Am Elisabethgehölz in Hamm

Mieter kämpfen gegen eigene Genossenschaft

Vorstand will Backsteinensemble in Hamm abreißen und teurere Wohnungen errichten. Die Mieter wehren sich und wollen "Elisa" retten.

Hamm. Die Straße Am Elisabethgehölz liegt freitagsruhig da. Hin und wieder rollt ein Auto im Schritttempo über das Kopfsteinpflaster. Die feuchtwarme Witterung der vergangenen Tage hat Sträucher und Bäume in leuchtendes Grün verwandelt. Das Weinrot des verwitterten Backsteins kommt durch diesen Kontrast erst recht zur Geltung. Dazu die halbrunden Erker, die Sprossenfenster und die versetzten Backsteine - sie machen vor allem eines deutlich: Die Wohnanlage "Elisa" in Hamm ist eine jener Backsteinbauten, die Experten zum "baukulturellen Erbe Hamburgs" zählen.

Doch "Elisa" ist gefährdet. Obwohl der Architekt Joachim Reinig dem Gebäudeensemble eine gute Substanz bescheinigt, will die Führung der Vereinigten Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft (VHW) die Gebäude abreißen und durch einen Neubau ersetzen. 122 Wohnungen mit einem durchschnittlichen Mietpreis von 4,50 Euro pro Quadratmeter sollen ausgetauscht werden durch Quartiere, die dann bis zu acht Euro pro Quadratmeter kosten werden. 200 Mieter sind betroffen, von denen die meisten sich in der Initiative "Rettet Elisa" zusammengetan haben.

Das Gespräch mit den Initiatoren findet in einer leer stehenden Wohnung statt: Küche, Bad, ein Zimmer, das vielleicht 25 Quadratmeter groß ist. Die Durchschnittsgröße der Wohnungen liegt bei 50 Quadratmetern, die Ausstattung ist schlicht. "Manche Mieter heizen noch mit Kohle", erzählt Architekt Reinig. Supermoderne Küchen oder Bäder sind die Ausnahme. Und doch sind gerade solche einfachen und günstigen Wohnungen in einer Stadt notwendig, die zu den teuersten in Deutschland gehört.

Die Initiatoren verkündeten gestern einen "ersten Erfolg" in ihrem Kampf um "Elisa". Drei Szenarien würden bis zum September von dem Architekturbüro Dittert & Reumschüssel geprüft, sagt Architekt Reinig, der die Initiative berät. Da wäre zunächst die Instandhaltung, die Reparaturen am Dach, an Balkons und den Einbau einer Zentralheizung umfasst. Bis zu 70 Euro mehr müssten die Mieter dann bezahlen. Als zweite Möglichkeit komme die Sanierung infrage. Wärmedämmung, neue Bäder, leichte Veränderungen beim Grundriss der Wohnungen würde das umfassen und die Miete auf einen Quadratmeterpreis zwischen 5,60 Euro und sechs Euro hochtreiben.

Während Variante eins und zwei von den Mietern mitgetragen würde, kommt Variante drei - Abriss und Neubau - für sie nicht infrage. Auch in Politik, Bezirksamt, Stadtentwicklungsbehörde und unter Experten gilt das dritte Szenario als das unbeliebteste. "Hamburg läuft Gefahr, sein rotes Gesicht zu verlieren", sagt Prof. Dirk Schubert von der HafenCity Universität. Der Wissenschaftler leitet die Fritz-Schumacher-Gesellschaft, die sich dem architektonischen Erbe des legendären Hamburger Oberbaudirektors der 20er- und 30er-Jahre verpflichtet fühlt. Für Schubert sind die Backsteinfassaden für das Image Hamburgs unverzichtbar und ein "Alleinstellungsmerkmal gegenüber putzdominierten Städten wie Berlin". Die Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde, Kerstin Graupner, verweist darauf, dass einzelne Backsteingebäude durch "Erhaltungssatzungen" geschützt werden könnten.

Im konkreten Fall ist von staatlicher Seite allerdings wohl nur schwerlich etwas gegen einen Abriss zu unternehmen, zumal die Genehmigung bereits erteilt wurde, wie aus einem Schreiben des Bezirksamts Mitte hervorgeht. Der designierte Bezirksamtsleiter Andy Grothe setzt nun darauf, dass alle Beteiligten "ergebnisoffen und ernsthaft" die drei Szenarien prüfen.

Die "Rettet Elisa"-Initatoren haben allerdings ihr Vertrauen in die Genossenschaftsführung verloren. Zumal Vorstandsmitglied Markus Kopplin auch gestern wieder deutlich machte, dass aus seiner Sicht "Abriss und Neubau der Wohnanlage folgerichtig" sind.