Die Woche im Rathaus

Olaf Scholz: Der leise Mann am Rande der Provokation

Andreas Dey ist landespolitischer Redakteur des Abendblatts und begleitete Bürgermeister Olaf Scholz auf dessen Asienreise.

Die Szene stand in keinem Drehbuch, eigentlich war es sogar ein Versehen. Aber vielleicht war es doch das Bild dieser Reise. Als Olaf Scholz nach seinem Vortrag an der EU-China School of Law in Peking mit den überraschend offenen und lockeren Studenten diskutierte, stand er für mehrere Sekunden dem Lichtstrahl des Beamers im Weg. Und statt auf der Leinwand prangte nun mitten auf seiner hohen Stirn der Schriftzug "EU-China".

Ein Bild mit doppelter Symbolkraft. Denn auf seiner ersten Asienreise als Senatschef lebte Scholz die deutsch-chinesische Partnerschaft vor, als hätte er sie mit der Muttermilch eingesogen. Die zweite Symbolkraft erwuchs aus den Buchstaben EU - denn obwohl er in erster Linie als Hamburger Bürgermeister unterwegs war und sich bei Dutzenden Terminen für seine Stadt ins Zeug legte, zeigte Scholz auch, dass er im Grunde seines Herzens ein Bundespolitiker ist, der gern in noch größeren politischen und makroökonomischen Zusammenhängen denkt und handelt. Nicht zufällig erwähnte er mehrfach auch bei offiziellen Anlässen Helmut Schmidt, mit dem er sich im Vorfeld der Reise noch einmal ausgetauscht hatte.

Wie der Altkanzler sieht auch Scholz China nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Zwar gehören Deutschland und hier insbesondere Hamburg heute schon zu den wichtigsten Handelspartnern des 1,4-Milliarden-Volks. Doch das gilt es aus seiner Sicht zu festigen und im Idealfall auszubauen. Im Vordergrund stand für den Bürgermeister daher nicht, bei der Landung am Sonnabendabend in Hamburg Verträge oder andere handfeste Erfolge im Gepäck zu haben, sondern Scholz ging es vor allem darum, den Boden dafür zu bereiten. "Es geht auf solchen Reisen darum, ein Milieu zu schaffen, zum Beispiel für Investitionen", sagte der Bürgermeister. "China soll Hamburg als zentralen Zugang nach Europa wahrnehmen."

Nach seiner Einschätzung hat die einwöchige Reise den Zweck voll erfüllt. "Das war ein sehr erfolgreicher Besuch. Wir hatten die Gelegenheit, mit vielen hochrangigen Vertretern zu sprechen. Für Hamburg war das von großer Bedeutung." Als Erfolge verbuchte Scholz, dass er von der Reederei China Shipping ein klares Bekenntnis zum Hamburger Hafen mitgenommen hat; dass die China Development Bank sich weiter als Finanzier der HSH Nordbank beteiligen will (und damit ein Kandidat bleibt, die HSH irgendwann zu übernehmen) und dass die Fluggesellschaft China Eastern grundsätzlich Interesse hat, Hamburg von Shanghai aus häufiger und direkt anzufliegen. In vielen Fällen sah sich der Bürgermeister, der als SPD-Bundesvize einen großen Bekanntheitsgrad in China hat, als "Türöffner" für die Chefs Hamburger Unternehmen - an die Bosse der vielfach größeren chinesischen Staatskonzerne kommen sie sonst schwer heran.

Auch in Japan hatte Scholz strategische Interessen. Die Elektronikriesen Sharp und Panasonic, die ihre Hauptsitze in Osaka und ihre Deutschlandzentralen an der Elbe haben, möchte er gern stärker in den Hamburger "Cluster Erneuerbare Energien" einbinden.

Nachdem Scholz schon in China mehrfach über die Europäische Union gesprochen und für seine (und Helmut Schmidts) Position geworben hatte, dass es keine Euro-Krise gibt, sondern nur ein Verschuldungsproblem einzelner EU-Staaten, kam auch im Tsunami-geschädigten Nippon wieder der Bundespolitiker in ihm durch. Überschwänglich dankten ihm Osakas Bürgermeister und der Parlamentspräsident dafür, dass er kurz nach seiner Wahl zum Bürgermeister im März zu Solidarität mit Japan aufgerufen hatte. "Die schnelle Freundschaft, die wir nach der Katastrophe von Fukushima gezeigt haben, hat hier ganz viel Eindruck gemacht", sagte Scholz erfreut und sah sich in seiner Auffassung bestätigt, dass es für internationale Beziehungen manchmal wichtig ist, sich einfach nur zu treffen, sich um wechselseitiges Verständnis zu bemühen und festzustellen, dass die Chemie stimmt. "Das ist Gold wert", sagte er - für seine Verhältnisse schon ein Temperamentsausbruch.

Da setzt einer der wenigen Kritikpunkte an, die aus der Delegation zu vernehmen waren. Scholz, der solche Auslandsreisen schon als Bundesarbeitsminister nur unternahm, wenn er darin einen konkreten Nutzen sah, und sei es nur ein Kontakt, den er herstellen oder pflegen wollte, trat extrem fokussiert, dabei aber bedächtig und mitunter gar kühl und kurz angebunden auf. So begrüßte er den chinesischen Vize-Premierminister, der ihn mit vielen warmen Worten in einer prächtigen Pagode empfing, ohne lange Vorrede mit "schönen Dank für die Gesprächsbereitschaft". Nach Angaben chinesischer Beobachter soll der Dolmetscher das sehr frei übersetzt haben. Und dem Präsidenten einer Universität, der wortreich den Wunsch vieler Studenten vortrug, in Hamburg zu studieren, antwortete Scholz: "Wir freuen uns über jeden, der kommt." Punkt, alles gesagt.

"Ich weiß nicht, wie diese schroffe Art hier ankommt", sagte ein Delegationsmitglied. Etwas warmherziger dürfe ein Hamburger Bürgermeister schon auftreten. Andererseits lobten fast alle Mitreisenden die mitunter beängstigende Konzentration und Zielstrebigkeit, mit der Scholz vorgeht. "Der ist superprofessionell", sagte ein Unternehmensboss. "Er weiß, was er will, und ist immer top vorbereitet. Man merkt, dass er in der ersten Liga mitspielt."

Allerdings spielt Scholz dabei nicht die große Pauke, sondern meistens ein kaum vernehmbares Instrument. Kurz: Er spricht sehr leise. So sympathisch es den meisten Hamburgern sein dürfte, dass ihr Bürgermeister unprätentiös und ohne große Bugwelle daherkommt, so schwer ist er oft zu verstehen. In der Delegation wurde er schon "der leise Mann" genannt. Natürlich weiß Scholz, dass Leisesprechern eher Gehör geliehen wird, aber mitunter agierte er in Asien am Rande der Provokation. Beim Treffen im Rathaus von Osaka mussten selbst die neben ihm sitzenden Delegationsmitglieder mit der Hand die Ohrmuscheln vergrößern, um überhaupt mal ein Wort aufschnappen zu können. Mit Blick auf das Hörgerät von Osakas Bürgermeister witzelte ein Unternehmer nach dem Treffen: "Der hat das wohl antizipiert."