Internetkriminalität

Der moderne Verbrecher sitzt am Computer

Foto: Marcelo Hernandez

Experten sehen wachsende Gefahr durch Internetkriminelle. 2010 mehr als 223 000 Fälle. Stark ansteigend ist das Ausspähen von Daten.

Wilhelmsburg. Der Trend geht zum "Cyber-Polizisten": Schon in wenigen Jahren, das prophezeien Kriminalitätsforscher, wird es kaum noch Straftaten geben, nach denen Ermittler nicht mit computerforensischen Methoden auf Tätersuche gehen werden. Zudem wächst die Zahl der Straftaten im Internet massiv. Bundesweit registrierte das BKA im Jahr 2010 mehr als 223 000 Delikte - ein Anstieg von acht Prozent bei gleichzeitig extrem hoher Dunkelziffer. "Das, was die Statistik zeigt, ist nur die Spitze des Eisberges", sagt Jörg Feldmann, Präsident der Hochschule der Polizei (HdP) in Hamburg. Immerhin: Die Hansestadt sei gut aufgestellt: An der HdP lehrt mit Tobias Eggendorfer Deutschlands bislang einziger Professor für Angewandte Informatik und IT-Forensik. Gestern lud die Hochschule zur Fachtagung "Cybercrime" ins Bürgerhaus Wilhelmsburg.

"Die Kriminalstatistik besagt, dass Hamburg sicherer geworden ist", sagte HdP-Chef Feldmann. "Für das Internet gilt das leider nicht." Problematisch sei vor allem die anscheinend grenzenlose "Kreativität" der Täter. Sie beschert den Ermittlern eine höchst unterdurchschnittliche Aufklärungsquote und den Tätern meist beachtliche Beute. Feldmann: "Es geht nicht nur um den kleinen Ebay-Betrug, sondern auch um groß angelegte Betrugsfälle. Es gibt viele Opfer, es geht oft um Kleinsummen. Weil die Betroffenen oft der Überzeugung sind, dass sich eine Anzeige nicht lohnt, ist die Dunkelziffer eklatant hoch."

Mit 182 600 Fällen machen Betrügereien im Internet den größten Anteil bei der Cyberkriminalität aus. Die Verbreitung kinderpornografischer Schriften stellt prozentual einen eher kleinen Anteil der Computerkriminalität dar. Mit 9300 Fällen stark ansteigend ist indes das sogenannte Phishing - das Ausspähen von Daten im Internet. Die größten Fälle des laufenden Jahres: der Diebstahl ungezählter Playstation-Nutzer bei Sony, ein Angriff auf den Hoteldienstleister Epsilon, bei dem Kreditkartendaten zahlreicher Gäste von Hotels der Ketten Hilton, Ritz Carlton und Marriott abgefischt wurden, und eine Attacke auf die Lufthansa. Wohin die Zukunft der Cyberkriminalität führe, lasse sich noch kaum voraussagen, sagt Prof. Dr. Tobias Eggendorfer. Problematisch sei vor allem der Umstand, dass Daten zukünftig immer umfangreicher im Netz gespeichert werden ("cloud computing"), statt direkt auf einem Rechner, der beim Nutzer am Schreibtisch steht. Eggendorfer: "Wir bewegen uns auf eine Zukunft zu, in der der Computer noch viel allgegenwärtiger sein wird als jetzt."

Vor den Gefahren einer digitalisierten Welt warnt Prof. Felix Freiling von der Universität Erlangen-Nürnberg: "Für Ermittlungsbehörden wird die Datenüberlastung zu einem immer größeren Problem werden, ebenso wie die wachsende Vielfalt von Hard- und Software, bessere Verschlüsselungsmethoden und die räumliche Entgrenzung der Daten." Diese Probleme zu lösen könne nicht allein Aufgabe der Polizei sein, so Freiling: "Das ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft." Immer häufiger werde die Polizei Schlüsselprogramme und verdeckte digitale Ermittler einsetzen müssen, so Freiling.

Vor anderen Gefahren der globalen Vernetzung warnt Dr. Manfred Murck, Leiter des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz. Murck: "Für Menschen, die sich nur noch in einem bestimmten Bereich bewegen, in Internetangeboten, die den Dschihad verherrlichen zum Beispiel, kann das Netz wie eine Art Durchlauferhitzer wirken und die Radikalisierung beschleunigen." Auch Rechts- und Linksextremisten nutzten das Internet seit Jahren sowohl zur Verbreitung eigenen Gedankengutes als auch zur "Feindbeobachtung, so Murck.

Und auch dies stellte der Verfassungsschutz häufig fest: "Extremisten nutzen das Internet wie wir alle auch für vollkommen triviale Angebote." So besuchen nach Erkenntnissen der Geheimdienste bekannte Dschihadisten das Netz nicht nur, um sich Mitschnitte von Hasspredigten zukommen zu lassen. Sehr beliebt sei auch eine Partnervermittlung, in der strengstmuslimische Männer und Frauen sich suchen, um gemeinsam "den Weg zu Allah" zu gehen.