu sind der Christdemokrat Sven Hielscher und der Sozialdemokrat Johannes Kahrs mittenmang. Im wahrsten Sinn des Wortes: In der Kneipe „Alt Ottensen“ nahe des Rathauses Altona geht’s herzerfrischend zur Sache – schnörkellos und hemdsärmelig.

Gute Politik, da besteht Einigkeit, findet nicht abgehoben statt, sondern mit Bodenhaftung. Der Bundestagsabgeordnete Kahrs berichtet von rund 200 Hausbesuchen, die er jährlich im Bezirk Mitte durchführt – nicht nur vor Wahlen. Apfelkuchen mit Guss gehört dazu. Außerdem organisiert der SPD-Mann Jahr für Jahr für 8000 Hamburger Busfahrten in die Hauptstadt, ein Besuch des Bundestages inklusive. Entweder bei der Hin- oder der Rücktour sitzt er immer mit an Bord. Das schafft Kontakte und Bodenhaftung.

Seit 1977 ist der Politiker in der CDU aktiv

Auch Hielscher mag es erdverwachsen. Basisarbeit, das ist seine Mission. Seit 1977 ist er in der CDU aktiv, seit 20 Jahren gehört er der Bezirksversammlung an, aktuell als stellvertretender Vorsitzender seiner Fraktion. Bau, Stadtplanung, Grün/Naturschutz und Sport sind seine Schwerpunkte. Ohne Sitzungen in Ausschüssen und Bürgergespräche vor Ort geht gar nichts. „Ich habe mich früh entschieden, kein Berufspolitiker zu werden“, sagt er. Sein Hauptberuf verschaffe ihm Unabhängigkeit und Freiheit.

Kollege Kahrs schätzt den Spagat zwischen der „großen“ Politik in Berlin und dem Einsatz zu Hause in Hamburg-Mitte. Bei Auslandsreisen ist er schon mal mit der Kanzlerin in einer Maschine. Als Hanseat hält er sich zwar dezent zurück, doch in der Hauptstadt gehört er zu den wichtigen Weichenstellern – als haushaltspolitischer Sprecher der SPD sowie als Chef des einflussreichen „Seeheimer Kreises“. Dieser Vereinigung gestandener Sozialdemokraten des gemäßigten Flügels gehören 69 Abgeordnete an, darunter auch der Parteivorsitzende und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Johannes Kahrs trat wegen Helmut Schmidt in die SPD ein

Letzteren bezeichnet Kahrs anerkennend als „Rampensau“ und als „politisches Urviech“, mithin als Pragmatiker, der eine erstarrte Verwaltung und Bürokratie verabscheut. In der SPD sagt man, Kahrs und Gabriel seien aus ähnlichem Holz geschnitzt. Der Sozialdemokratischen Partei trat Kahrs, ein gebürtiger Bremer, dessen Vater und Mutter jahrelang Senatorenämter bekleideten, 1982 wegen Helmut Schmidt ein. Und noch heute sei er ein „Fan von Gerhard Schröder“.

„Einspruch!“, wirft Sven Hielscher ein: „Ich halte es für unangemessen, in der Politik eine Fankultur zu entwickeln.“ Dafür habe er zu viele kommen und gehen sehen. Im Gegensatz zu Johannes Kahrs seien seine Eltern nicht politisch aktiv gewesen. Zurückhaltung sei vornehme Bürgerpflicht gewesen, wie es schon ein Vorfahr als „Königlich Preußischer Rangierlokomotivführer“ am Bahnhof der seinerzeit noch freien Stadt Altona vorlebte. Sven Hielscher trat während seiner Schulzeit in die Junge Union ein, deren Hamburger Landesvorsitzender er später wurde. Anlass war seine Opposition gegen die 68er-Bewegung. In Jugendorganisation wie Mutterpartei pflegte er seinen eigenen Stil. „Hanse-Bolschewik“ nannten sie ihn in der Jungen Union bisweilen.

Sendungsbewusstsein hat der eine wie der andere. Und jeder der beiden ist meilenweit entfernt vom Negativbild des gesichtslosen Karrierepolitikers in Nadelstreifen. Um parteipolitische Streitpunkte soll es in diesen Hamburger Begegnungen auch gar nicht gehen. Gemeinsam über den Tellerrand des Alltags zu blicken, das ist ein Ziel. Trotz aller Gegensätze gilt es, nach Gemeinsamkeiten zu suchen.

