Universität Hamburg

Neuer Präsident Lenzen: Uni muss in Eimsbüttel bleiben

Foto: Roland Magunia

Hochschulchef Lenzen sagt: Die meisten Bachelor-Fächer brauchen acht Semester. Ein Teil der Fachbereiche soll nicht umziehen.

Hamburg. Hamburger Abendblatt: Herr Lenzen, heute ist Ihr erster Arbeitstag als Präsident der Universität Hamburg. Steht noch ein Bild vom Berliner Alexanderplatz auf Ihrem Schreibtisch?

Dieter Lenzen: Nein, wir räumen noch Aktenordner in die Regale. Leider ist mein Zimmer sehr dunkel. Wir versuchen nun, mehr Licht hineinzubringen. Das können Sie gern auch metaphorisch sehen: Das Bild der Universität Hamburg wird als zu düster wahrgenommen. Nach einigen Gesprächen und der Sichtung vieler Fakten weiß ich aber: Sie hat Großartiges zu bieten.

Abendblatt: Richten Sie sich nur vorübergehend ein, bis zu einem Umzug auf den Kleinen Grasbrook?

Lenzen: Die Diskussion um den künftigen Standort der Universität ist deshalb so emotional und problematisch geworden, weil offenbar immer nach Radikallösungen gesucht wird: Alles soll entweder bleiben oder umziehen. Stattdessen muss man schauen, was andere Universitäten bei Platzproblemen gemacht haben: Die 1810 gegründete Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin etwa war nach 100 Jahren zu klein. Man hat dann in Dahlem, damals noch Obstbaugelände, einen Forschungscampus errichtet. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, die gesamte Uni zu verlagern! Ähnliches gilt in München für den Standort Garching.

Abendblatt: Das Plädoyer der Wissenschaftssenatorin für einen Komplettumzug ist also, sagen wir, außergewöhnlich?

Lenzen: Die Möglichkeit eines Komplettumzugs fällt einem zumindest nicht unbedingt als Erstes ein. Für uns ist wichtig, dass die Wissenschaft funktioniert. Für diese Aufgabe wurde ich gewählt als Vertreter für alle Wissenschaftsbereiche gleichermaßen. Ich sehe beispielsweise bei den Sozial- und Geisteswissenschaften die Notwendigkeit eines urbanen Umfeldes, wie es hier auf dem Campus ist. Sie beschäftigen sich mit der Gesellschaft und Kultur, die dort stattfindet. Umgekehrt gilt aber: Große Forschungsanlagen haben mitten in der Stadt keinen Platz. Standortfragen müssen sich also der Funktion unterordnen.

Abendblatt: Die Senatorin verkauft das Großprojekt als einmalige Chance.

Lenzen: Wir erwarten, dass die Stadt sich für die Wissenschaft entscheidet. Das hat Hamburg dankenswerterweise bereits getan. Nun muss aber auch Geld fließen. Das heißt: Es muss auch in bestehende Gebäude investiert werden - der aktuelle Zustand darf auf keinen Fall so bleiben.

Abendblatt: Einen Komplettumzug wird es mit Ihnen nicht geben?

Lenzen: Das kann man so nicht sagen, das kann ich auch gar nicht entscheiden. Ich glaube aber nicht, dass es dazu kommen wird. Entscheidend sind die Bedarfe der Wissenschaft und die Wünsche der Universitätsmitglieder: Nennenswerte Teile der Universität müssen hier einig sein. Ich werde die Dekanate sowie die Gremien der Universität bitten, sich offiziell damit zu befassen und zu äußern. Ich rechne damit, dass entsprechend der fachspezifischen Bedarfe eine gemeinsame Stimme gefunden wird, die allen Disziplinen gerecht wird.

Abendblatt: Hat der Senat Ihnen eine bestimmte Summe zugesichert, die in Steine und Beton fließen wird?

Lenzen: Eine bestimmte Summe nicht. Wohl aber, dass es eine bauliche Erneuerung geben wird.

Abendblatt: Auch in Eimsbüttel?

