Nahverkehr Hamburg

Die Wirtschaft stellt sich gegen die Stadtbahn

Foto: dpa/Hochbahn

Warnung vor Volksentscheid wie bei der Schulreform. Hamburgs Altbürgermeister Henning Voscherau fordert, das Projekt sofort zu stoppen.

Hamburg. Führende Hamburger Wirtschaftsvertreter und Altbürgermeister Henning Voscherau (SPD) üben scharfe Kritik an der geplanten Stadtbahn , für die 2012 die Bauarbeiten beginnen sollen. "Die Bürger haben die Nase voll von solchen Prestigeprojekten", sagte Voscherau dem Abendblatt. "Angesichts der massiven Finanzkrise und diverser anderer Großprojekte mit teilweise völlig offenem Ausgang der endgültigen Kosten muss das Vorhaben der Stadtbahn sofort gestoppt werden."

In diese Kerbe schlägt auch der Geschäftsführer der Handelskammer, Hans-Jörg Schmidt-Trenz: Noch sei unklar, welchen Finanzierungsanteil der Bund für das Projekt übernehme, dessen erster Streckenabschnitt von Steilshoop bis Winterhude rund 338 Millionen Euro kosten soll. "Natürlich muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden, aber der Ausbau des bestehenden öffentlichen Nahverkehrsnetzes hat dabei Priorität", sagte Schmidt-Trenz. Zudem werde durch die Stadtbahn Straßenraum vernichtet. "Wir sehen das nicht unkritisch, weil 50 Prozent der Hamburger Einzelhandelskunden aus dem Umland kommen und mit dem Auto anreisen."

Heinrich Stüven, Vorsitzender des Grundeigentümerverbandes mit 30 000 Mitgliedern, warnt den Senat bereits vor einem weiteren Volksentscheid wie bei der Schulreform. "Das ganze Stadtbahn-Konzept ist entschieden zu teuer und wird zu dramatischen Verkehrsproblemen führen, gerade im Bereich Winterhuder Marktplatz mit nicht absehbaren Einbußen für Gewerbebetriebe", sagte Stüven. Juristische Auseinandersetzungen zwischen Grundeigentümern und unzufriedenen gewerblichen Mietern seien programmiert. Der Ärger sei vermeidbar, wenn umweltfreundliche Gelenkbusse eingesetzt würden.

Mit Blick auf die Finanzierung zeigt sich auch der Verkehrsexperte der CDU, Klaus-Peter Hesse, zurückhaltend: Voraussetzung sei, dass der Bund tatsächlich den Löwenanteil der Investitionen übernehme. "Es darf nicht heißen: Koste es, was es wolle", sagte Hesse. Laufende Infrastruktur-Projekte, etwa der Ausbau der U 4 bis zu den Elbbrücken und die S-Bahn nach Ahrensburg, dürften nicht beeinträchtigt werden.

Die Hochbahn wies die Kritik der Handelskammer zurück: Es sei "völlig unverständlich", dass die Wirtschaftsvertreter nicht erkennten, dass der Ausbau attraktiver Transportangebote den Gewerbeverkehr deutlich stärke. "Außerdem zeichnet sich ab, dass in einigen Jahrzehnten für den bisherigen Individualverkehr in Großstädten kaum noch Platz ist."

Befürworter der Stadtbahn argumentieren mit einer steigenden Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr, besserer Anbindung vieler Stadtteile und ökologischen Vorteilen. 14 Kilometer Schienen sollen zunächst Steilshoop mit Winterhude und dann mit Altona verbinden, mittelfristig sind Strecken von der Grindelallee bis zum Osdorfer Born und von Steilshoop über Barmbek bis zum Jungfernstieg geplant.

In der Stadtentwicklungsbehörde rechnet man unverändert mit einer Finanzspritze aus Berlin. Nach aktuellen Kalkulationen müssten nur 57 Millionen Euro für den ersten Abschnitt aus der Stadtkasse bezahlt werden. "Wir haben die Planungen so aufgestellt, dass wir von einer hohen Mitfinanzierung des Bundes ausgehen können", sagte ein Sprecher. Zudem sei die Streckenführung so geplant, dass der Autoverkehr kaum beeinträchtigt werde.