Kahrs hat sich vorher über Hielscher erkundigt. Die Auskunft: „ein Alphatier“

Persönlich getroffen haben sie sich noch nie. Profis indes machen sich vorher schlau. Kahrs gibt zu, sich zuvor in Berlin bei gut bekannten CDU-Abgeordneten nach Hielscher erkundigt zu haben. Übereinstimmende Einschätzung: „Alphatier.“ Andere im Umkreis des Lokalpolitikers bezeichnen Hielscher als Freigeist mit Ecken und Kanten, der in keine Schublade passe. Offensichtlich ist es kein Wunder, dass der Mann lieber im Stadtteil wirkt und nicht faule Kompromisse und Ränkespiele „da oben“ sucht.

Umgekehrt hat Hielscher von Kahrs’ Hausbesuchen mit Apfelkuchen, seinem erstklassigen Netzwerk und seinem strategischen Gespür vernommen. Im SPD-Bezirk Mitte wählten ihn zuletzt 85 Prozent der Genossen zum Vorsitzenden. Dadurch, so heißt es, habe er alle möglichen Hindernisse clever umschiffen können und sich ein solides Fundament aufgebaut. Wer Kahrs kennt, weiß was eine Hausmacht ist.

Beide bezahlen ihren Einsatz mit einem hohen zeitlichen Aufwand. Johannes Kahrs ist für seine Leidenschaft, die Politik, im Schnitt 80 Stunden pro Woche auf Achse. Und das Privatleben? Oft miteinander verknüpft. Mit seinem Freund hat er einen Kompromiss gefunden: Ein Abend in der Woche und ein Wochenende im Monat gehören den beiden. Während der Sitzungswochen jagt eine Konferenz die nächste, oft neunmal am Tag. Gut und gerne 30-mal im Jahr tritt er im Bundestag ans Rednerpult.

Fährt Kahrs mit dem Zug zurück nach Hamburg, geht’s nahtlos weiter. Stehen mal keine Polittermine auf dem Programm, besucht der SPD-Mann Informationsstände seiner Partei bei Straßenfesten oder Bürgertreffs. Gerne ganztags. Kommuniziert wird das Ganze über soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram. Seine 5000 Freunde bei Facebook freuen sich auf das allmorgendliche „Moin!“ oder kleine Filmchen mit alten Schlagerklassikern. Sehr politisch ist das nicht, hält aber bei Laune. Und bei Twitter hat der öffentlichkeitsbewusste Macher mehr als 7100 Follower.

Sven Hielscher hört interessiert zu. Soziale Medien sind seine Sache nicht. „Brauche ich auch nicht“, murmelt der Individualist. Lieber geht er mit Freunden oder Bürgern auf das eine oder andere Bier in die Kneipe. Bei Gelegenheit kann er durchaus trinkfreudig sein. Dagegen ist Kollege Kahrs Anti­alkoholiker. Hielscher raucht wie ein Schlot, Kahrs gar nicht. Und Hielschers Auto würde selbst ein hartgesottener Gebrauchtwagenhöker nur mit spitzen Fingern aufschließen. Eine kernige Type ist jeder der beiden – nur auf eine ganz andere Art.

Der CDU-Mann arbeitet 35 Stunden für den Beruf und 50 für die Politik

Hielscher ordert beim Wirt eine weitere Cola, Kahrs eine Apfelschorle. Das Ambiente wie in der Pinte „Alt Ottensen“ ist beiden vertraut: Hafenmotive an der Wand, eine Flagge des Sparvereins „Hummel“ und eine Musikbox in der Ecke, Aschenbecher auf den Holztischen. Kahrs war noch nie hier, Hielscher schon. Seine politische Heimat ist das Altonaer Rathaus ein paar Schritte weiter backbord. Mit den Kollegen, nicht nur aus der eigenen Partei, geht er sonst gerne in den „Seeteufel“ im Ottenser Teil der Elbchaussee.

