Hamburgs Schulen kaum verbessert

Laut Bildungsstudie der Bertelsmann Stiftung schwache Lesekompetenz und viele Abbrecher

Hamburg. In der Hansestadt kommen deutlich mehr Fünftklässler aufs Gymnasium als im Bundesdurchschnitt. 52,1 Prozent gingen 2011 nach der Grundschule auf ein Gymnasium, heißt es im zweiten „Chancenspiegel“ über Leistungen und Schwächen der Schulsysteme in den 16 Bundesländern, den die Bertelsmann Stiftung vorstellte. Der Bundesdurchschnitt liegt laut der Bertelsmann-Studie bei 42,1 Prozent. In der Hansestadt mussten zudem nur 2,3 Prozent der Schüler eine Klasse wiederholen. Bundesweit waren es durchschnittlich 2,7 Prozent.

Diese auf den ersten Blick erfreuliche Quote sagt jedoch nichts über Leistungsfähigkeit der Hamburger Schüler aus. In ihr „spiegelt sich der Elternwille wider“, sagt denn auch Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Denn in Hamburg entscheiden im Unterschied zu Bundesländern wie etwa Bayern die Eltern, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen soll. Das Elternwahlrecht war nach dem Volksentscheid gegen die Primarschule vor knapp drei Jahren wieder eingeführt worden. Dass die Eltern das letzte Wort bei der Wahl der weiterführenden Schule haben, war eine der zentralen Forderungen der Reformgegner von der Initiative „Wir wollen lernen“.

„Aussortiert“ wird dann nach Klasse 6: Schüler, die nicht in die siebte Klasse des Gymnasiums versetzt werden, müssen auf die Stadtteilschule wechseln. Von Klasse 7 bis 10 ist das Sitzenbleiben dann abgeschafft. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Hamburger Quote der Klassenwiederholer geringer als der Bundesdurchschnitt ist. Der Wechsel von der Stadtteilschule auf das Gymnasium ist bei sehr guten Leistungen zwar möglich. Häufiger aber wird der umgekehrte Weg eingeschlagen. Laut Bertelsmann-Studie stehen einem Aufwärtswechsel zwei Abwärtswechsel gegenüber. Das ist eine Verschlechterung zu den Jahren 2010 und 2009.

Chancengerechtigkeit in der Bildung geht „nur im Schneckentempo“ voran

Bei der Lesekompetenz der Viertklässler steht Hamburg laut Studie schlecht da und landet nur in der unteren Gruppe. Sowohl die leistungsstärksten als auch die leistungsschwächsten Schüler der vierten Klassen schnitten schlechter ab als im Bundesdurchschnitt.

Die Chancengerechtigkeit in der Bildung verbessere sich in Deutschland nur langsam, lautet das Fazit der Studie. Schon in der Grundschule sei die soziale Herkunft entscheidend für den Bildungserfolg. „Chancengerechtigkeit ist die Kernherausforderung der deutschen Schulsysteme“, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung und Hamburgs ehemaliger Wissenschaftssenator. Dies sei seit dem PISA-Schock vor mehr als zehn Jahren bekannt. Zwar habe es in den vergangenen zwei Jahren positive Tendenzen gegeben, so Dräger weiter. „Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit leider nur im Schneckentempo voran.“

Bei der Hochschulreife schafft es Hamburg immerhin in die obere Ländergruppe: 58,8 Prozent der jungen Erwachsenen erreichten den Angaben zufolge die Hochschulreife (Bundesdurchschnitt: 51,1 Prozent). Während es gemeinhin heißt, das Niveau des Hamburger Abiturs sei niedriger als etwa in den südlichen Bundesländern, hängt das Ergebnis laut Schulbehördensprecher Albrecht damit zusammen, dass beide Schulformen, also Stadtteilschule und Gymnasium, zum Abitur führen. „Zum anderen gibt es vielfältige Wege zum Abitur etwa auch über Berufliche Gymnasien und die Erwachsenenbildung.“

Der Anteil der Schulabbrecher lag bei 6,9 Prozent und damit über dem Bundesdurchschnitt von 6,2 Prozent. „Im Vergleich zu den Vorjahren steigt der Anteil der Absolventen mit Hochschulreife an der gleichaltrigen Wohnbevölkerung“, hieß es. Zwar hat sich der Wert für Hamburg verbessert – die Vorjahresquote lag bei 8,3 Prozent. Dennoch spricht Stefanie von Berg, schulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, von „Ungerechtigkeit“ im Schulsystem. „Während so viele Kinder wie in keinem anderen Bundesland das Gymnasium besuchen, bleibt die Zahl der Schüler, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen, über dem Bundesdurchschnitt. Das zeigt erneut: Es liegt noch ein weiter Weg vor uns.“