Lenzen: Aus meiner Sicht müssen wir ein Signal setzen, etwa für die Geisteswissenschaften, das bedeutet: Auf dem Eimsbüttler Campus muss so etwas wie ein Leuchtturm entstehen, um zu zeigen, dass es dort vorangeht. Ein inhaltlicher Schwerpunkt, der einen baulichen Ausdruck findet.

Der Altbau an der Edmund-Siemers-Allee, in dem jetzt das Präsidium sitzt, könnte zum kulturwissenschaftlichen Zentrum werden, inklusive Flügelbauten. Ein sichtbarer Bereich der Geisteswissenschaften im Gründungsbau der Universität. Für die Universitätsleitung können andere Räume angemietet werden, die müssen nicht repräsentativ sein.

Abendblatt: Und inhaltlich?

Lenzen: Wir müssen noch schauen, was die attraktivsten Bereiche sind. Es gibt, um nur einige Bereiche zu nennen, eine sehr starke Theologie und Religionswissenschaft, eine sehr starke Afrikanistik und starke Philologien. Ähnliches gilt für Bereiche der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, der anderen Sozialwissenschaften und natürlich die Mathematik und die Naturwissenschaften sowie die Medizin. Wir haben ein breites Spektrum und werden sehen, wo Exzellenzcluster entstehen können. Dass wir das ernst meinen, müssen wir mit Gebäuden unterstreichen. Wenn die ersten Gutachter kommen, möchte ich, dass Bagger auf dem Campus sind, um zu zeigen: Hier bewegt sich was, hier entsteht etwas Neues.

Abendblatt: Laut Gutachten der Behörde ist eine Erneuerung in Eimsbüttel schwer möglich.

Lenzen: Schauen Sie sich Luftaufnahmen aus den 70er-Jahren an: Dann sehen Sie, dass ursprünglich sechseckige Gebäude mit einer sechseckigen Gartenarchitektur angelegt waren. Doch irgendwann hat man angefangen, einfach diese Hochhäuser da mittenrein zu platzieren. Charmant wäre es, wenn wir die ursprüngliche Idee wieder aufleben lassen könnten.

Abendblatt: Die Uni Hamburg bietet viele Fächer. Muss man auf einige verzichten, um andere besser zu machen?

Lenzen: Die Universität Hamburg ist nur dann eine Volluniversität, wenn sie grundsätzlich alles anbietet. Hat man, wie in Berlin, mehrere Universitäten, kann man sagen: Wenn wir hier einen Bereich wegnehmen, wird er in derselben Stadt woanders angeboten. In Hamburg gibt es aber keine zweite Volluniversität. Man kann nicht einfach reinhauen und sagen, wir reduzieren das Angebot. Die doppelte Verpflichtung lautet: Spitzen fördern und gleichzeitig eine breite Basis bauen. Das ist kein Gegensatz, auch nicht für die Wissenschaftler selbst. Es schadet einem Ausnahmephysiker nicht, wenn er eine Vorlesung für Erstsemester hält.

Abendblatt: Wie viele Drittmittel kann eine Uni aufbringen?

Lenzen: Einem Facharbeiter der Stadtreinigung würde man niemals sagen: Du musst erst die Mülltonnen beantragen, bevor du hier arbeiten kannst. Von Wissenschaftlern wird so etwas erwartet. Das hat aber auch Grenzen. Die Uni Hamburg ist mit durchschnittlich 25 Prozent Drittmittel schon jetzt sehr gut aufgestellt, das entspricht rund 90 Millionen Euro. Einige Fächer haben es mit Drittmitteln jedoch sehr schwer. Hier ist der Staat in der Pflicht.

Abendblatt: Muss die universitäre Mitbestimmung wieder gestärkt werden?

Lenzen: Was oft als "überbordende Gremienkultur" gescholten wurde, hat aber auch einen richtigen Kerngedanken: Eine Universität, die aus einer bürgerschaftlichen Initiative entstanden ist, hat eine lange demokratische Tradition, die fortgeführt werden muss. Von oben nach unten bestimmen, das werde ich schon allein deshalb nicht tun, weil es nicht funktioniert: Wer sich einbringt und ernst genommen wird, leistet auch bessere Arbeit. Man kann nicht an den Menschen vorbei entscheiden.