Der CDU-Mann organisiert sich als Einzelkämpfer selbst. Ein Sekretariat hat er nur in seiner Firma. Im Bezirksbüro der CDU in der Ehrenbergstraße gibt es eine Geschäftsführerin für alle. Als selbstständiger Unternehmer hat er mehr Spielraum als andere. Morgens ab neun Uhr macht er Politik am Telefon oder auch mal per E-Mail. Wochentags steht allabendlich irgendeine Sitzung im Terminkalender – im Bezirksamt oder im Ortsverband der CDU. Bei der letzten Wahl waren eineinhalb Dutzend Mitglieder anwesend. Hielscher wurde einstimmig im Amt bestätigt.

Mit seiner Präsenz im Stadtteil und seinem unprätentiösen Naturell brachte er das Kunststück fertig, bei der letzten Bezirkswahl von allen Hamburger Einzelkandidaten aller Parteien das beste Einzelergebnis einzufahren. Unter dem Strich, sagt er, arbeite er pro Woche durchschnittlich 35 Stunden für den Beruf und 50 für die Politik. In der Summe ergibt sich ein ähnliches Pensum wie bei Johannes Kahrs.

Der SPD-Stratege kennt Hielschers Job aus eigener Erfahrung; er war selbst sieben Jahre Bezirksabgeordneter. Er versteht die Bezeichnung „Rampensau“ als Kompliment. Der Oberst der Reserve hält es mit dem Motto der Panzergrenadiere: „Dran, drauf und drüber!“ Ähnlich wie der frühere Bundeswehr-Gefreite Hielscher sucht er die offene Auseinandersetzung. Im Falle Kahrs heißt das Verzicht auf eine Absicherung auf der Landesliste seiner Partei und Direktkandidatur. Zuletzt schaffte er 39,2 Prozent der Stimmen. Das muss dem Mann erst mal einer nachmachen.

Hielscher steht ganz normal im Telefonbuch, Kahrs mit seiner Handynummer im Internet. „Ich bin Dienstleister“, sagt Kahrs kurz und knapp. Mitstreiter Hielscher nickt. „Du musst Lust auf Menschen haben“, ergänzt er. In der Grundsatzfrage politischer Arbeit herrscht Einigkeit. Einer wie der andere ist Vollblutpolitiker. Beide zeichnen sich durch eine Extraportion Herzblut aus.

Ohne eine absolut professionelle Organisationsstruktur sind Erfolge im großen Kahrs-Stil unmöglich. Im SPD-Haus am ZOB verfügt sein Hamburger Abgeordnetenbüro auf der dritten Etage über einen Raum. Beschäftigt sind dort zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und neun Aushilfskräfte für die jährlich 80 Busreisen nach Berlin. Als Bundestagsabgeordneter helfen ihm in der Hauptstadt ein Büroleiter, drei wissenschaftliche Mitarbeiter sowie eine Halbtagskraft.

Auch bei den Einnahmen antworten beide Herren prompt. Für sein Ehrenamt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender in der Bezirksversammlung bekommt Sven Hielscher 800 Euro im Monat. Er bezeichnet sie augenzwinkernd als „Schmerzensgeld“. Hinzu kommen 25 Euro Sitzungsgeld. Rechnet er sie auf den zeitlichen Einsatz um, „verdiene ich weniger als ein Ein-Euro-Jobber“. Kahrs verdient als MdB rund 9000 Euro brutto. Fast 20 Prozent der Nettosumme fließen an die Partei. „Mein Freund nennt das selbstgewähltes Elend“, scherzt Kahrs. Er halte es mit Mary Poppins und deren Weisheit, die Freude an einer Sache zu suchen und zu finden.

Hielscher nickt. Beide eint zudem ihre Begeisterung für Olympia in Hamburg, ein basisnaher Einsatz wider die Politikverdrossenheit, aber noch vielmehr das Verständnis als selbstbestimmter Politiker.

Führen beide ein Leben voller Kompromisse? „Stimmt“, entgegnet Kahrs. Er sei schon immer ein Vereinsmeier gewesen. Als Pfadfinder, in der Studenten-Verbindung, bei der Bundeswehr oder derzeit im Landesvorsitz des THW in Hamburg. Hielscher, einer der Architekten der schwarz-grünen Koalition vor ein paar Jahren in Altona und Vize-Vorsitzender des SV Rissen mit 3000 Mitgliedern, bezeichnet sich ebenfalls als kompromissfähig. Aber nur in Maßen. Sein Credo: „Sollte ich mich eines Tages allzu sehr in Gremien gefangen und in meiner Freiheit beschnitten fühlen, haue ich in den Sack und gehe nach Hause.“