Risiken für Dompteure

"Gerade die zahmen Tiere können am gefährlichsten sein"

Mehr als 300 Zirkusunternehmen gibt es in Deutschland. Viele von ihnen haben Tierdressuren im Programm, etwa 15 Unternehmen zeigen Großkatzen. Was 1770 in England unter Philip Astley, dem Vater des modernen Zirkus, mit der Dressur von Pferden begann und zum Beginn des 19. Jahrhunderts auf exotische Tiere ausgedehnt wurde, umfasst heute vom Elefanten bis zur Ratte, vom Flusspferd bis zur Ziege alle erdenklichen Tierarten. Welche Voraussetzungen müssen Dompteure mitbringen? Welche Risiken bestehen? Und wie ist der aktuelle Unfall zu bewerten?

Im Berufsverband der Tierlehrer sind 120 Tierlehrer aus Europa und auch einige Mitglieder aus Übersee zusammengeschlossen. "Wir verstehen uns als Tierschutzorganisation. Wir setzen uns für eine Verbesserung der Haltung und der Ausbildung von Zirkustieren ein", sagt Claus Kröplin (74). Der Hamburger ist der Vorsitzende des Verbands, lernte von 1950 bis 1955 bei Hagenbeck das Tierpflege- und Tierlehrer-Handwerk und trat danach mit seinen Schimpansen unter anderem in England und im Zirkus Busch-Roland auf. Um als Dompteur Tiere halten und vorführen zu dürfen, gebe es strenge Richtlinien, so Kröplin: "Nach Paragraf 11 Tierschutzgesetz müssen verschiedene Prüfungen abgelegt werden. In einem Fachgespräch mit den Amtstierärzten muss sich der Tierlehrer als qualifiziert erweisen, was seine Kenntnis über die Tierart und seine bisherigen Erfahrungen damit angeht." Außerdem werden das polizeiliche Führungszeugnis und eine Auskunft des Gewerbeaufsichtsamts angefordert. Schließlich müssen die Halteeinrichtungen für die Tiere vom zuständigen Amtstierarzt abgenommen werden.

Christian Walliser hat, als Mitglied des Verbandes, alle diese Auflagen erfüllt. "Mit seiner Tierpflegerausbildung und seinem jahrelangen Umgang mit den Tigern war er doppelt qualifiziert", sagt Kröplin. Bei dem Angriff hätten die Tiger ihn nicht töten wollen, ist sich Kröplin sicher: "Hätten sie das gewollt, hätten sie ihn zerrissen." Allerdings kannten sie ihren Tierlehrer bisher nur im aufrechten Gang, und als er plötzlich auf dem Rücken lag, dominierte der natürliche Instinkt der Katzen, den vermeintlich Schwächeren dominieren zu wollen. Kröplin: "Als Alphatier muss ihnen der Dompteur immer wieder klarmachen, dass er der Chef ist. Dabei können gerade die zahmen Tiere die gefährlichsten sein, weil sie einem ständig am Bein kleben."

Wie wird es jetzt mit den Tigern weitergehen? Noch am Dienstagabend war Tierlehrer René Farell (Erlebnis- & Tigerpark Dassow) nach Hamburg gekommen und hatte die Tiere versorgt. Gestern sah Claus Kröplin nach ihnen. "Es geht ihnen gut. Sie haben draußen an der Dressurhalle ihren Käfigwagen und ein Gehege." Jetzt werde im Verband beraten, ob die Tiger möglicherweise in einem Stammquartier von einem der anderen Mitglieder untergebracht werden könnten.

Währenddessen erinnert sich Peter Restorff (70), Hagenbecks ehemaliger Tierpark-Inspektor, an einen ganz ähnlichen Unfall, bei dem er vor 52 Jahren Zeuge wurde - und bei dem durch sein Eingreifen womöglich Schlimmeres verhindert wurde. "Nachdem Hagenbecks Großzirkus 1953 geschlossen worden war, wurden einige Nummern noch jahrelang von anderen Zirkusbetreibern ausgeliehen. So tourte ich 1957 als Assistent von Rudolf Matthies, einem der größten Tigerdompteure aller Zeiten, durch Süddeutschland." An einem Abend blieb der erfahrene, stattliche Tierlehrer mit seinem spanischen Torero-Kostüm hängen und fiel, genau wie Christian Walliser, rückwärts in der Manege hin. Restorff: "Ich stand außen am Tor, mit einer Ersatzpeitsche. Mit der habe ich gegen die Metallgitter geschlagen, was ordentlich dröhnte, und habe die Tiger so laut ich konnte zur Ordnung gerufen: 'Am Platz!' Sie haben mich alle angestarrt, und diese Ablenkung hat ausgereicht, dass Matthies wieder auf die Beine kam. Es ist nichts passiert."

Übrigens: Tierparkgründer Carl Hagenbeck, der bereits 20 Jahre vor Tierparköffnung im Jahr 1907 seinen eigenen Zirkus gegründet und den Rundkäfig eingeführt hatte, nutzte dressierte Löwen bei der Gestaltung seiner Gehege. Seinen Lieblingslöwen Triest ließ er von Podest zu Podest springen - und ermittelte so die Sprunggewalt der Tiere. Auf den weitestmöglichen Sprung addierte er einen Meter drauf. Und ließ in dieser Breite den Wassergraben um das Löwengehege herum anlegen. Heute werden in Hagenbecks Tierpark keine klassischen Dressuren mehr vollzogen. Bestimmte Appelle, wie zum Beispiel bei den Elefanten, dienen der Beschäftigung der Tiere und der Möglichkeit einer medizinischen Untersuchung.