Abendblatt: Was meinen Sie?

Lenzen: In Japan wird so lange diskutiert, bis nicht mehr abgestimmt werden muss, manchmal zwei Tage. Das ist auf die Mentalität hier nicht übertragbar, wir müssen daher neue Formen in der echten Teilhabe finden.

Abendblatt: Die Uni Hamburg gilt mehrheitlich als sozialdemokratisch, Sie waren mal als CDU-Spitzenkandidat für Berlin im Gespräch. Sind Spannungen programmiert?

Lenzen: (Lacht) Ich bin unschuldig, wenn ich von irgendjemand für etwas für geeignet gehalten und vorgeschlagen werde. Ich lege Wert darauf, dass ich parteilich nicht gebunden bin. Regierungen kommen und gehen, die Uni bleibt.

Abendblatt: Zum 90. Geburtstag der Uni Hamburg zitierten Sie Horkheimer: "Zeit aber steht für Liebe; der Sache, der ich Zeit schenke, schenke ich Liebe; die Gewalt ist rasch." Ist das mit einem schnellen Bachelor-Studium vereinbar?

Lenzen: Gar nicht. Das Problem ist, dass zwei Traditionen in diesem System vermischt werden: Im angelsächsischen Raum wird häufig von konkreten Problemen des Alltags ausgegangen. Wer aber in Kontinentaleuropa zum Beispiel Philosophie studiert, will das Fach in seinem Kopf abbilden, zunächst ohne konkrete Anwendung. Letzteres passt nicht in die straffen Lehrpläne, die sich Deutschland nun ohne Not übergestülpt hat. Von einem Extrem, durchschnittlich 16,7 Semester, sind wir ins andere Extrem gegangen: Jetzt verlassen Anfang 20-Jährige die Uni, ohne durch Universität auch persönlich gereift sein zu können.

Abendblatt: Wie werden die Bedingungen in zwei Jahren in Hamburg sein?

Lenzen: Wir müssen schnell handeln. Es ist sinnvoll, viele Bachelor-Studiengänge auf acht Semester anzulegen. Sechs Semester sind nur für eng berufsvorbereitende Fächer sinnvoll: Bei der akademischen Erzieher-Ausbildung etwa, die wir dringend brauchen.

Abendblatt: Studiengebühren?

Lenzen: Das entscheidet die Politik, ich war schon immer dagegen. Zumal Erhebungen zeigen, dass schon geringe Gebühren abschreckend auf Studienanfänger wirken können. Ein weiteres Problem ist, dass Studiengebühren von der Politik nicht immer so eingesetzt werden wie angekündigt: Nicht zusätzlich, sondern letztlich doch als Sparmaßnahme. Würden sie wieder abgeschafft, wären das allerdings viele Millionen Euro weniger pro Jahr, sodass der Staat das kompensieren müsste.

Abendblatt: Was treibt einen 62-Jährigen dazu, eine Hochschule neu zu übernehmen?

Lenzen: "Die Freie Universität Berlin hat es in den vergangenen Jahren auf den vierten Platz nach den Universitäten in München und Heidelberg geschafft. Das war ein langer Weg: Wie damals die FU ist die Uni Hamburg in der gleichen Situation wie die FU vor zehn Jahren und wird unter Wert diskutiert. Es reizt mich, dies zu ändern.

Abendblatt: Haben Sie sich in Hamburg schon eingelebt?

Lenzen: Die Wohnungen hier sind viel teurer als in Berlin. Außerdem läuft hier vieles langsamer, was Vor-, aber auch Nachteile hat. Die Bürokratie etwa: Von meinen zunächst sieben Mitarbeitern sind fünf abgesprungen. Das Personalamt war zu unflexibel, in vielen Fällen vernünftige Verträge anzubieten. Ich sage das ganz klar: Wenn sich das nicht ändert, wird Hamburg in der Wissenschaft niemals konkurrenzfähig sein.