Hamburger Schulbehörde

Schrift-Streit schlägt Wellen bis nach Bayern

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Schulsenator Ties Rabe beschwichtigt. Auch Eltern- und Lehrerkammer sagen, dass der geänderte Bildungsplan längst umgesetzt werde.

Hamburg. Die Entscheidung der Hamburger Schulbehörde, dass an Grundschulen statt der klassischen Schreibschrift künftig auch die Grundschrift unterrichtet werden kann, hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. "Die Diskussion in Hamburg hat Wellen bis nach Süddeutschland geschlagen", sagte Ministerialdirektor Josef Erhard aus dem bayerischen Kultusministerium dem Abendblatt. "Wir beobachten sehr genau, wie es weitergehen wird." Denn auch im bildungspolitisch sonst eher konservativen Bayern empfehle der Grundschulverband, nur noch die Druckschrift zu lehren - was man derzeit an vier Grundschulen erprobe.

Kritisch sieht die Regelung in Hamburg hingegen der für Bildung zuständige Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Kretschmer (CDU): "Schreibschrift ist deshalb wichtig, weil damit die Motorik geschult wird." Das Problem mit der Schreibschrift sei zwar jedem bekannt, der Kinder habe, so Kretschmer. Es wäre aber ein großer Fehler, jetzt zu kapitulieren.

Auch in Hamburg wird weiter debattiert, aus welcher Schriftform heraus die Schüler am besten eine eigene, gut lesbare Handschrift entwickeln. Während der Lehrerverband den mit der Neuregelung verbundenen Aufschrei nicht verstehen kann, sprechen sich einige Lehrer vehement für die Schreibschrift aus.

So hält sie Jessica Werk, 30, die an der Schule Wielandstraße in Eilbek die Fachleitung Deutsch innehat, für wichtig, um ein sauberes Schriftbild entwickeln zu können. "Mit der Schreibschrift werden die einzelnen Buchstaben gefestigt und die motorische Entwicklung vorangetrieben", sagt Werk. "Darauf Unterrichtszeit zu verwenden, ist absolut sinnvoll." Lernen die Kinder hingegen nur noch über Druckschrift, sei zu befürchten, dass beim Schreiben viel zu große Abstände zwischen den Buchstaben entstünden.

Matthias Oehlrich, im Lehrerverband für Grund-, Haupt- und Sonderschulen zuständig, glaubt allerdings nicht, dass sich mit dem neuen Schuljahr viel ändert. "Die Schulen werden weitermachen wie bisher - und für jede Situation die passende Lehrmethode verwenden", sagt er. Dort, wo Kinder Probleme mit der Schrift haben, habe man das Schreibenlernen bereits so einfach wie möglich gemacht. "Die Kinder lernen nach wie vor schreiben", sagt Oehlrich. "Viel entscheidender ist, dass sie lernen, richtig zu schreiben."

Ähnlich sieht es die Hamburger Elternkammer. Was jetzt im Bildungsplan festgehalten wurde, werde an den Schulen schon lange praktiziert, so die Vorsitzende Sabine Lewerenz-Kollemann. Auch an der Schule ihrer Kinder hätte jeder in seinem Tempo und auf seine Art gelernt, die Buchstaben miteinander zu verbinden - ohne dass ihr Sohn in der weiterführenden Schule Probleme bekommen hätte. "Ich glaube demnach nicht, dass die Grundschrift die Kinder im Schreibenlernen beeinträchtigen wird", sagt sie.

Auch Schulsenator Ties Rabe (SPD) griff in die Diskussion noch einmal ein - mit beschwichtigenden Worten: "Ich rechne mit keinen Veränderungen in der Praxis." An vielen Schulen werde schon jetzt nicht strikt die eine Schreibschrift unterrichtet, in der Praxis hätten viele Lehrer die Ausgangsschrift schon eigenständig verändert und sie den Gegebenheiten an der Schule angepasst. Rabe: "An einigen Schulen wird auch bereits die Grundschrift unterrichtet." Zudem betonte der Senator noch einmal, dass man die Schreibschrift ja nicht abgeschafft habe, sondern eine andere Schrift nur nicht mehr verboten sei. "Damit erlauben wir aber keinen Freistil, sondern den einen oder den anderen Stil", sagte Rabe. Dass die neue Regelung im Bildungsplan bald wieder zurückgenommen wird, damit ist in naher Zukunft nicht zu rechnen.

An wie vielen der rund 220 Hamburger Grundschulen ab kommendem Schuljahr nur noch die Grundschrift - und damit tatsächlich keine klassische Schreibschrift mehr - unterrichtet wird, entscheiden die Schulen per Lehrerkonferenz. Diese werden nach den Sommerferien zusammenkommen. Die dort getroffene Regelung gilt dann immer für die ganze Schule, nicht nur für einzelne Klassen.